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Der Israelit · 1904-12-08 · Heft 97 (8.12.1904) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 97 (8.12.1904)
Date
1904-12-08
Page
– (sequence 18)
Language
German
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2108 -hatte Großmutterchen nicht verlassen, und nur jedes Jahr einmal hätte sie ihr LheuereS Grab aufgesucht. Aber dem hatte sich der Vater entschieden widersetzt, denn die neue Mutter sagte, das ginge der Leute wegen nicht, die bann annehmen könnten, sie habe das Kind aus dem Elternbause vertrieben. Und so lebte die alte Frau denn ganz allein in dem alten, großen Hause in der kleinen Stadt, in dem sie geboren. Bald nachher aber hatte das Schreckliche begonnen. Ganz allmählich hatte sie ibre Kreise gezogen, die kluge, brennend ehrgeizige Frau um den arglosen, nichts ahnenden Mann. Allmählich, langsam, sacht, und ihn gefangen, umgarnt. Sie wollte steigen, herrschen in der Gesellschaft, der höchsten nach ihren Begriffen. Eitler Wahnl Ihr Mann sollte endlich Karriere machen, wie sie es nannte. O, die kleine Miriam war klug, sie hatte frühzeitig manches achtlos hingeworfene Wort aufgefangen, sie lernte nach und nach hell sehen, begreifen. Denn mit einem Male stand es ganz fest und sicher bei ihr, hatte sie das Ganze durchschaut. War es möglich? War ihre Macht so groß über den Vater, daß sie alles erreichte und durchsetzte, auch das schier Unmögliche! Konnte er. ihr geliebter, weicher, herzensguter Vater sich so weit vergessen, das Andenken der Toten so beflecken? Existirt denn die kleine Miriam gar nicht mehr für ihn? Es schien so! In der Hand dieser berechnenden kalten, schönen Frau war er Wachs, weiches, schmiegsames Wachs. Die kleine Miriam war unter solchen trüben Betrachtungen in ihr Zimmerchen gelangt, das im zweiten Stockwerk des geräumigen Hauses lag. Auf der Treppe begegnete ihr niemand, aber im ersten Stock war es sehr unruhig. Das niedliche, hell gekleidete Stubenmädchen flog an ihr vorbei wie ein Wirbelwind. Im Schlafzimmer ihrer Mutter, das neben dem Ankleideraum gelegen war, erklang grell und anhaltend das elektrische Läutewerk. Die Herrschaften waren zu einem abendlichen großen Feste geladen; Miriam hatte schon vor einigen Tagen davon gehört. Sie hatte also den Abend für sich, ganz für sich, wie so oft. Aber daS stimmte sie nicht traurig, ganz im Gegentheil. Sie war am liebsten allein, seit die Mutter sie verkästen und auch Großmütterchen verzogen, sie hatte ja auch keine Menschenleere. der sie sich anvertrauen, der sie ihr Leid klagen konnte. Man behandelte sie nicht schlecht, o bewahre! Ihr Vater war oft von rührender Liebe und Güte, wenn er allem mit ihr war. und auch die Mutter behandelte sie in letzter Zeit mit auffallender Freundlichkeit. Die kleine Miriam'wußte ganz genau weshalb, jeder „Eklat" sollte vermieden werden, ihr feines Oh« hatte diese Worte aus dem Munde der Mutter vernommen, durch die dicken Portieren hindurch hatte der Schall sie getragen, als sie nichtsahnend vor dem Bilde ihrer toten . Mutter staub. Sie war nun in ihrem Zimmer, einem freundlichen. Hellen Mädchcnstübchen. Es fehlte hier nichts, gar nichts, auch dem verwöhntesten Kinde hätte es genügen können. Daneben lag das Schlafzimmer, ein luftiger, mittelgroßer Raum. Scheu trat die kleine Miriam in die verbindende Thür, die halb von einer weichen Portiere verdeckt wurde, und scheu gingen ihr: großen, dunklen, schwermüthigen Angen in die eine Ecke des Zimmers. Dort, als wenn ihre Blicke Schreckhaftes sähen, blieben sie entsetzt und starr hängen, der mochten sie sich nicht loszureißen. Ein Spuk, affte ein unbarmherziger Spuk ihre Sinne? Ein kleines Tischchen stand dort etwas im Dunklen, gestern erst hatte man es dort hingestellt. Eine purpurrothe Decke darüber, darauf ein Kruzifix in kostbarer Ausführung, gold- und juwelenfunkelnd. Das war es, woran der kleinen Mirjam Angen so erschreckt hinoen. Roch war das Schreckliche nicht geschehen, das alles waren erst die Vorbereitungen. . . Und all ihr Sträuben, ihre Widerrede hatte nichts gefruchtet, war ungehort verhallt. Sie war ja nur ein Kind, ein schwaches Kind! Man umfing sie mit liebevollen Worten, mit freundlichem Zuspruch. Was vermochte sie gegen den Vater, der im Banne dieser Frau, ihrem Willen unterjocht war? Sie hatte ja den Versuch gemacht, sich diesem Gewaltakt zu widersetzen, gebeten, gefleht, dem Vater Feigheit, Fahnenflucht in's Gesicht geschleudert! Aber das wollte sie nie wiederthun, niemals! Er war kreidebleich, zum Umsinkeu schwach geworden! Sie hatte sich dann scheinbar gefügt, aber nur scheinbar. Ganz im Stillen aber einen Plan ausgeheckt, und den wollte sie am heutigen Abend zur Ausführung bringen, so leicht würde sich keine günstigere Gelegenheit dielen wie heute. Die wollte sie auch ergreifen; sie ging zur Großmuter, und lebend sollte man sie wider ihren Willen nicht wieder in dieses Haus bringen. Darum war sie auch heute, am letzten Tage ihres Hierseins, noch einmal am Grabe ihrer Mutter gewesen, für lange Zeit zum letzten Male. Mit Geld war sie reichlich versehen. daran ließ es der Vater nicht fehlen. Bedächtig, mit klug abwägendem Verstände, legte sie einige Kleidungsstücke zusammen, nur das Nöthigste, etwas Wäsche und den Schmuck ihrer verstorbenen Mutter, den ihr der Vater vor Kurzem geschenkt hatte. Das schnürte sie in einen kleinen, gestickten Reisesack, holte ihre Börse aus dem Schiebfach und trug alles auf das kleine Sopha. Da klopfte es. Das Mädchen war es. Ob Fräulein Miege' hier oben oder im Speisezimmer esten wolle. Die Herrschaften Kien schon fort und ließen sie noch grüßen. Schon fort! Die kleine Miriam athmete auf. So. nun galt es zu handeln. Sie dankte dem Mädchen für das Abendbrvd. sie habe Kopfschmerzen und wolle noch in die Lust und dann zu einer Freundin. \ 4 f i | 11 l ■ .

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