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Der Israelit · 1904-12-08 · Heft 97 (8.12.1904) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 97 (8.12.1904)
Date
1904-12-08
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Wie kleine rnaiu. Skizze von L- Weiser. lNachdruck verboten. Sie kam vom Friedhof, vom Grabe ihrer Mutter. Wieder einmal hatte sie die Stätte besucht, die das Liebste barg, was die Erde für sie gehabt. Traurig, gesenkten Hauptes kam das Mädchen daher. Gräser und kleine Büschel trug sie im Gebetbuch; die pflegte sie stets mitzunehmen, und wenn sie die ansah. glaubte sie den Hauch des toten Mütterchens -zu verspüren, das schone, blasse, schmale Gesicht vor sich zu sehen. Wenn sie noch lebte, vieles, vieles wäre nicht geschehen, der Vater ihr nicht entfremdet. Die kleine Miriam, jetzt nannte man sie Miege, ging müden Schrittes die wenigen Stufen zu dem stattlichen Hause hinan, das ihr Vaterhaus war. Dem Namen nach nur mehr! Wohin war der heimliche Friede, die süße, beschauliche Ruhe desselben gewichen? Wo blieben die Freunde der Familie, die.alten, treuen Freunde? Dahin war der Friede, verschwunden die Freunde. In den Räumen, die ihre Mutter mit unaussprechlichem Glück und Segen belebt, schaltet und waltet eine Fremde, eine ehrgeizige, selbstbewußte Frau. Aus dem traulichen Familienleben war ein geräuschvolles, lautes Gesellschaftstreiben geworden. Die kleine Miriam fühlte sich hier nicht mehr zu Hause, sie kam sich vor wie ausgestoßen, wie eine Fremde dünkte sie sich im Elternhause. Sie, das verhätschelte, geliebte Kind'' einer allzu guten, zärtlich besorgten Mutter. Und wie alles im Hause, so hatte sich auch der Herr desselben, ihr Vater, wie umgewandelt. Mit wie bittern Schmerzen erinnerte sie sich noch des Tages, da er ihr die schöne, strahlende, neue Mutter zugeführt! Wie war sie erschrocken bis in's innerste Herz hinein! So rasch konnte man vergessen! All' die Liebe, die sonnige Freundlichkeit, die ehrliche Arbeit und Fürsorge, war die mit der Mutter begraben, vergessen? Wie schwer, sö unendlich schwer ihr das geworden, Mutter zu sagen! Sie hatte es ja anfangs nicht über die Lippen gebracht. Wie war das auch möglich? Vor einem knappen Jahre erst hatte man ihr totes Mütterchen an die Seite des Großvaters gebettet. Unter Wehklagen und Schluchzen und vielem Leid der Armen und Aermsten. denen sie eine hilfreiche Freundin gewesen! Und jetzt kam da eine ganz Fremde, drängte sich einfach an diesen theueren Platz, welcher der geliebten Verstorbenen gehörte, und verlangte mit stolzer Sicherheit den süßen. Mutternamen. Die kleine Miriam war eben vierzehn Jahre alt. Sie war sehr klein und zart für ihr Alter, aber geistig ungemein entwickelt. Sie empfand intensiv, bis er sich zu körperlichen Schmerzen steigerte, den heiligen, großen Schmerz beim Tode ihrer Mutter, kostete ihn bis zur Neige aus, als die andere kam und ihre Stelle einnahm. Das war jetzt schon wieder ein Jahr her. Auch die Großmutter hatte sie dann entbehren müssen, konnte ihr nicht mehr zur Seite, sein als Hülfe und Stütze. Die'war bald nach der Wiederverheirathung ihres Vaters in die alte Heimath gezogen. weit fort, eine ganze Tagereise. Wie gern wäre die kleine Miriam mit ihr gegangen und bei ihr geblieben. und wenn es am Ende der Welt gewesen, sie . / r

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