Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 83 (20.10.1904)
- Date
- 1904-10-20
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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1773 Kräften aufzuhalten. Ueber 2000 jüdische Vereine und Wohlthätigkeitsanstalten arbeiten Hand in Hand mit der in Rußland in hohem Grade entwickelten privaten Wohlthätigkeit, suchen die verhungernden jüdischen Massen solange zu unterstützen, bis eines Tages auch im Osten die Sonne der Freiheit aufgehen und dem durch die verruchten Maigesetze in seinem Erwerbsleben gehemmten jüdischen Volke in Rußland seine Bewegungfreiheit wiedergeben wird. Sehr interessant ist auch das Schlußkapitel über das jüdische llnterrichtswesen. Von den 696,000 jüd. Kindern im schulpflichtigen Atter werden 343,000 in 24,540 Cheders, 20,000 in 500 Talmud-Thoras unterrichtet. Dazu kommen 107,000 Kinder, die in 820 modernen Volksschulen (darunter 183 staatliche) und 20,000 in den allgemeinen Volksschulen unterrichtet werden. 206,000 Kinder bleiben ohne jeden Unterricht. Diese Kinder stnd aber nur weiblichen Geschlechts, da die Knaben für alle Fälle in Cheders und Talmud-Thoras Unterkunft finden. Der Unterricht ist übrigens keineswegs so billig. Das „Chedergeld" beträgt im Durchschnitt 2* Rubel monatlich, und das russische Judenthum wendet für die Unterhaltung seiner veralteten Cheders nicht weniger als 11 Millionen Rubel jährlich an. Mit dieser Summe konnte die gesamnite jüdische Jugend in modernen Volksschulen untergebracht werden, wenn äußere und innere Gründe das Fortbestehen der Cheders nicht begünstigen würden. Die Zahl der jüdischen Gymnasialschüler belief sich im Jahre 1894 auf 5281 gegen 9582 im Jahre 1881. In 14 Jahren ist in Folge der prozentualen Beschränkung die Zahl der jüdischen Gymnasiasten um 4301 vermindert. Weniger verderblich bat dieselbe Beschränkung aus die Zahl der jüdischen Studenten gewirkt. Dieselbe ist trotz aller Aufnahme- Verbote von 1232 im Jahre 1886 auf 1757 gestiegen. In Prozenten ausgedruckt, hat aber auch hier eine starke Abnahme stattgefunden. denn das Verhältniß zwischen der Zahl der jüdischen und nichtjüdischen Studirenden ist inzwischen von 14,8 auf 10.9 Prozent zurückgegangen. Dock kehren wir zur weiteren Besprechung des uns vorliegenden Buches zurück. Es braucht wohl kaum besonders hervorgehoben zu werden, daß das in dem Buche aufgehäufte enorme Zahlenmaterial nicht von einem einzelnen zusammengetragen sein konnte. Die „Sammlung von Material über die ökonomische Lage der Juden in Rußland" ist in der That ein Sammelwerk, au dem unter Leitung eines Redaktionsstabes nicht weniger als 1000 Korrespondenten aus allen Theilen des AnsiedlungsrayonS gearbeitet haben. Die Konzeption des Buches, und die erstm Pläne zu seiner praktischen Verwirklichung wurde 1898 von Emil Meyersohn, dem jetzigen Direktor der I. C. A. für Rußland und Palästina entworfen. Auf Grund dieses Entwurfes schritten dann die Herren Bramson. Bjelkowski. Brutzkus, Ettinger, Frumkin, Janowski. Kroll, Posner und Sternberg, unter Redaktion der Herren Meyerson, Bramson, Posner und Janowski zur Ausarbeitung des gesammelte» Materials wie der einzelnen Abschnitte. So haben diese modernen Vertreter des arbeitenden Jung-Jsraek in sechs Jahren ein großes Werk geschaffen, und die jüdische Litteratur um ein neues Gebiet, das der jüdischen Statistik, bereichert. Nebst diesen schöpferischen Männern hat da- Judenthum die Schaffung des Werkes der I. C. A. zu verdanken, welche seit sieben Jahren bei keinem großen, das gesammte Judenthum tangirenden Unternehmen fehlen zu wollen scheint. Diese Gesellschaft bat bei ihrem umfangreichen Wirken in drei Welttheilen manchen Fehler gemacht und schon oft die Kritik herausgefordert. Angesichts der Schaffung und der Herausgabe des ersten großen jüdischen statistischen Werkes werden sich wohl selbst ihre schärfsten Gegner mit ihr versöhnen, obwohl auch an dieser jüngsten hervorragenden Leistung der „Jüdischen Kolonisationsgesellschaft" auch die wohlmeinende Kritik etwas auszusetzen hätte. Die I. C. A. hat nach unserer Ansicht den Fehler gemacht, das so bedeutsame Buch in der russischen Sprache erscheinen zu lassen. Welche Gründe die Gesellschaft veranlaßt haben mochten, ein Buch, das für die gesammte jüdische Welt von unermeßlicher Bedeutung werden muß, in einer den meisten gebildeten Menschen unverständlichen Sprache herauszugeben, ist uns unerfindlich. Vielleicht war es nur bloße Unachtsamkeit, indem die I. C. A. es einfach vergessen hat, das von russisch schreibenden Männern verfaßte Buch, aus dem russischen Manuscript in eine Kultursprache übertragen lassen. Vielleicht wollte man aber durch das Buch auf das russische Publikum oder gar aus die maßgebenden Kreise der russischen Regierung wirken. Sind wir es doch gewöhnt, bei allen unseren kleinen und großen Handlungen uns vorerst sorgfältig darnach zu erkundigen, „was die Völker dazu sagen werden? .. Gleichviel. Das Buch hat das Licht der Wett erblickt. und loir wollen uns nicht die Freude daran verderben. daß dies in Petersburg erfolgt ist. Jedes Buch kann schließlich übersetzt werden. Mögen diese Zeilen dazu beitragen, daß die Uebersetzung ins Deutsche recht bald erfolgt, damit auch das nichtrussische Judenthum an der ersten jüdischen Statistik seine Freude haben kann.