Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 83 (20.10.1904)
- Date
- 1904-10-20
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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1772 dermann aus dem Judenthum werthvoll fein müßten, sollen hier wiedergegeben werden: Die. Zahl der ruffischen Juden belief sich bei der allgemeinen Volkszählung von 1897 auf 3,189,491, von denen 4,874,636 — 93,9 Proz.im Ansiedelungsrayon wohnen, bin Vergleich mit früher stattgehabter Volkszählung ergibt, daß die Juden in Polen in acht Jabren um 16,1 Prozent, die im übrigen Ansiedelungsrayon in 17 Jahren um 92,2 Prozent zugenommen haben. Die nichtjüdische Bevölkerung des letztgenannten Gebietes weist aber für diese Zeit eine noch weit stärkere Zunahme, nämlich von 26 Prozent auf. Danach könnte man wohl berechnen, wieviel Juden während der siebzehn Jahre Rußland verlassen haben. Welche enorme Verwüstung die Emigration unter den russischen Juden bereits angerichtct hat, beweist der unverhältnißmäßig hohe Prozentsatz der Frauen sowie der Männer im noch nicht erwerbsfähigen Alter von unter 20 Jabren. Es kamen 100 Frauen im Gouvernement Wilna auf je 92,2, im Gouvernement Wittebsk gar auf je 90 Männer, während bei den Nichtiuden die gleickie Anzahl Frauen auf je 99,4 resp. 99,1 Männer kamen. Im Alter von unter 20 Jahren bilden die Juden in den Städten des Gouvernements Wilna 33.3, des Gouvernements Wittebsk 60,4 Prozent der Bevölkerung gleichen Alters, während der durchschnittliche Prozentsatz der Bevölkerung 33.4 resp. 48,3 Proz. beträgt. Die Juden im minderjährigen Alter sind in den Städten wenigstens verbältnißmäsiig zahlreicher als die nichtjüdischen Altersgenossen. Umgekehrt ist dagegen der Prozentsatz für erwerbsfähige Altersklassen von 20 bis 40 Jahren. In diesem Alter bilden die Juden nur 38,6 resp. 44,5 Proz. der gesammten städtischen Bevölkerung. Die starken und erwerbsfähigen Männer verlassen in großen Schaaren die Heimatb, während die Frauen und die Minderjährigen zu Hause bleiben. So führt die Emigration die Verschlechterung der ökonomischen Lage der russischen Juden im allgemeinen herbei. Eine eigenartige Zuchtwahl, die dem in Rußland verbleibenden Reite der jüdischen Bevölkerung eine sehr trübe Zukunft in Aussicht stellt. Nebst der großen und sehr folgenschweren Auswanderung findet fortwährend eine starke Verschiebung der jüdischen Bevölkerung, auch innerhalb des Ansiedlungsrayons selber, statt. Ein Vergleich mit früheren Volkszählungen ergibt nämlich die hochinteressante Thatsache, daß die Zahl der Juden innerhalb 17 Jahren in den westlichen Gouvernements nur um 7.5, in den Mittlern Gouvernements dagegen um 29,3 und in den östlichen Gouvernements gar um 46,8 Prozent gestiegen ist. Es findet also fortwährend eine innere Emigration statt, wobei sich die jüdische Bevölkerung allmählich von Nordwesten nach Südosten vorfchiebt. Wovon lebest nun diese Millionen Juden und was treiben sie? Der Beantwortung dieser Frage ist daS ganze Buch gewidmet, das gewiß bahnbrechend wirken' und gleiche Schriften über die Juden in Galizien, Ungarn und Rumänien zur Folge haben wird. 'Der uns knapp bemessene Raum gestattet uns nur einige Zahlen ohne allen Kommentar mitzutheilen. Zunächst geben wir die überraschende Thatsache wieder, daß die russischen Juden, denen das Wohnen auf dem flachen Lande untersagt und die Beschäftigung mit der Landwirthschaft somit nahezu gesetzlich verboten ist, dennoch Mittel und Wege gefunden haben. Acker- und Gartenbau zu treiben. Nicht weniger als 200.000 Juden ernähren sich in Rußland von der Erzeugung landwirthschaftlicher Produkte. Bon diesen leben 76.000 in 296 Kolonien, wo sie gegen 116,000 Hektar Land bebauen. Der Rest treibt in kleineren Städtchen Gartenbau und Viehzucht oder arbeitet als Knechte im Tagelohn. Gegen 780,000 Juden suchen sich ihr kärgliches B^od als Handwerker oder ungelernte Arbeiter zu verdienen, wobei die Zahl der Handwerker allein auf 684.000 angegeben wird . Rechnet man alle Juden im Alter von über 10 Jahren als bereits erwerbsfähig, so ergibt sich, daß nicht weniger als 21% Proz. aller erwerbsfähigen Juden als Handwerker oder Tagelöhner arbeiten. Daß bei einer solchen Ueberfüllung das Handwerk keinen goldenen Boden hat, braucht wohl kaum besonders hervorgehoben zu werden und es ist nur bezeichnend für die hilfslose Lage der russischen Juden, daß die Zahl der Handwerker fiit 1887 dennoch enorm in manchen Städten um mehr als 5 Proz. gestiegen ist. Was sollen die Armen, denen der Staat alle und jede Bewegungsfreiheit beraubt hat, auch sonst beginnen, als immer tmeder und wieder zum Handwerk zu greifen! Sollen sie etwa als Fabrikarbeiter gehen, wo sie den Sabbat entweiben und die ganze Woche über von ihren christlichen Arbeitsgenoffen gehänselt werden? Die Zahl der jüdischen Fabrikarbeiter ist daher in Rußland äußerst gering und dürfte 34,000 kaum übersteigen. Die russischen Juden leben also in ihrer überwiegenden Mehrheit entweder als Handwerker oder alZ Luftmenschen, ohne jede sichere Grundlage unter den Füßen; dementsprechend ist auch.die Zahl der völlig Armen unter ihnen. Während in Deutschland die unterstützungsbedürftigen Armen 3.3. in England 2.9 und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika nur 0,14 Proz. der Gesammtbevölkerung ausmacht, habe» im Jahre 1898 in Rußland nicht weniger als 160.000 jüdische Familien mehr oder weniger unterstützt werden müssen. Gege 20 Proz. aller russischen Juden ist außer Stande sich ohne fremde Hilfe zu ernähren. Dieser herzzerreißenden Thatsache gegenüber muß jedoch andererseits konstatirt werden, daß die russischen Juden ihr Schicksal keineswegs stumpfsinnig ertragen. Vielmehr bieten sie alles auf, um die Noth zu lindern und die fortschreitende Proletarisirung des Volkes nach