Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 83 (20.10.1904)
- Date
- 1904-10-20
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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45. Jahrgang. Dritte Asilage zu Jß 83 des „Israetit." Dis Ich m k W« ia WM.. Von I. Turoff—B e r l i n. Nach einer beängstigend langen Periode litterarisch-wissenschaftlicher Unfruchtbarkeit können wir endlich über das Erscheinen eines neuen bedeutsamen Buches berichten. Schon allein diese Thatsache selbst, noch mehr aber der Inhalt des Buches. das ein neues, bisher nur sehr vereinzelt und sehr schüchtern betretenes Gebiet bearbeitet, zeugt davon, daß von einem Nachlassen der geistigen Kräfte nicht die Rede sein kann. Unsere rings von Feinden umgebene Glaubensgemeinschaft siebt sich gezwungen, einen großen Theil der ihr zur Verfügung stehenden Kräfte, welche sonst für edlere Ziele batten verwendet werden können, den Feinden entgegen zu stellen: die Organisation der jüdischen Woblthätigkeit. um so die Volksmassen besser vor der drohenden Proletarissrung schützen zu können, unsere Emigrations- und Kolonisationspolitik, die Abwehrbewegung, kurz der ganze Kampf gegen den Antisemitismus mit allen seinen unmittelbaren und mittelbaren Folgen absorbiren unsere besten Kräfte, so daß für andere als sozialpolitische Bestrebungen nur sehr wenig übrig bleibt. Es ist gewiß beklagenswerth, daß die Juden aus ihrem beschaulichen Dasein gerissen und gewaltsam in das häßliche politische Getriebe gestoßen wurden. Nichtsdestoweniger dürfen wir vor der Wirklichkeit, so häßlich ihr Anblick auch ist. die Augen nicht schließen. Nicht wir haben den Kamps gesucht und nicht in unserem Belieben liegt es, ihn abzubrechen. Wir werden kämpfen müssen, solange es dem Feinde beliebt und genau so lange wird sich bei uns alles, was um Kopfeslänge über der Masse emporragt, weniger nach innen als nach außen, weniger auf wissenschaftlichein als auf sozial-politischem Gebiete zu bethätigen haben. Auch die „Sammlung von Material über die ökonomische Lage der Juden in Rußland"*) ist eine solche sozial-politische Tbat. dazu bestimmt, unser Rüstzeug zu vervollkommnen und dem ersten Postulat eines jeden Krieges, die genaue Kenntniß der' eigenen Kräfte, zu genügen. Wir haben diese unumgängliche Forderung bisher in fast unverantwortlicher Weise vernachlässigt. Obwohl wir seit einem Dierteljahrhundert gegen einen übermächtigen Feind zu kämpfen haben, sind wir in Folge des Fehlens einer jeden Statistik über Juden und Judenthum über den Umfang unserer Kräfte nur sehr mangelhaft unterrichtet. •) Sammlung von Material «ber die ökonomische Lage der Juden in Rußland. OerauSgeaeben von der jüdischen Kolonisa- SoargesellsLaft". 2 Bände. St. Petersburg 1904. Da sind beispielsweise die Juden Rußlands, deren Schicksal uns unablässig beschäftigt und deren Emigration bereits das Leben fremder Völker zu tangiren beginnt. Mas wissen wir über diese Glaubensgenossen, die mit den in vier Welttheilcn begründeten Kolonien nahezu Dreiviertel des gesammten jüdischen Volkes bilden? Zu unserer eigenen Beschämung müssen wir bekennen, daß wir über sie ebenso gut wie gar nichts wissen! Jeder, der sich mit der Judenfrage in ihrer Totalität befaßt, wird bestätigen, wie sehr ihn diese Ünlenntniß auf Schritt und Tritt geniert hat und wie jeder von uns durch Sammlung von Zeitungsnotizen und sonstigen nur halbbegtaubigten Nachrichten sich zu behelfen suchte. Wir tasteten da eben, völlig lin Dunkeln. Die vorliegende „Sammlung von Material über die ökonomische Lage der Juden in Rußland" wirft ein Helles Licht in dieses Dunkel. In einem Umfange von mehr als 75 großen Druckbogen ist eine kaum geahnte Fülle von Material zusammengetragen worden, die das klassische Buch auf Jahrzehnte hinaus zum unentbehrlichen Tischbuch gemacht für jeden, der sich mit der Judenfraae beschäftigt. Die Zahl der Juden, ihre Vertheilung über Stadt und Land, sowie ihre Wanderung innerhalb des ihnen zugewiesenen Wohngebietes, ferner Zahl und Umfang der jüdischen landwirthschaftlichen Kolonien, deren Entstehung und weitere Entwicklung, alles das wird dem freudig überraschten Leser nach zuverlässigen Quellen in angenehmer Fülle Und wohlwollender llebersichtlichkeit geboten. Ein sehr lreiter Raum von 210 Seiten ist für die Juden als Handwerker und ungelernte Arbeiter reservirt und ein weiterer ebenso umfangreicher Raum den jüdischen Fabrikanten und Fabrikarbeitern gewidmet. Die beiden letzten Abschnitte des umfangreichen Buches befassen sich mit der ethischen Seite des russischen Judenthums. Einleitend wird auf 18 Seiten in kühler zahlenmäßiger Darstellung, die aber durch ihre Leidenschaftslosigkeit umso ergreifender wirkt, ein Bild von der jüdischen Armuth entworfen, um dann die zur Milderung dieser Armuth bestehenden Vereine und Anstalten ausführlich zu besprechen. Der sechste und letzte Abschnitt beschäftigt sich mit den vom jüdischen Volke aus eigener Initiative errichteten und mit eigenen Mitteln unterhaltene» Bildungsanstalten (Cheders, Talmud-Thoras und Volksschulen), die unter dem schweren Druck , des russischen Golus weit davon entfernt sind, ein Bild der Vollkommenheit zu sein. Wir müssen uns leider versagen, über daS gesummte in dem Buche massenhaft angehäufte Material an dieser Stelle auch nur referirend zu berichten. Nur die allerinteressantesten Daten, deren Kenntniß für Je-