Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 83 (20.10.1904)
- Date
- 1904-10-20
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450060--61619-2524518- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
hülle dennoch eine sehr lange Vorgeschichte, die bis zum Jahre 1900 zurückdatrrt. Den ersten Anstoß zu einer „Reform" der Maigcsetze gab der damals noch allmächtige Finanzminister Witte, der trotz seiner jiid. Frau für die Juden zwar nicht das Mindeste übrig hatte, aber im Jntereffe der mit chronischem Defizit und periodisch wiederkehrenden Anleihen arbeitenden russischen Finanzen einige Vorrechte für die reichen Juden haben wollte. Ihm schloß sich der Minister des Innern, Herr Durnowo. an. der seinerseits Erleichterung für die jüdischen Handwerker forderte. Die Zahl dieser ehrlichen, zu langsamem Verhungern verurteilten Arbeiter hat seit Erlaß der Maigesetze in erschreckender Weise zugenommen. Die in ihrer Bewegungsfreiheit gehemmten, durch diese Gesetze in ihrem Erwerb stark eingeschränkten Juden wußten in ihrer Noth nichts Besseres zu beginnen, als immer wieder und wieder zum Handwerk zu greifen, das in Folge der erdrückenden Konkurrenz seinem Manne nicht einmal das trockene tägliche Brod mehr geben konnte. Die so in die Enge getriebenen jüdischen Proletarier griffen zum Wanderflab oder verschrieben sich in ihrer Verzweiflung dem von der russischen Regierung so gefürchteten „Bund". Dem Ministerium des Innern lag daher sehr daran, die Lage des jüdischen Proletariats zu erleichtern. um so dem „Bund" das Arbeitsfeld einzuschräuken. Zu diesen beiden Faktoren trat sehr bald ein dritter hinzu. Auch die Fübrer des russischen Judenthums. die von den Plänen der Negierung erfahren halvn, meldeten sich mit ihren Wünschen. Sie baten den Minister des Innern, eine jüdische Deputation zu empfangen, welche die Behörden auf die allgemeine Lage der Juden aufmerksam machen sollte. Allein davon wollte der Minister nichts wissen. Eine jüdische Deputation empfangen, mit den Juden etwa gar verhandeln? Was ein richtiger russischer Tschinownik ist, mag keine Deputation leiden, geschweige denn eine jüdische Deputation. Den Juden wurde daher nahe gelegt, als Privatpersonen und in einzelnen Zuschriften ihre Vorschläge zu machen. Das geschah auch, aber die Vorschläge der Juden überstiegen doch alle Maßen und Grenzen! Zwar an eine völlige Aufhebung der Maigesetze wagten auch sie nicht einmal in ihren kühnsten Träumen zu denken. Nicht allein forderten sie die Aufhebung der 50 Werstzone und die Gewährung des Wobnrecksts auf dem flachen Lande, sie verlangten sogar die Erweiterung des 25 Gouvernements umfassenden Ar siedekungsranons um die iveiteren 6 Gouvernements Smolensk, Tschernigow, Pskow. Kurland, Livland und Estland. Sie motidirten diese Forderung danrit, daß die Zahl der Inden in genannten Gouvernements jetzt schon sehr groß wäre. .Ferner verlangten sie die Wiedereröffnung der den Juden nach Erlaß der Maigesetze gesperrten weiten Gebiete Sibirien, Zentralasien, Kaukasus. Diese letztere Forderung wurde damit begründet, daß diese Ländereien nicht weniger als ztvei Drittel des gesammten Zarenreiches repräsentiren und daß absolut gar kein Grund vorliegt, weßhalb diese so wenig bevölkerten Gebiete den Juden verschlossen bleiben sollten. Die Forderungen der Juden wurden als „ungeheuerlich" abgelehnt und nur die Aufhebung der 50 Werstzone acceptirt. Auch wurden in zwei Erlassen 100 Dörfer in den Ansiedelungsrayon hineinbezogcn. Aber an Stelle der. Juden trat der Justizminister Graf Murawjew als neuer Faktor ein. Als Justizminister forderte er. daß die gegen Japan kämpfenden jüdischen Soldaten zu den privikegirten Juden gerechnet werden sollen. Dieses wichtigste Zugeständnrß in dem ganzen Zarencrlasse haben die Juden also dem Grafen Murawjew und nicht, wie Mr. Zangwill behauptete, Herrn von Plehwe zu verdanken. Ferner danken die Juden diesem aufgeklärten Justizminister die Bestimmung des Paragraphen 10, wonach die einmal von den Eorporationen in den Gebieten außerhalb des Radons als ortsansässig registrirten Juden nicht mehr bebelligt werden dürfen, selbst wenn die Registrirung zu Unrecht erfolgt sein sollte. Endlich muß noch als sehr wichtigen bei dem Zustandekommen des Erlasses thätig gewesenen Faktor der Name des — Marschalls Oyama erwähnt werden. Ohne die Siege dieses großen Japaners würde der Erlaß, über den im Schoße einer Kommission fünf Jahre lang berathen wurde, wohl überhaupt nie das Tageslicht erblickt haben. Noch ein halbes Dutzend solcher Siege wie bei Liaujang und die Maigesetze werden für immer in dem Orkus verschwinden. Die neuen Prozesse 1« Kischinew. Nach dreitägiger Verhandlung wurde in Kischmetv vorläufig die Prozeßkomödie mit einem Urtheil gegen die zehn Mörder abgeschlossen, die am 20. April w. Js. das schaurige Blutbad im Hause Asiatschaja 13 angerichtet hatten. Der Fall wurde seiner Zeit durch die aufregende Darstellung bekannt, die der berühmte russische Schriftsteller Korolenko von den Vorgängen gegeben hat. Ich halt; Gelegenheit, das jetzt noch als traurige Ruine dastehende Haus im vorigen Jahre eingehend zu besichtigen, als noch die Haufen der gänzlich zertrünlmertcn und kleingeschlagenen Möbelstücke auf den blutbefleckten Fußböden herumlagen. Neben-zahlreichen Vergewaltigungen und schweren Körperverletzungen fielen an jener Unglücksstätle unter den Augen der die Gasse absperrenden und die Juden an der Bertheidigung hindernden Polizisten vier Morde vor, begangen am Hauseigentümer Machlin, ferner an Griinspahn, Berladski und Nissensohn, die theils vom Dache hernntergestürzt wurden, wohin sie fich vor den Excedenten geflüchtet hatten, theils in den Wohnungen durch langsame Marterung todtgeschlagen wurden.