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Der Israelit · 1904-10-20 · Heft 83 (20.10.1904) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 83 (20.10.1904)
Date
1904-10-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1752 *■ Er stand mit den Größten seiner Zeit in regem Brief-' Wechsel, und Schreiber dieser Zeilen hatte oft Gelegenheit. sich zu.überzeugen, welcher Werthschätzung sich der pnat seitens unserer Gedolim erfreute. Er war eine Größe auf talmudischem Gebiete, ein Mann, von welchem man eigentlich nicht recht wisseu konnte, ob Gelehrsamkeit oder Dcmuth und Bescheidenheit, ob Frömmigkeit oder Menschenliebe, ob Geduld und Resignation, oder Sanftmuth und Friedensliebe den Grundzug seines edlen Charakters und seiner ganzen Persönlichkeit ausmachten. Von der großen Verehrung, die sich der Verblichene hier erfreute, legte das am Sonntag stattgefundene Leichenbegängniß beredtes Zeugniß ab. Einige hundert Menschen erwiesen ihm die letzte Ehre. Am Grabe sprach unser verehrter Herr Rabbiner Dr. Breuer mit gewohnter Meisterschaft eine auf die Gemiither der zahlreichen Zuhörer tief einwirkende Trauerrede, in der er seinem aufrichtigen Schmerze passende und erhebende Worte über die Verdienste und Vorzüge des Verewigten lieh. Möge der Allmächtige die tiefgebeugten Zurückgebliebenen trösten und aufrichten und uns Alle vor derartigen Verlusten, die in unserer Zeit doppelt schmerzlich empfunden werden müssen. bewahren. nnb m:r» vbi Kl. Feuilleton. irjam. historische Erzählung aus dem 16. Jahrhundert, von xlvLhuv Stern, i. An dem linken Ufer des Rheins, zwei oder drei Tagesreisen von Mainz, liegt das Städtchen B. Zur heutigen Zeit hat das Städtchen wenig oder gar keine jüdischen Einwohner, während es zur Zeit, da diese Erzählung spielt, im Anfänge des 16. Jahrhunderts, eine starke jüdische Bevölkerung hatte. Während in ganz Deutschland die jüdischen Gemeinden zur damaligen Zeit schwer unter dem Drucke ihrer Zwingherren. deren Leibeigene sie häufig waren, schmachteten, durften sich die Einwohner B.'s einer gewissen Freiheit erfreuen, welche sie dem Herrn des Städtchens, dem Grafen Gexsdorf einzig und allein verdankten. Dieser war ein äußerst gerader und gerechter Edelmann, der seinen jüdischen Unterthanen da» gleiche Recht angedeihen ließ, als seinen Glaubensgenossen. Sein Gut, zu dem. wie gesagt, das Städtchen B. gehörte. lag wenige Stunden von diesem entfernt. An der Spitze der jüdischen Gemeinde stand damals Rabbi Schlaume. ein allseitig wegen seines Wissens und seiner Frömmigkeit geachteter und beliebter Mann. Auch bei dem Grafen, mit dem er auf ungefähr gleicher Altersstufe stand, genoß er bedeutendes Ansehen, und war des Grafen Duldsamkeit den Juden gegenüber sehr viel diesem Umstand zuzuschreiben. Brachte der Rabbi bei ihm eine Beschwerde vor, so wurde sofort, wenn irgend möglich. Abhülfe geschaffen; und seine ganze.Macht setzte der Graf daran, die . Juden gegen Uebergriffe ihrer andersgläubigen Miibür-- ger zu schützen. — Rabbi Schlaume war gWz das Muster eines jüdischen Gelehrten. Er mochte damals 60 Jahre alt sein, obgleich man ihm dieses Alter noch nicht ansehen konnte. Das edelgeformte Antlitz war von einem kastanienbraunen Barte umrahmt, der nur hier und da einige graue Härchen aufwies. Die kleinen, durchdringend blickenden Augen waren von starken Brauen beschattet, und mächtige Locken fielen von seinem Haupte bis auf die Schultern. Eine Gattin hatte der Rabbi nicht mehr, schon lange war sie tot, seine treue, geliebte Mirjam, die seine Gefährtin sür's Leben batte sein sollen, und mit doppelter Liebe hing er deshalb an seiner einzigen Tochter; hatte ihre Geburt doch seiner Gattin das Leben gekostet! Und auch sie hieß, der niegekannten Mutter nach, Mirjam. So wuchs denn das mutterlose Wesen, von einer Amme, die dann auch später im Hause des Rabbi blieb, gepflegt aus, und trefflich entwickelte sich das Kind in der Einsamkeit- bis es fast sieben Jahre alt war, als sie ganz unerwartet einen Jugendgespielen bekam. In einem benachbarten Dorfe wohnte mit ihrem Gatten eine jüngere Schwester des Rabbi. Ein Sohn.. Rüben, war ihrer Ehe entsprossen, der etwa zwei Jahre älter als Mirjam sein mochte. Eine verheerende Krankheit forderte in dem Dorfe viele Opfer und raffte, auch in kurzer Zeit beide Eltern Rubens hin. So stand dann der verwaiste Knabe ohne Heim da, und nahm ihn der Rabbi deshalb zu sich in sein Haus. Ein inniges Freundschaftsband verknüpfte bald die beiden Kinder. Sie schienen unzertrennlich. Spielte Mirjam unschuldig im Garten, so war gewiß auch der eruste Rüben dabei, um ihr zu helfen. Gerieth sie m ihrem jugendlichen Leichtsinn in eine Gefahr oder drohte ihr ein kleiner Unfall, gleich war Rüben da, sie zu schützen. — So verging einige Zeit, und Rüben mußte nun daran denken, etwas zu lernen. Er hatte an seinem Oheim, dem Rabbi, einen gute» Lehrmeister, und wahrlich. die Folgen blieben auch nicht aus! Der Rabbi konnte seinen Schüler nicht genug loben, und wie stolz war Mirjam, ihren Gespielen, so loben zu hören. Wieder waren Jahre vergangen. Rüben war

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