Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 83 (20.10.1904)
- Date
- 1904-10-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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I 1761 Im Februar 1904 kamen zu Herrn Schucker. dem Direktor der Allianceschule in Schiras, zehn Israeliten mit der Frau und den Kindern des unglücklichen Chodadad Baghtch; sie flehten ihn an, er solle um Gottesuillen dem geplagten Manne Hilfe schaffen. Sofort schrieb ich, so berichtet Herr Schucker, dem Sohne des reichsten Landesherrn aus Schiras, Naser el Dowlet, dem das Dorf Kamedjoun angehört und berichtete ihm über die Ereignisse; auch bat ich ihn, er möge doch sofort den Befehl ergehen lassen, daß der Jude freigelassen werde und sich wieder zu seiner früheren Religion bekennen dürfe. Naser El Dowlet ist ein begabter-und aufgeklärter Jüngling, dessen Gesinnung gegen diejenigen der übrigen Adeligen Schiras sonderbar absticht, und der sich Rechenschaft gibt, daß die Duldsamkeit allein die Wohlfahrt eines Landes fördern kann. Er antwortete mir sehr liebenswürdig Und gab mir die Zusicherung, daß er dem Bürgermeister des Dorfes, der eben in Schira? verweilte, den Befehl ertheilcn würde, den Juden freizulassen und mit dem ihm zukommenden Gelde nach seiner Vaterstadt zu befördern. Run kamen aber zwei Wochen nach dem Ereignisse die Frau und die Kinder des Bekehrten ganz verzweifelt zu mir und erzählten mir, daß Khodadad Baghtch in Schilas im Gefängnisse sitze und der grausamsten Behandlung ausgeseßt sei: nach den Befehlen sollte er binnen acht Tage erschossen werden. Sofort eile ich zu Naser El Dowlet. um zu erfahren, was daran fei. Er erklärt mir. daß er Khodadad Baghtch in Anwesenheit des Bürgermeisters und einiger Einwohner aus Kamedjoun in Verhör genommen habe. Unser Glaubensgenosse bestand darauf, daß er gewaltsam bekehrt und feiner kleinen Habe beraubt worden sei, während der Bürgermeister und seine Gesellen das Gegentheil behaupteten. Da sich Naser el Dowlet nicht klar darüber werden konnte, so schickte er sie alle zu Alla el Dowlet. dem Gouverneur von Schira?. Der Biirgermeister Kamedjouns, eine Strafe befürchtend, ersann einen lügenhaften Bericht, indem er nun den Juden anklagte, die Tochter eines muselmännischen Priesters verführt und sie heimlich geheirathet zu haben, was der Wutb des Gouverneurs gegen den Juden, der es gewagt hatte, sich in eine Muselmännin, ja in eine Priesterstochter zu verlieben, die Krone aufsetzte. Sofort ließ er den Unglücklichen einstecken, er fiel den Kerkermeistern zum Dvfer, wurde entkleidet, durchgeprüqelt, erhielt zwei Tage weder Speise noch Trank. Acht Tage lang wurde er aufs grausamste gequält, und die lebte Qual stand ibm bevor, als ich davon benachrichtigt wurde. Naser el Dowlet war sehr wohlwollend und schien mit dem Schicksal des armen Juden Erbarmen zu haben. Er erklärte sich bereit, mir behülflich zu sein, um ihn freisprechen zu lassen. Jedoch schlug er alles mit einem solchen Gähnen vor. daß ich ganz entmuthigt davonging. Dessenungeachtet schrieb ich dem Gouverneur und bat ihn um eine Audienz; in meinem Briese deutete ich aber mit keinem Worte apf den Juden hin. Es handelte sich nämlich darum, vorsichtig zu verfahren. Sollte Allah el Dowlet nur ahnen, daß ich mich des Juden annahm, dann würde er auf der Stelle Khodadad Baghtch tödten lassen. Er empfing mich höchst liebenswürdig, wir sprachen über Politik und wie zufällig kam ich auf den Betreffenden zu reden. Nach und nach erzählte ich ihm von dem Sachverhalt und zum Schlüsse sagte ich ihm, daß Naser el Dowlet bereit sei. alles, was ich behauptet hatte, zu betheuern. Dann war wieder von anderen Dingen die Rede und ich empfahl mich ihm. ohne ihn über das Schicksal des armen Juden zu. befragen. — Allah el Dowlet war mir für diese Verschwiegenheit sehr erkenntlich. Kaum war ich eine Stunde zu Hause, als Kbodadad Baghtch in Begleitung von zwei Soldaten und von der ganzen indischen Bevölkerung, die laut jubelte, zu mir herbeieilw. In dem Brief, den er mir zukommen ließ, machte mir der Gouverneur diese seine Entscheidung bekannt, ferner fügte er hinzu, daß er nächstens nach Teheran wcgsahren wiirde und seh'' bedauere. mich vorher nicht empfangen zu können, da er noch so viel zu thun habe. Ich war von ollen diesen Bezeugunaen der Sympathie höchst gerührt, ich dankte ihm herzlich. Auch beschäftigte ich mich sodann mit dem armen Gefangenen, der elend aussah und mir erzählte. was er alles erlebt und dessen benarbter Körper, abgespannte Züge zur Genüge bezeugten, was er nur zu seiden hatte. Kaum daß er ztvei Wörter nach einander aussprechen konnte. Diesen Mann hatte man für einen Verführer aggeben wollen? ' Ich behielt ihn einiae Tage in meinem ssause aus Furcht, daß ilm der Bürgermeister Kamedioun? vor lauter Aeraer festnähme und an ihm Rache übe. Als das E'-eigniß etwas verafsten und der arme Mann wieder hergestellt war. lwß ich ihn nach Hause zurÜckkchren. wo er mit Jubel empfangen wurde. Es ist höchst bedauernswert!), daß Allah el Dowlet nach Teberan berufen wird, denn er läßt troß allem dem Gerechtigkeit widerfahren und läßt sich nicht bestechen. was in Persien selten borkommt. . DerfonaNen. Frankfurt a: M. Am vergangenen ,yp starb hier der ruhmlichst bekannte Talmudgelehrte Rabbi Elia R u b i n st e i n s. A. Der Tod dieses Mannes hat hier die allgemeinste Theilnahme erregt. Rabbi Elia Rubinstein stammt aus einer der vornehmsten Gelehrtenfamilien Rußlands. Er war ein Urenkel des „Wilnaer Gaon." Bor wehr als dreißig Jahren kaiy er hierher und lebte ansschließlich dem Thorastudiüm.