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Der Israelit · 1904-10-20 · Heft 83 (20.10.1904) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 83 (20.10.1904)
Date
1904-10-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Schoost sie getragen, e! n Vater sie erzogen.-So war es aber nichts Nicht als Bruder umschlang der Reformer den „Orthodoxen", nicht mit ihm wollte er zum Andenken und dem Dermächtniß zurückkehren. nicht einmal anerkennen wollte er dessen Recht, wie Jsmael es gethan, als er Jsak bei der Bestattung Abrahams den Bortritt ließ. Nein, nicht so. vielmehr einem Löwen gleich, dem die Krallen genommen, der nunmehr durch die Umarmung listig zu erdrücken sucht. Hirsch, Hildesheimer und Lehmann erkannten das klar und ließen sich nicht beirren. Der Sieg war errungen, er sollte ausgenutzt werden; ausgenutzt nicht in der Verfolgung des Feindes, aber in der Ausgestaltung des ihm abgerungenen eigensten Gebietes. Doch der Gedanke war z u klar, zu wenige verstanden ihn; mehr, die ihn nicht verstehen wollten. Diesen Großen erging es, wie jenem deutschen Kaiser im Mittelalter, der auf Sizilien eine konstitutionelle Verfassung einführte. Er war seiner Zeit vorausgeeilt. Jahrhunderte dauerte es noch, bis man dies Beginnen zu würdigen verstand, bis wirklich das Volk in schrecklichen Bürgerkriegen sich das blutig eroberte, was es verschmähte, da es ihm unblutig friedlich gereicht ward. So verhält es sich mit dem Austrittsgesetz' Gerade heute, wo diese Frage in der Oeffentlichkeit nicht akut ist, können wir einmal in Ruhe über diesen Punkt uns auslassen. Mit dem Momente, mit dem der Kampf hätte zu Ende sein können, begann er erst recht. Konsequenz oder Inkonsequenz bei den prinzipiell Gleichgesinnten war das Losungswort hüben und drüben. Daß die Bannerträger im Streite jetzt, da sie im Kampfe gesiegt hatten, auch von ihrem ihnen jetzt rechtlich zustehenden Mittel Gebrauch machten, ist selbstredend. War ihr Grund aber blos dieser äußerliche? Gewiß nicht. Diese Größen sind erhaben über jede Verdächtigung eines selbstsüchtigen aber auch eines unüberlegten Schrittes. Heute gilt die Austrittssrage als „rothes Tuch". Wo es aufgerollt wird, da erhitzen sich die Gemüther. Auf welcher Seite aber? Bei sog. „liberal" Denkenden und Lebenden? Wer wirklich liberal denkt, dessen ganzer Liberalismus nicht aus mißverstandener Großstadtbildungsglasur, sondern ans philosophisch und politisch reifer Denkart, aus vornehmer Gesinnung und echtem Derständnist für die sozialen Fragen der Menschheit besieht, wird gern in dem Austrittsgesetz ein Glied in der Kette unserer legislatorischen Sozialpolitik erkennen. Er wird davon vollends überzeugt sein, wenn er die Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses über das Zustandekommen dieses Gesetzes liest. Wenn der Liberalismus heute sagt, daß Religion Privatsache ist. so kann und darf gerade nach seiner Auffassung, das religiöse Denken nicht einem Zwang unterliegen. Ich muß mich — das kann ich logischer Weise dann verlangen — ohne geschäftlich und bürgerlich irgendwie gehen«mt zu sein. Denjenigen in religiöser Hinsicht anschliesten können, zü denm ich gehöre. Zu denen ich aber nicht gehöre, brauche ich mich weder mit meiner Person noch auch mit meinem Steuer- Pfennig zwingen lassen, gerechnet zu werden. Das erkennt der. wahrhaft liberale Jude auch an. Er will nicht zur Orthodoxie gehören, e r laßt dem Orthodoxen seinerseits das gleiche Reiht. Alle die Institutionen aber, die eine allgemein menschliche Pflicht, nicht eine Betätigung eines kultuellen Bedürfnisses darstellen, können sehr wohl das Einigungsband bilden, das durch eine „schiedlich-friedliche" Scheidung gar nicht berührt wird. Wohlthätigkeits- und Deerdigungswesen könnten sebr wohl gemeinsam sein. Nur die Gewalt der dainaligen Machthaber in Frankfurt hat durch ihre Feindseligkeit gegen den Führer der wahren Juden in ihrer Stadt die völlige Scheidung bewirkt. Ist doch auch jeder politische Staat ein Ganzes, obwohl, unbeschadet der politischen Einheit, so und soviel Religionsbekenntnisse in ihm bestehen, die unter einander überhaupt keine Berührungspunkte haben. Die Juden in einer Stadt könnten ebenso ein Ganzes darstellen. selbst wenn man den Kultus in ebensoviel Einzelhethäuser teilen würde, als Minjonim vorhanden sind. Natürlich um so schöner, je größer die Zahl der Gleichgesinnten ist irrn ss r*a. Die große Gemeinde in Berlin leidet keinen Schaden dadurch, daß in Folge der lokalen Verhältnisse einzelne Vereine — im Zentrum beinahe in jeder Straße — ihre besonderen Synagogen errichtet haben. Allerdings könnte man dann keine „monumentalen" Bauten errichten —' aber auch leine Orgeln. Heute wäre man in großen, prinzipiellen Streitfragen noch unerfahren und-noch einig! Ja. die Synagoge!! Die Reformer wußten, weßhalb sie — die „K i r ch e" in den Mittelpunkt des jüdischen Lebens treten ließen. — an den Platz, au dem vordem-das Lehrhaus gestanden. Wann wird unsere Orthodoxie es lernen, das Unglück an der Wurzel zu treffen? Fast sind wir dort angelangt, wo die bloße Errichtung einer Synagoge schon ein Zeichen ist, daß mon, „von der Zeiten Blässangekränkelt" schr.ut, selbst, wenn in dem „prachtvollen" — nennen wir es doch beim rechten Namen --„Kunsttempel". nicht „georgelt" werden soll. Dieser „Kunstpalost" allein, bei dessen Bau nicht nur die Kunst die Hauptrolle spielt, sondern der auch der Kunst, wie Kirchenkonzerten, Gesangesvorträgen etc. in seinem Zweck vielfach gewidmet ist. stellt ivohl einen Tempel „japhethischer" Kunst dar, aber dadurch zugleich „semitischer", jüdischer — — „Awaudoh Soroh". Es ist wirklich nicht erst die Orgel, die den Unterschied zwischen den Reformbestrebungen und der Tradiüoa erkennen läßt. Sie ist nur eine Ausdrucksform dieses Prinzips, das sich in hundert anderen Dingen äußert. Die Orgel ist nur mehr eine direkte Gesetzesiider-

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