Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 81 (13.10.1904)
- Date
- 1904-10-13
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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1708 geführt, wo Mutter Brendele ihrem Enkelchen das Loch im Strumpfe kunstvoll zustopfte, so kunstvoll, wie sie diese diesen Löcher in den Strümpfen ihrer Zwölfe gestopft.' Die Junge hatte nichts gesagt,.auch nicht das kleinste Wörtchen. Aber roth war sie geworden, sehr roth. *.! Und andern Tages wollte es ein unglückseliger Zufall,, daß die Wagd einen ganzen Eimer Milch verschüttete, als sie aus dem Stalle kam, diese dumme Liese. .Mutter Brendele hatte sie tüchtig gescholten, war selbst in den Stall gegangen, an jeder Hand einen Eimer.,wie fünf die Milch in den Eimer schoß, wie hux^g Mutter Brendele sie in's Haus trug, an jedem Arm einen Eimer mit dem schaumenden, blendend hellen Naß. Sie kam sich ganz verjüngt vor. Ach, wie gern hätte sie das alles besorgt bei ihrem Sohne. War sie denn gar so alt? Erst einige, siebzig. Aber dann sah sie ihres Sohnes ehrliches, verlegenes Gesicht vcr sich . .. Die Mutter solle sich doch schonen, dazu sei sie doch hergekommen. Ganz ruhig solle sie im Sorgenstuhl sitzen. Aber Mutter Brendele sagte einfach und still, dazu fühle sie sich noch nicht alt genug, dann wolle sie lieber wieder zu ihrer Ziege, dem Gärtchen, den Vögeln, , und sich selbst etwas kochen, da habe sie doch Zerstreuung^ Und man ließ'sie, ohne viele Worte zu wachen, ziehen. Das war gut und vernünftig, so blieb dann. Ruhe und Frieden im Hause. Mnttrr Brendele ließ es bei diesem einen Versuche bewenden, wenn auch oft und oft die eigene Tochter in sie drang, ihr Häußchen aufzugeben und zu ihr zu ziehen. Die Tochter wohnte auch im Dorfe. Aber nein. Mutter Brendele, war nun klug geworden, sie hatte auf ihre alten Tage noch etwas gelernt: Alt und Jung thut nicht gut zusammen. Das wußte sie nun ganz bestimmt, vorher war es ihr nicht ganz klar gewesen. Die Jungen gehen ihren eigenen Weg. ohne Frage, vor ihnen liegt.die ganze, weite Welt, sie schauen nicht zurück nach dem, was vor ihnen war, sie wollen allein wandern, ausprobiren. Die Alten bleiben zurück, zuerst ein kleines Stück, dann immer weiter und größer wird die Entfernung, immer größer. Nun wohl, ihr war es., recht so, ganz recht! Zur Sommerzeit saß Mutter Brendele viel in ihrem Gärtchen. Das war ein kleines^ nutzbringendes Stückchen Erde. Wenn es Frühling wurde, entströmt ein eigener, starker Erdgeruch dem kleinen Fleckchen Erde. Kräftig und würzig drang e^n die kleine Wohnstube Mutter Brendele^. In kleine Quadrate war das Stückchen Land eingelheilt. und jedes trug vieles und gutes Gemüse. Schnittlauch. Zwiebeln^ Suppenkräuter. Mutter Brendele' grub selbst die frische, dampfende Erde um, und die.war dankbar! Sie gab es hundertfach zurück, was die alfe Frau im Schweiße ihres Angesichts hineingelegt,-, -Für sie allein war es zuviel, aber freilich — da kämen noch die kinderreichen Nachbarfamilien ... die eigenen Kinder .. Denen gab die gute Mutter Brendele von dem guten, duftenden Kraut, so oft sie dessen bedurften. Sie selbst brauchte.ja gar so wenig, es war nicht der Rede werth. Lieb hatte man sie sehr im Dorfe, die gute Mutter Brendele, vor allem die Kinder, ja, die ganz besonders, wie ich schon eingangs bemerkte. Mutter Brendele konnte sich ihrer kaum erwehren. Die kleinen Schlauberger kannten aber auch ihr gutes Herz bis in tue kleinste Falte hinein. Sie wußten, in irgend einer Ecke des Schrankes hielt sie irgend ewas, und sei es auch nur ein Stückchen Zucker, für sie in Bereitschaft. Nu» lag das Häuschen Mutter Brendele's aber auch gar gelegen für die kleinen Menschen. Drüben, gerade gegenüber dem kleinen Häuschen, lag die »Schul". Die »Schul" eine Treppe hoch, die Schule aber, in welcher die jüdischen Kinder des Dorfes ihren Wissensdurst zu löschen vermochten, in einem großen Parterreraum desselben Hauses. Meistens saß Mutter Brendele, wen» die Schule ihr Tagewerk beendet und das Wetter es erlaubte, in ihrem Gärtchen. Gerade vor dem Hause hatte ihr Sohn eine grün angestrichene Bank anbringen lassen. Da saß sie nun in der Sonne. Das schwarze, faltenreiche Kleid floß um ihre behäbige Gestalt, über der Stirn lag die „Bind", darüber eine feine, schwarze Spitzenhaube, welche die gesunden, kräftigen Farben in Mutter Brendele's Gericht prächtig hob. Für diese Hauben. — für Schabbos besaß sie eine weiße mit echten Blondensvitzen, sorgte die Schwiegertochter aus der Stadt, die jedesmal, wenn sie herauskam, der Mutter eine neue Haube schenkte. Da saß sie in der Sonne und lachte über das ganze Gesicht. Drüben öffnete sich soeben die Schulthür, und da kanten sie. all' ihre Lieblinge!... »Mutter Brendele, Mutter Brendele!" Aus vielen kleinen Kehlen erklang es jubelnd, frisch, fröhlich. Dann saßen die Kinder um sie herum, mit Schulranzen und Büchern: „Erzählt uns etwas, Mutter Brendele! Erzählt doch, bitte, bitte!" „Aber nein. Ihr Kinder, das geht nicht an! Geht heim! Jetzt wird gegessen!" Und sie gingen, denn keins von ihnen mochte die gute Mutter Brendele betrüben. Nur das Kleinste ihres Sohnes, die kleine Rösi. die blieb allemal bei der „Groß". Das war ihr besonderer Liebling, und ganze Tage saß sie neben Großmütterchen... Nur am Freitag, da war von Mutter Brendele nicht viel zu sehen. Sie saß nicht draußen, sie war emsig, emsig_Freilich, da gab's zu thun allemal. Mt rothen Backen lief sie durch ihr Haus, durch Küche und Kammer. Gestaubt und gereinigt wurde, was Zeug hielte Die bunt bemalten Tassen auf dem Schranke, ein HochzeitSgeschenk der Tante Gidele, die Bilder an den Wanden, über alles fuhr die flinke Hand ohne Säumen...