Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 81 (13.10.1904)
- Date
- 1904-10-13
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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fl k 1709 Dann kamen die Kinder, die großen und dir kleinen, samstäglich gestutzt, das Gebetbuch unterm Arm. Und Mutter Brendele strahlte wie die liebe Sonne selber. Nicht funkelnd und strahlend, in mildem Glanze leuchteten ihren Augen. Nun kam der Tag des Herrn. Dir alte Familienlampe wurde entzündet, da brannten die fünf Lämpchen in kupfernen Behältern. Und dann ging Mutter Brendele in der Mitte ihrer Kinder und oll der Andern in die „Schul". Sie hatte einen großen, buntfarbigen Langshawl unigelegt, die Hockzeitsgabe ihres sel. Mannes, die beste Haube mit den echten Spitzen zierte ihr ehrwürdiges Haupt. Im Arm trug sie die große in Gold geschnittene Tfilloh. So schritt sie hoch erhobenen Hauptes über die Straße. Und alle Nachbarfrauen standen, grüßten freundlich und sahen der alten Brendele nach. Eine Stimme rief: „Pitter, Pitter, 's ist Schabbos! Jang rüber, Mutter Brendele ist Schult Guck nach der Ziege und dem Ofen!" Und Pitter ging. Pitter war der nächste Nachbar Mutter Brendele's. Er hatte sieben Kinder, und diese sieben hungrigen, kleinen Mäuler wurden gar häufig in Mutter Brendele's kleinem Häuschen gestopft. Wenn Schul aus war, da kam das ganze Dorf zu ihr. fast alk jüdischen Bewohner. Das war immer so gewesen, seit Mutier Brendele Wittwe ist, und das ist lange her. Aber es gab doch etwas Trübseliges in der guten Alten Leben, etwas Sorgenvolles. Und der Gegenstand dieser Sorge war ihr ältester Sohn, ihr Schmerzenskind, an dem sie mtt besonderer Liebe hing. Dieser gute, gute Junge' Wie hatte er für sie gesorgt, als er noch da war! Aber dann trieb es ihn in die Weite. Er wollte viel, viel Geld verdienen, und dann, ja dann he-.mkehren und der Mutter ein frohes, sorgenloses Leben schaffen. In den ersten Jahren schrieb er regelmäßig, oft auch kamen Geldsendungen an. und das war immer ein Ereigniß im Dorfe. Dir Briefe wurden Freitag Abends vor versammeltem Auditorium verlesen. Allmählich aber ließ der Eifer nach, die Briefe kamen spärlicher. dann auch die Dollarnoten. . . Aber das letztere machte der Mutter Brendele gar keine Sorge. Sie hatte ja. was sie gebrauchte, viel war es nicht, es blieb aber immer noch für andere davon. Dann eines Tages kam die Nachricht von seiner Verheirathung. Ein Bild lag bei. das Bild der jungen Frau. „Eine sehr schone. Person," sagten alle, die es sahen. Er hätte recht gehabt, ganz recht, meinten sie dann. So im fremden Lande, ohne Mutter und Geschwister, mutterfeelenallein. und die fremde Sprache, kein Wort verstand .non, wenn man hinkam, freilich, sie sah es ja ein! Aber es war doch eme aufregende Botschaft, ein schwerer Tag für die gute Mutter Brendele. als sie eintraf. Nicht, weil erlich eine Lebensgefährtin gesucht, das war * schon recht und fronm! Aber so ohne sie, ohne daß sie i.■ j;.. . ’ f 3t . dabei war! Das kostete sie manche Thräne?.F Dann kamen die Enkel. O, welch' süße Gesichter! WU'gern, o wie gern hätte sie die mal an ihr Herz gedrückt.! Aber das Wasser, das große Wasser, und sie selbst hatten wohl keine Zeit zu kommen. Sie schrieben wenigstens nichts davon, keine Silbe. Aber eines Tages kam ein Brief ihres Sohnes, und es war ein Bille^^sr die Ueberfahrt nach Amerika beigefugt und ein' Scheck auf ein. bekanntes Bankhaus . . eine Menge Geld. ’ Die Mutter solle herüberkommen, es stehe ihnen nun sehr gut, und sie wollten Großmiitterchen hegen und'pflegen. Und Mutter Brendele ging einen ganzen Tag^. mit hochrothem Kopfe umher. Wenn sie doch kön'nti!. nur noch einmal ihn sehen, den lieben Jungen, ein 'einziges Mal? Das ganze Dorf war in Aufregust^. Einer trug es dem andern zu: Wie? Mutter Bündele will über das Wasser, die gute Mutter Brendele! ' Pber wie? Das geht ja nickt! Wie sollten sie'hier denn fertig werden, ohne sie? In Freud und Leid,"irämer? Und sic kamen alle gelaufen, alle, mit schreckensbleichen Gesichtern, die Alten und die Jungen! Muttes Brendele lächelte wehmüthig, gerührt. Sie schüttelte daS alte Haupt, auf dem heute die Blondenhaube faß', es war Schabbos. „Aber Kinder, nun geht doch! Seid kei^e'Narren! Nein, das geht nicht! Wißt Ihr das dennUicht? Aber nein, daß Ihr darnach fragen müßt! Ich fort von hier? Und die Schul drüben, die Kinder," daS Gärtchen. Ihr alle!" Und das Grab ihres Mannes selig, und die kleinen Steine, unter welchen ihr^Kinder ruhen, wie kann s:c die denn allein lassen? DÄ sei Gott vor! Der Isidor soll heraus kommen äUs dem wüsten Land, das will sie ihm schreiben. ' - tc- Aber er kam nicht! Das große Geschäft und die .Frau, und die Kinder, später, ja vielleicht spgE „Später!" Mutter Brendele seufzte. — '„Spater!" Und sie blickte hinauf zu dem sternbesäten Himmel, es war Abend. Ein einziges Mal nur ihn halten) sein Gesicht, seine Augen, die guten, küssen, .ein Einziges Mal! „Wie Gott will!" Ergeben senkt sie daS'haupt. Noch lange saß sie auf der Bank, ganz allein, denn die Rösi schlief längst drinnen in der Kammer. -„Später, mein Gott!". Eines Tages kam der B.rrefböte. und schon von weitem schwenkte er einen dicken 'Brief mit fremdländischen Marken beklebt, in der Häyd, der Mutter Brendele entgegen. Er wußte, wie sie sim stets mit diesen Briefen freute. Er schob ihn durP daS kleine Fenster und erhielt, wie immer, sein kleines Trinkgeld, das er schmunzelnd in die-Tasch?'-schob. Dann fiel das Fenster zu. Es war Freitag Akend. Mutter Brendele hatte keine Zeit zum plaudern. . . Diesen Abend blieb das kleine Häusln fest.^verschlossen, die Nachbarn warteten vergeblich däraüf,^daß Mutter Brendele herauskäme, noch dieses oder 'jenes verlangte oder erzählte. Ganz still blieb es drinnen.