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Der Israelit · 1904-10-13 · Heft 81 (13.10.1904) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 81 (13.10.1904)
Date
1904-10-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1688 dort nach Gesetzen, wo der Gesetzgeber sie aufgehoben und wollen etwas auf natürliche Mise erklären. dem der' Stempel des Uebernatürlichen aufgedrückt ist. — Was jedoch das Allerschlimmste ist. diesen Forschern fehlt die Liebe zu dem Objekt ihrer Forschungen. Sie lieben das Judenthum nicht und darum vertiefen sie sich nicht in dasselbe. Das Bild, das sie uns liefern, ist daher auch ein Zerrbild des Wirklichen, denn — und nun kommt das Letzte — sie sind auch nicht objektiv. Sie begeistern sich zwar Alle für die sog. Objeltivität, aber es kann kein Mensch über seinen Schatten springen und noch viel weniger aus seiner Haut kriechen, und so liest sich jeder in die Geschichte hinein, oder wenn es gut geht, liest er sich heraus. Ich beklage zwar nicht diesen Mangel an Objektivität, denn ich sehe gerne die Hand des Gestalters und Formers hinter den Gestalten und Formen und ich finde, daß es nur von Vortheil ist, wenn der Darsteller den Gestalten der Vergangenheit Leben einhaucht. Um aber ein solches Leben einhauchen zu können, dazu gehört in erster Reihe, daß man selbst lebe, daß man mit Liebe und Wärme den zu behandelnden Stoff umfasse. Man muß die Geschichte mitdurchleben. man muß mit den Weinenden weinen und jauchzen mit den Jauchzenden. Eine jüdische Geschichte für Juden muß ein Jude schreiben, der aber nicht nur dem Namen nach Jude ist. Unter der Hand eines für sein Volksthum und für seine Thauroh begeisterten Jehudi werden die Gestalten der Vergangenheit Leben erhalten, denn nur ein solcher kann voll und ganz begreifen. wofür unsere Vorfahren gestrebt. Nur derjenige. in dem ein Fünkchen jenes heiligen Feuers, das die Alten beseelt hat, glüht, kann auch in der Brust des Lesers dieses Feuer erhalten oder ansachen. Nur derjenige. der für dieselben Güter, für dieselben Ideale kämpft, für die jene Heroen der Vergangenheit gekämpft. kann auch in der Seele des Lesers die Begeisterung wachrufen. Ein Geschichtsbuch, von einem solchen Manne verfaßt, könnte eine Quelle des Segens werden. Dieses Buch, wie es mir vorschwebt, wäre dann eine würdige Darstellung unserer Vergangenheit. Subjektivismus wäre dann die höchste und reinste Objektivität, und aus einem solchen Buche könnten wir und unsere sväiesten Nachkommen lernen. Die in ihm enthaltene Glut und Begeisterung würde in unseren Herzen frohen und freudigen Widerhall finden, denn „das aus dem Herzen kommende Wort finde! den Eingang zum Herzen." Wir alle, selbst die Vesten in unserem Volke, wagten lange nicht, etwas gegen die Autokraten der jüd. Geschichtswissenschaft zu sagen. Wir-empfanden zwar Alle, daß die Darstellung, die sie uns von der jüdischen Vergangenheit gaben, keine wahre sein kann, wir wußten, daß sie keine Juden in unserem Sinne waren und sind, aber für Männer der Wissenschaft hielten wir sie, und so kam es. daß nach und nach sich unser eine Antipathie gegen die ganze jüdische Geschichtswissenschaft bemächtigte. Wir trieben auch hier Vogelstraußpolitik. wie in noch tausend anderen Fragen. Wir kümmerten uns um diese ganze Disciplin nicht, zur" hellen Freude der Großpächter der jüdischen Geschichtswissenschaft. die ungestört jüdische Geschichte fälschen durften, und zum ewigen Schaden der wahrhaft jüdischen Sache. — Es ist nun seit den letzten Jahren anders geworden. Die wichtigsten Perioden aus unserer Geschichte hat nun ein Mann beleuchtet, der ein jüdischer Gelehrter ist. Jsaac Halevy hat uns gezeigt, was die großen »Gelehrten" gegen die Wahrheit und die Wissenschaft gesündigt haben, er hat gezeigt, daß die Männer, die wir nur für keine Juden gehalten haben, auch keine Gelehrten sind. Die „Jüdisch-Litterarische Gesellschaft" zu Frankfurt a. M., deren erster Rechenschaftsbericht mir eben vorliegt, arbeitet mit unermüdlichem Eifer für Verbreitung' wahrer jüdischer Wissenschaft, und es ist zu hoffen, daß die Gesellschaft immer mehr und mehr Freunde finden wird. Aus allen Publikationen dieser neuen Gesellschaft können wir ersehen, daß es ihr Ernst ist mit der Aufgabe, die sie sich gestellt hat. »wirklich wissenschaftliche, von Tendenzen freie Bestrebungen zur Erforschung der Geschichte und der Litte r a t u r de s Judenthums" zu fördern. Das Jahrbuch haben wir seiner Zeit an dieser Stelle gewürdigt. Alle Vorzüge, die wir bei den Arbeiten des Jahrbuchs hervorheben konnten, besitzt auch die zweite Publikation der „Jüd. Litterarischen Gesellschaft." Es ist dies die Arbeit des Herrn Räbke. Dr. I. B o n d i. Mainz, über den „Sidur des Rabbi Saadia Gaon".*) Herr Dr. Bondi veröffentlicht einen Auszug aus dem Siddur des Gaon. dem er eine Veröffentlichung des ganzen Textes folgen lassen will, sobald eben aus der Genisah, wie zu hoffen, der Siddur ergänzt werden kann. Auch aus dieser Publikation können wir ersehen. p no worin der große Unterschied zwischen jüdischen Gelehrten und den Herren, die früher als solche galten, besteht. Hätte einer aus der Schule, der „Wissenschaftler" die Arbeit zu machen gehabt, so hätte er mit seiner „philologischen Weisheit" in unS das ganze Interesse an dem Siddur unfehlbar erstickt, denn daß dieser Siddur auch für die Erforschung der Halachah von Bedeutung ist. davon haben diese Herren» die die Halachah nicht kennen, keine Ahnung. Wir müssen es Herrn Dr. Bondi danken, daß er uns gerade die halachischen Vorschriften des Gaon im Verhältniß zu den halachischen Vorschriften der späteren Korvvhaen der Halachah vorführt. Es ist eine jüdisch-wissenschaftliche Arbeit, und zwar eine sehr fleißige und gründliche Arbeit, die einen jeden Juden lebhaft intereffiren durfte. Wir sehen, also, daß die Beschäftigung mit jüdischer Wissenschaft seitens unserer Gelehrten sowohl *) I. Kailffmann. Frankfurt a. M. 1904.

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