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Der Israelit · 1904-10-10 · Heft 80 (10.10.1904) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 80 (10.10.1904)
Date
1904-10-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1677 ' schloffen war. Eben wellte es der Rabbi öffnen, als es an die Thur pochte. .Ich erwarte Deine Schwiegereltern/ bemerkte der Rabbi, .mit welchen ich noch Einiges wegen der Kefubo (Ehebrief) zu besprechen habe. Wir können die Kamea auch in ihrer Gegenwart öffnen." Der Rabbi deckte die Kamea mit der Pelzmütze zu und ließ Herr und Frau Tobia Fried eintrcten. XIX. Josefs Schwiegereltern hatten ihren Schwiegersohn nicht hier vermuthet und wollten später wiederkommen. Aber der Rabbi bedeutete ihnen zu bleiben, er habe mit Josef nur wenige Minuten zu thun. Es handle sich nur um das Lesen einer Kamea. die Rabbi Elimelech seinem Schüler gegeben mit der Weisung, sie an seinem Hochzeitstage vor der Chuppo zu offnen. Da mein Bruder mir gestattet hat. von dem Inhalt der Kamea Kcnntniß zu nehmen, so wird sie für die Schwiegereltern seines Lieblingsschülers gewiß kein Geheimniß enthalten." Er öffnete das Pergament und sprach zu Josef: .Dich betrifft es jn erster Reihe, lies Du es also zuerst." Josef trat damit an's Fenster, las leise die wenigen Worte des Pergaments und schüttelte den Kopf wie Jemand, der vor etwas steht, das ihm unverständlich ist. Er reichte dann das Pergament dem Rabbi hin, dieser warf einen Blick darauf, schloß dann die Augen, wie er es zu thun pflegte, wenn er in tiefes Nachdenken versunken war, und sprach dann zu Josef: .Das verstehe ich auch nicht und zwar noch viel weniger als Du." .Weniger als ich?" fragte erstaunt der Jüngling. .Weniger als Du. Denn was hier steht, muß mit Deiner Herkunft und Familie in irgend welcher Verbindung stehen, da ich aber nie etwas davon gehört habe, während Du doch jedenfalls darüber unterrichtet bist, so wollte mein Bruder wohl, daß Du Dich sowohl mir als Deinen Schwiegereltern gegenüber, vor der Chuppo darüber aussprechen sollst. Deine Schwiegereltern haben ein Recht darauf, näheres von Dir zu erfahren. Versteht Ihr, Herr Fried, was das hier heißen soll?" Mit diesen Worten reichte der Rabbi das Amulet Herrn Fried hin. Dasselbe enthielt nichts, als den Wortlaut des Verbotes - im dritten Buch der Thora, welches dem Bruder verbietet, seine Schwester zu heirathen. .Das ist auch mir ein Räthsel," bemerkte sinnend Herr Fried, .aber vielleicht bringt die Weisheit des Rabbi Licht hinein, wenn unser Schwiegersohn nur etwas über seine Familie und seine ganze Vergangenheit erzählt, denn ohne Zweifel steht diese Mahnung damit im Zusammenhänge." .Ich stamme weit von hier," begann Josef, .ich bin in Tbiany geboren und zwar im Schuldthurm. In der Rächt — Der Rabbi warf einen erschrockenen Blick auf Herrn Fried, der plötzlich erblaßt war; er wollte ihn «ben fragen, ob ihm etwas fehle, als Frau Fried laut aufschrie: .Ribaunau schel Olem (.Herr der Welt), das ist ja unser Josef!" Dieser Schrei hatte Herrn Fried wieder zur Besinnung gebracht. Er sprach zu dem Rabbi gewandt: .Mir fehlt jetzt nichts mehr; es hatte mir etwas gefehlt, aber jetzt habe ich's. Aber ich will erst die Geschichte weiter erzählen, die mein Schwiegersohn, mein Sohn. Josef, unser Sohn, angefangen hat. — Also in der Nacht vor der Brismilo hat man Deine Eltern be* freit und ihren Sohn, Dich, hat man vergeffen-* .Und uns hat man fortaeschickt," rief die Frau dazwischen, „ohne unser Kind, und Du lebst noch?" Nun bat der Rabbi, man möge Josef allein das Wort lassen, weil man sonst aus der ganzen Geschichte nicht klug werde. „Nicht klug!" rief Herr Fried, „wir sind ja schon ein ganzes Stück klüger, als wir vor drei Minuten waren. Mirjam, Josefs Braut seit fast drei Wochen, ist seit bald achtzehn Jahren seine Schwester. Unser Schidduch geht zurück!" sprach er lachend, indem er aufsprang und sein Kind küßte und liebkoste. „Josef." rief die Mutter, „komm her, ich will Dich betasten, mein Sohn, ob Du wirklich mein Kind bist? Lebst Du noch? Man hat mir doch gesagt, Du seiest längst gestorben?" Als die Flüchtigen vor vierundzwanzig Jahren sich nicht über das Schicksal ihres Kindes beruhigen konnten und wiederholt ausriefen: „Wäre unser Kind lieber todt. als abgefallen vom Glauben seiner Väter!" Damals ließ sich der Freund in Raab, bei dem die Unglücklichen gastliche Aufnahme gefunden hatten, weil er das Herzeleid der ihres Kindes beraubten Eltern nicht länger mit ansehen konnte, dazu verleiten, ihnen zu sagen: Er habe von Veßprim aus die Nachricht erhalten. ihr Kind sei gestorben. Die Armen begrüßten diese Todesnachricht damals wie eine Freudenbotschaft. Das war auch der Grund, warum von Seiten der Eltern nie Schritte geschahen, um ihr Kind wieder zu erlangen. Sie glaubten es nicht mehr am Leben. „Ich kann es nicht glauben, daß Du unser Josef bist," ries die Frau schluchzend vor Aufregung. „Du glaubst es nicht?" warf Tobias Fried dazwischen. „Sieh Dir ihn doch einmal genau an, das ist ja das Gesicht Deines Vaters." ' „Rabbi Elia Zülpich, das Andenken des Gerechten sei zum Segen!" ergänzte Josef. „Woher weißt Du von Deinem Großvater, er war doch schon längst gestorben, als Du geboren wurdest?" fragten die Eltern.

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