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Der Israelit · 1904-10-10 · Heft 80 (10.10.1904) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 80 (10.10.1904)
Date
1904-10-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Huden auch aus den jüdischen Ackerbankolonien des Ebersoner Gouvernements ans. wo es den Juden bisher noch am leidlichsten erging. So wird berichtet, daß aus der jüdischen Kolonie Nahar-Tab in jüngster Zeit 300 Mann nach Argentinien ausgewandert sind Wie verlautet. sollen noch vor Einbruch des Winters weitere §00 bis 900 Menschen auswandern. Die Ursache der Emigration ist. nach Ansicht des „Fraind", daß der vorhandene Boden für die stark angewachsene Zahl der Kolonisten nicht mehr ausreicht, ferner auch der Umstand, daß die vielen und großen Brände im verflossenen Sommer viele von den Kolonisten total zu Grunde gerichtet haben. Feuilleton. Ulme vereitelte 8ochzeit. von N. xsatznev. 120 „Durch den Zustand, in dem ich jetzt lebe," sagte Josef zu seinem Lehrer, „ist mir eine Stelle in der Thora unverständlich, über die ich bis dahin gedankenlos hinweg gegangen bin. Die Thora sagt: „Es diente Jakob um Rachel sieben Jahre, sie waren aber -in seinen Augen wie einzelne Tage, wegen seiner Liebe zu ihr." Wie ist das möglich? Da Jakob Rachel geliebt hat, so hätten ihm sieben Jahre wie siebenzig.Jahre Vorkommen müssen, aber nicht wie sieben Tage. Mir kommen wenigstens die sieben Tage, die mich noch von unserer Hochzeit trennen, wie sieben Jahre vor?" „Vater Jakob hat Recht gehabt," antwortete der Rabbi, „und Du hast auch Recht. Jakob hat den Besitz seiner Rachel so hochgeschätzt, daß ihm ein Dienst von sieben Jahren ihren Werth so wenig aufwog, als ob es nur sieben Tage gewesen waren. Die sieben Jahre können ihm deßhalb doch sehr lange vorgekommen sein, wenigstens sagt die von Dir angezogene Stelle nichts darüber. Deßhalb befindest Du Dich nicht im Widerspruch mit Vater Jakob, wenn Dir.die sieben Tage wie sieben Jahre Vorkommen. Du weißt ja. alles was Jakob traf, begegnete auch Josef," fügte er scherzend bei. Endlich war der Tag der Hochzeit herangekommen. Rach dem Morgengebet zog sich Josef zurück auf sein Zimmer und nahm sich vor. den Vormittag dem Studium der Thora zu widmen. Braut und Hochzeit, Vergangenheit und Zukunft für einige Stunden zu vergessen und ein Stück Gemoro im Trakktat Kidduschin zu lernen, um dann bei dem Festmahle den talmndischen Vortrag halten zu können, wie ihn der Bräutigam bei der'Hochzeit hielt, um sich als thorakundig auszuweisen. Heute wollte er zum ersten Mal etwas eigenes sagen. „Ein Bräutigam ist wie ein König," sagen die Weisen; als König durfte er sich das schon erlauben. Aber wie scharf er auch den Geist auf das vorliegende Problem zu concentriren versuchte, es wollte ihm heute nicht gelingen. Der Augenblick machte sein Recht geltend. Seine ganze Vergangenheit zog an seinem geistigen Auge vorüber. Er dachte an den Grafen und die Gräfin, seine Pflege-Eltern, wenn diese es ivüßten, daß er in wenigen Stunden unter die Chuppo tritt! Er hätte sie gerne wieder einmal gesehen, aber das war nicht möglich, dazu mußte er --- „Hoaumer L'Jschoh Hiskadschi li betamro su". unterbrach er dann plötzlich sein Sinnen, indem er laut das Stück Gemoro zu lernen anfing, von dem er sich durch seine Phantasien hatte weglocken lassen. Er lernte lauter und melodischer als sonst, um durch diese äußeren Mittel sicher bei der Stange zu bleiben. Was liegt dock in dieser bloßen Melodie, die das Talmudstudium begleitet, für ein Reiz! Wo hatte er sie zum ersten Male gehört? Richtig im Lekohny-Wald auf einem Baumstumpf, auf dem er mit Herrn Pappenheim gesessen hatte. Was wohl aus ihm geworden sein mag? Er war doch der erste Anstoß, den Gott gesandt hatte, um alles in's Rollen zu bringen. Von ihm hatte er die erste Nachricht über seine jüdische Abstammung, seine Eltern, heute am Ehasnotag. Ohne Vater und Mutter,, ohne ein — —" ..Hiskadschi li betamro su-er hatte sich wieder von seinem Text abbringen lassen; Himmel es ist schon elf Uhr? Erregt sprang er von seinem Sitze auf und ging hastig im Zimmer auf und ab, um seiner Aufregung Herr zu werden. Da fiel bei seinem Sturmschritt. von einer Zimmerecke in die andere, sein Blick auf das Bett. Dort lagen die neuen Hochzeitskleider und bei ihnen die Zobelmütze, die ihm sein Lehrer zum Andenken geschenkt hatte. Es Lberlief ihn heiß und kalt, es ging ihm etwadurch den Kopf, ohne daß er wußte was. Plötzlich schlug er sich mit der Hand vor die Stirne: er hatte ja ganz daran vergessen, daß er vor der Ehuppo die darin eingenähte Kamea in Gemeinschaft mit Rabbi Sisi herausnehmen und lesen solle. Flugs schloß er seinen Folianten, eilte mit der Mutze zum Rabbi und theilte ihm die Anordnung Rabbi Elimelechs mit. „In diese Mütze hat Dir mein Bruder eine Kamea eingenäbt?" fragte Rabbi Sisi; „warum hast Du mir niemals etwas davon gesagt?" «Fast hätte ich ja selber daran vergessen, wenn nicht eben mein Blick auf die Mühe gefallen und daran bangen geblieben wäre. Sofort als ich mich aber erinnerte, bin ich hierher geeilt um dem Rabhi eL mitzutheilen." •' ' Rabbi Sisi trennte die Futternaht auf und sofort fiel ihm das Pergament entgegen, das sorgfältig ver-

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