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Der Israelit · 1904-10-10 · Heft 80 (10.10.1904) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 80 (10.10.1904)
Date
1904-10-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1672 kleidet werden. Mari suchte sie als Menschenwerk hinzuflellen, darum die M-hrzahl ihrer Vorschriften nur für gewisse Zeiten und Verhältnisse als zweckmäßig und verbindlick zu erklären, und kam allmählich so weit, jeden positiven Glauben zu negiren. Aus'der sog. Reform wurde der Abfall. Die beiden ersten Ansichten des Midrasch führen mit logischer Folgerichtigkeit zur dritten. War dem Himmel der Krieg erklärt, war die einzige Allwaltnng Gottes negirt, dann galt es, andere Mittel zur Selbsterhaltung zu ersinnen: .rar« „kommt, wir wollen' Stützen machen." So auch in unseren modernen Verhältnissen. Dem alten Gesetze und Glauben der Väter war der Krieg erklärt. die Göttlichkeit der Lehre, vielfach der Gottesbegriff selber war geleugnet, es mußte an deren Stelle etwas anderes gesetzt werden, sollten nicht die Väter der modernen Hochsluth des religiösen Nihilismus von I dieser- Fluth selbst verschlungen werden. nv'22 nr-vr, es mußten andere Stützen. Ersatzmittel beschafft werden. .Hatte ja auch die große französische Revolution, nachdem sic die „Absetzung Gottes" dekretirt. die Religion der Vernunft dafür eingesetzt hatte, eine mit körperlichen Reizen ausgestattete Schauspielerin als Personifikation dieser neuen Gottheit, als Stütze ihrer diesbezüalichen Bestrebungen zur öffentlichen Schau . gestellt. " Und so traten denn an Stelle der altehrwürdigen Gotteshäuser »moderne, himmelragende Tempel, an Stelle der frommen, altjüdischen Gebete moderne Mustkllänge. assistirt von andersgläubigen Choristen . und Choristinnen, die abwechselnd singen, flirten und Bonbons naschen, an Stelle der echten Sabbatweihe und Sabbatfeier setzte man ein Stündchen „Gottesdienst" am Sonntag Vormittag, natürlich zur Zeit des Ladenschlusses, an Stelle des Religionsunterrichts trat die „moralische Unterweisung" u. s. f.,. lauter wsn» lauter Stützen von der Art, wie der Thurm zu Babylon als Weltstutze. Doch wie des Thurmbaus Geschick mit zwingender Nothwendigkeit sich erfüllen mußte, A-irn sie mußten aufhören, so werden wohl mit der Zeit auch all diese Stützen und Stützchen sich als das eriveisen, was sie wirklich sind, werden auch sie allmählich wieder verschwinden und aus allen Zeitströmungen und Bewegungen immer wieder siegreich zum Durchbruch gelangen die wahre Gottesidee, der wahre Gottesglaube. ZeiLmrL§'ra5)sr<)Lsrr und Coresfpsrrderrzerr. •; J Deutschland. Berlin. Nach dem amtlichen vom Kaiserlichen Statistischen Amt' eben herausgegebenen Statistischen Jahrbuch für das Deutsche Reich ist in den Religionsverhäktniffen der Bevölkerung insofern eine Aenderung eingetreten, als in den letzten 25 Jahren der Antheil der Evangelischen auf Kosten der Katholiken und Juden gestiegen ist. Unter 1000 Einwohnern befanden sich im Jabre 1900 025 (1875 623) Evangelische, 361 (362) Katholiken, 10 (12,5) Juden und 3.6 (3) Andersgläubige, Religionslose etc. Pfarrer Schneider in Elberfeld hat zu diesen statistischen Notizen die folgende Bemerkung sich geleistet: ' -;' - - * „Der Prozentantheil der jüdischen Bevölkerung ist von 1371 bis 1900 von 1.3 Prozent auf 1 Prozent zurückgegangen. Bei der verhältnißmäßig geringen Anzahl der Juden sprechen die zahlreichen Uebertritte schon mit. Jüdische Abwanderung wird schwerlich als Grund der Verminderung anzusehen sein, jedenfalls wird sie durch jüdische Zuwanderung aus dem Qsten mindestens ansgeglichen. Die innere Vermehrungskrast der jüdischen Bevölkerung steht der der christlichen ebenfalls nickt nach. Aber die jüdisch-christliche Mischehe ist für den Bestand des Judenthums ein beständiger Aderlaß. Im Jahre 1.900 waren in Deutschland 3287 Kinder aus jüdisch-christlichen Mischehen vorhanden, davon wurden 76 Prozent im christlichen Glauben erzogen, nur 24 Prozent waren jüdisch. In den Jahren 1875—1897 (weitere Zahlen stehen uns nicht zu Gebote) entstammten jüdisch-christlichen Mischehen 11,578 .Kinder, von diesen fiel etwa ein Viertel, dem Judrnthum zu. ein kleiner Theil blieb konfessionslos, aber rund 8500 wurden ckristlich, davon etwa drei Viertel evangelisch, ein Viertel katholisch. Das Judenthum verliert also thatsäcklich durch die Mischehe ganz bedeutend." Leider haben unsere Gegner in diesem Falle nur zu sehr recht. Discite moniti! Berlin. Am Morgen des ersten Rosch-Haschono- Tages ist einer der besten, treuesten und schaffensfreudigsten Männer unserer Gemeinde. Maurermeister Marcus Adler, gestorben. Er war am 3. Juni 1830 zu Neustadt in Schlesien, geboren und unter den ärmlichsten Verhältnissen ausgewachsen, hatte als Maurerlehrking. dann als Geselle — für sechs Groschen den Tag! — gearbeitet. Aber unermüdlich hatte er in seiner kargen Mußezeit sich weitergebildet und wurde, nachdem er 1853 zu München seine Meisterprüfung bestanden hatte, vom bayerischen Staate, zumal bei. Bahnbauten, beschäftigt. 1861 siedelte er nach Berlin über, wo er sich in privaten Bauünternehmungen betbätigte, bis er 1868 ein Spezialgeschäft für Heiz- und Kockeinrichtungen begründete, in dem sein reger und praktischer Geist bahnbrechende Reformen durchführte, und das er erst nach dreißigjähriger erfolgreichster Leitung einem seiner Neffen übergeben hat. Inzwischen war er längst für die sozialen Interessen seiner jüdischen Glaubensgenossen mit Eifer und Ernst eingetreten. Phrasen und leere Reden waren ihm verhaßt, nur wirklicke, tüchtige Arbeit schien ihm nothwendig und

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