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Der Israelit · 1904-10-04 · Heft 78-79 (4.10.1904) · page 35

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 78-79 (4.10.1904)
Date
1904-10-04
Page
– (sequence 35)
Language
German
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die er mit der tödtenden Waffe zu tilgen suchte, selbst vor den geweihten Räumen des Schmerzes rnid der Leiden machte der finstere Glaubenshaß keinen Halt und die äußerlich im Dienste dr Allgemeinheit WirkendtN scheuten sich nicht. dery untebuldigen Kinde die herbste Seelenqual zu bereiten. —/i — Zehn Jahre waren seit diesen.. \ J Gcsüblsrohheit des Antisemitismus bezeichnenden ^?rlommniß ver stoffen. Gelangt doch das jüdiscl-c Kmd sehr bald zu der schmerzlichen Gewißheit, daß es für ihn keine Bergeltnng gibt, daß es sein Schicksal mit Ergebung tragen muß und sich nicht auflehnen darf, wenn man tcin heiligstes, tiefstes Empfinden mit Füßen tritt. Während des letztverfloffenen Winters erschien die frübere Schlvester Marie zum ersten Male in unserer Wohnung. -Eine besondere Veranlassung mußte sie hcrgeführt haben, das sprach deutlich aus ihrer vor Erregung zitternden äußeren Erscheinung und wurde bestätigt, als sie mit freuderstickter Stimme ausrief: „Ach. liebe Frau B.wie kann ich Ihnen danken für die Errettung meines Kindes, das Ihr Sohn dem sicheren Tode entrissen hat.... Sie wissend noch gar nicht? Der heldenmüthige Junge hat' es Ihnen nicht mal erzählt? Denken Sie sich, mein Kindchen war beim Schlittschuhlaufen eingebrochen und schon unter der Eisdecke verschwunden als Ihr Ernst, auf das Geschrei der erschreckten Zuschauer herbeilief. muthvoll' bis zur Einbruchstelle kroch und mit dem Einsatz des eigenen Lebens mein Kind aus ber_' eisigen Fluth rettete." Als ich wenige Stunden später freuderfiillten Herzens den bescheidenen Lebensretter mit mütterlicher Be-, sorgniß ermahnte, ihm aber auch zugleich die wohlverdiente Anerkennung zollte, entgegnete er mit dem ritterlichen Stolz des Primaners überlegen. „Aber liebste Mutter — ich tbat doch nur meine Pflicht. Mer denkt denn an sich selbst, wenn ein Menschenleben in Gefahr ist." Unwillkürlich tauchte in diesem glücklichen Augenblick die Erinnerung an das betrübende Vorkommnitz im Krankenhause auf. wo man den leidenden Judenknabcn kränkte und verhöhnte und dem nun eine Mutter aus tiefstem Herzen dankte, die ihm einst das bittere Leid zugefügt. Jüdische Vergeltung! Das jüdische Leben ist von einer Menge ..Bräuchen" dnrchwoben und durchsetzt. Diese Bräuche sind indeß nickst der Willkür eines Einzelnen, dem Einfalle oder Zufalle zu verdanken. Sie gehen vielmehr in letzter Linie auf unsere heilige Religion zurück, sind von ihrem Geiste durchtränkt, von ihren großen Ideen getragen. Wie hätte dies auch anders sein können? Ja. n>an war von der weihenden .straft, die von der Religion auf die Volksb'ränche überströmte so sehr überzeugt. Laß man den Grundsatz prokkamirkc: Minbag schel jisroeil tauroh hi, Israels Minhagim sind selbst taurch. Der Sah wird oft ausgesprochen da. wo es sich um die Firirung einer Observanz handelt, die man mit der Halacha in Einklang bringen möchte. Und das ist der Fall sowohl bei ernsten Anlässen als bei freudigcn Gelegenheiten, bei Traucrfällen wie bei den Simchans sckek Mizwoh. ak» Beschncidungen. Erstgedorenenüuskösung, Bar Mizwah und Hochzeiten. Ucberall gilt voll und ganz'des Dichters Wort: „Ein tiefer Sinn liegt :n den alten Bräuchen, man soll sie ehren." Leider ist bei der zunehmenden Irreligiosität, bei dem Jndifferentismus gegen Väterglauben und alle-, was mit ihm zusammenhängt, so mancher Brauch in Vergessenheit geratbcn. War er zur Zeit, als der „Großvater die Großmutter nahm" noch lebendig im Volke, so verblaßt jetzt die Erinnerung daran schon mehr und mehr. Es ist darum nicht zwecklos, manchmal ans solche Volksgebräuch? zurückzukommen. Wer Sinn für Volkskunde und Interesse an jüdischer Volkskunde hat. wird gerne etwas zu erfahren wünschen aus dem Leben und Treiben unserer Ahnen. Hier seien nun einige Hochzeiisbräuche der Alten berührt. Der Sabbat vor der Hochzeitswoche führte im Voltsmundc den Namen „Schabbos-Spinbolz", und wurde in alter Zeit besonders festlich begangen. Freund? und Freundinnen besuchten Braut und Bräutigam, man bcwirtbete sie und Lberbrachte auch, wohl Geschenke für das „scheidende" junge Paar. Besonders wurden Leckerbissen verabreicht. Die Erklärung des Wortes „Spinholz" ist indeß ungewiß. Nach einigen wäre es ein verdorbenes hebräisches Wort: scheben olaz, wo „der Sohn sich freut." Nach anderen hätte der Bräutigam bei .dieser Festlichkeit wirklich ein Spinnrad, als Zeichen des zu erwartenden Fleißes, der Braut zum Geschenk gegeben. Zunz (gottesdienstliche Vorträge / Seite 441) leitet es von dem italienischen Spinalzare' ab. in der Vulgärsprache: spielen und sich belustigen. —

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