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Der Israelit · 1904-10-04 · Heft 78-79 (4.10.1904) · page 34

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 78-79 (4.10.1904)
Date
1904-10-04
Page
– (sequence 34)
Language
German
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jüdische Familien mit einer reichen Kinderschaar den Mittelpunkt der geistigen und wirthschaftlichen Regsamkeit bildeten, die von keinem kirchlichen Unterschied getrübt wurde. Lutheraner. Katholiken und Juden lebten verträglich miteinander. Jeder schätzte das religiöse Bekenntniß des Andern und nur das Thun und Treiben des Einzelnen bestimmte seinen Werth. Trotz seiner kargen Bodenbeschaffenheit und geringen Erwerbsquellen erfreute sich dos kleine Walddörfchen einer gewissen Wohlhabenheit. Als dann aber die giftsprühenden Wogen des Antisemitismus die Grundpfeiler des deutschen Vaterlandes und der Gesittung unterwühlten, ein ruchloses Streben die friedliche Gemeinsamkeit im ganzen Lande freventlich zu vernichten suchte, da blieb auch dieser weltentlegene Winkel von dem zersetzenden Gifthauch nicht verschont. Die jüdischen Einwohner verliefen die Stätte ihrer mühevollen Thäiigkeit. Mit diesem Augenblick begann der Niedergang des Dorfes. Ein christlicher Schulaenosse bekräftigt seine Erklärung in der urwüchsigen Mundart unseres Geburtsortes mit den Worten: „-Du kannst Deck darup vertaten — soit de Juden hier weggetrocken sind, geiht et allen Luien in Dörpe slecht. Dei Hannel hat upphört un de Dagelöhners hebbet nir tau dhauen. Ja! As dei Juden noch hier wären, du leiwe Toid; da hat et uns Allen gaute gähn."- Dieses ehrliche Bekenntnis eines einfachen Dorfbewohners hat sich in meiner Erinnerung erhalten und so oft der finstere Glaubenshaß. Neid und niedere Leidenschaft die Juden aus ihrer bürgerrechtlichen Hcimath treibt, erscheint mir jener schlichte Ausspruch wie eine prophetische Mahnung. Wird nicht einst der Tag kommen, an welchem die verhetzte Bevölkerung zur Einsicht gelangt und die Wahrheit erkennt? Ist nickt dieses lvinzige Beispiel eines Dörfchens charakteristisch für die Wohlstand. Eintracht und Zufriedenheit untergrabenden Vorgängen in den großen Staaten? Mit schwerem Herzen scheide ich von de.m verödeten Dorfe, in welchem einst meine geliebten Eltern, trotz allen sorgenschweren Mühen. Glück und Zufriedenheit fanden, wo ihnen von allen Einwohnern eine Liebe und. Verehrung erwiesen wurde, dix mich in mnniger Dankbarkeit an das zerfallene Dörfchen kettet. In dem einige Stunden entfernten trauten Heim von Schwager und Schwester, herrscht noch der ursprüngliche Geist meiner seelengroßen Mutter. Hier lausche ich so gerne den Erzählungen, die das hoheitsvolle Wesen und Empfinden der Entschlafenen wiederspiegeln. Eine kleine Episode dieser Art, die vielleicht auch die Theilnahme des fernstehenden Lesers findet, sei hier schmucklos wiederholt.- „Es sind nun schon elf Jahre verflossen." so erzählte die Schwester, „da brachte man unser Ernstchen jammernd und weinend ins Haus. Er war beim Spiel auf der Straße von einem Wagen überfahren und hatte einen Beinbruch erlitten. Als der Knabe nach sechswöchentlicher ärztlicher Behandlung, die ersten Gehversuche machte, zeigte sich eine mangelhafte Heilung. Das beschädigte Bein war merklich verkürzt und konnte nur eine hinkende Gangart ausführen. Bei diesem ins Herz schneidenden Anblick entrang sich ein Schmerzensschrei meiner Brust. Die Zukunft des Kindes erschien mir vernichtet. „Na. na. — haben Sie sich nur nicht so." sie! der behandelnde Arzt vorwurfsvoll ein. „da wird eine entsprechende Erhöhung am Schuh angebracht und damit geht's auch." Blick und Stimme des Arztes verriethen seinen wahren Gedankengang. War es doch nur ein Judenkind; das mußte schon mit seinem körperlichen Gebrechen zufrieden sein. Aber das. Herz einer jüdischen Mutter, die eine zehnfache Sorge für die Zukunft ihres Kindes trägt, konnte sich mit diesem Ausgang nicht beruhigen. Noch am selben Tage brachten wir den kranken Knaben in die chirurgische Abtheilung der nicht allzu fernen Universität. Hier wurde ein nochmaliger Bruch des Beines von einem berühmten Professor ausgetührt und wir hatten nach zwölfwöchentlicher Heilung das unsägliche Glück, unser Kind vollkommen gesund zurück zu führen. Entgegen seiner früheren Art, war der Knabe in den ersten Tagen nach seiner Rückkehr traurig und niedergeschlagen. Die einstige heitere Jugendlust schien verschwunden. Da fiel er mir eines Morgens in heftiger Erregung um den Hals, flammende Röthe brannte auf seinen Wangen und ein beängstigender Blick leuchtete aus den sanften Kinderaugen. „Mutter," tönte es ungeachtet meiner Liebkosungen, mit Bitterkeit von den Lippen des Knaben, „Mutter, wenn ich groß bin, dann kaufe ich mir einen Revolver." „Aber Junge, was willst Du denn mit einem Revolver?" entgegnete ich lächelnd. «Doch Mutter," scholl es unbeirrt zurück. „Damit will ich den jungen Doktor und den Krankenwärter todtschießen — die Schwester Marie auch." . „Aber warum denn, Kind?" frug ich nach der unerklärlichen llrsache forschend, und grollend, wie ich es noch niemals von dem sanften Knaben gehört hatte, gab er die bittere Erklärung. „Sie haben mich immer Jude geschimpft.. Wenn ich schlafen wollte, haben sie immer gerufen: Jude sing. Jude sing. Und dann mußte ich singen' und sie haben gelacht wenn ich weinte.* Das war der herbe Kummer, der zerstörend am Herzen meiner Kinder nagte, gegen den sich sein innerstes Empfinden gewaltsam empörte. —-- bie alte, von Geschlecht zu Geschlecht vererbte Schmach.

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