Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 78-79 (4.10.1904)
- Date
- 1904-10-04
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
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1661 Jedermann, der diese Verordnung durckgelesen hat. mufc es klar sein, daß die zu Ssiiheln degradierten Truppenchefs in der russischen Armee'so sehr mit ihren polizeilichen Aufgaben überhäuf» sind, daß sie nicht mrbr Zeit haben, für die militärische Ausbildung der ihnen unterstellten Truppen zu sorgen. So wird die Armee nicht gegen den äußeren, sondern nur gegen den inneren Feind gerüstet. Zu welchen Konsequenzen das führen muß. ist klar. 'Und noch ein Punkt muß hervorgehoben werden: das ist die wahrhaft entsetzliche Lage des jüdischen Soldaten in der russischen Armee, die so ungeschminkt und grell in der angeführten Verordnung zu Tage tritt, llnd doch wird von Kennern der Verhältnisse bestimmt versichert, daß diese Anklagen gegen die jüdischen Soldaten absolut unberechtigt seien und nur dem blinden Judenhaß ihre Entstehung und Weitervcrbrcitung danken. Wer nach den Ursachen der ständigen Niederlagen forscht, wer es unbegreiflich findet, daß eine solche Riesenniacht wie Rußland von dem kleinen japanischen Jnselvolke so auf's Haupt geschlagen werden konnte, der wird den Zustand einer Armee, die durch solche Erlasse wie der obenerwähnte nothwendig demoralisirt werden muß, mit in Betracht ziehen muffen. Kiew, im Sept. (Die Judenkra walle in S m j e l a und R o w n o.) Das Jahr 5004 hat noch kurz vor seinem Abschluß den Juden der beiden benachbarten Gouvernements Kiew und Wolhynien zwei schwere Krawalle gebracht. Am 4. September brachen fall gleichzeitig in Smjela und in Rowno, der bekannten großen russischen Festung. Unruhen aus. tvelche die Juden zahlreiche Opfer an Gut und Blut gelostet haben. Das zwischen den Stationen Bobriustaja und Tscherkasy an der Fastower Eisenbahn gelegene Städtchen Smjela zählt über 25,000 Einwohner, darunter gegen 10,000 Juden. Den Mittelpunkt des Ortes bildet der Marktplatz, auf dem sich des.Sonntags eine große Menge Käufer und Verkäufer aus der ganzen Umgegend versammeln. An dem verhängnißvollen Sonntag betrat nun die reiche Bäuerin Feodora Pustowoit den Schnittwaarenladen von David und Feige Kowalski, angeblich, um sich da Stoff zu einem Kattunkleide zu kaufen, thatsächlich um da etwas zu stehlen. Frau Feige Kowalski merkte auch bald, daß ihr ein Kopftuch fehlte, es entstand ein Wortwechsel, in deffen Verlauf David Kowalski der Diebin eine Ohrfeige ab. Heulend lief die Geschlagene auf den Platz hinaus und der Krawall war fertig. Der Pöbel, unt.r dem sich zahlreiche Betrunkene befanden, demolirtc zunächst die jüdischen Laden, um sich dann auf die jüdischen Wohnungen zu'stürzen. Die ivenigen Polizisten des Ortes waren mit dem Empfang des gerade durch das Städtchen durchreisenden Metropoliten vollauf beschäftigt, und hätte auch bei ihrer geringen Zahl'gegen den Pöbel nichts ausrichten können. Die Menge begnügte sich zunächst mit der Demolirung des jüdischen Eigenthums und hütete sich sorgfältig, die Juden thätlich anzugreifen. Als diese sich gegen Abend jedoch anschickten, ihr Hab und Gut zu vertheidigen, entstand eine furchtbare Schlägerei. Der wüthend gewordene Pöbel griff auch die durch Zuzug aus Tscherkasy verstärkte Polizei an, die einigt Schüsse abgeben mußte. In der Schlägerei sind einige Nutzend Personen leicht und sechs schwer verwundet worden. Unter letzteren befindet sich der Jude Schlome Sokolow und ein 14jähriger Knabe. Ferner die Bäuerin Datschinsko, Iwan Lichnjuk und Nikolai Chishnjak. Und außerdem wurde der Bauer Andrejkoselow durch einen Steinwurf getödtet. Am nächsten Morgen bestiegen einige Hundert Eisenbahnarbeiter auf der Station Bobrinskaja den Zug nach Smjela, um da den Krawall zu erneuern. Gegrn li Uhr kamen aus Tscherkasy Soldaten, welche dem .Krawall sehr rasch ein Ende bereiteten, indem gegen 70 Excedenten verhaftet wurden. Gleichzeitig mit dem Militär traf in Smjela der Kiewer Gouverneur, Generalmajor Sawitsch, ferner der Untersuchungsrichter Jatschenko, der Staatsanwaltsgehilfe Schimanski und der' Gehilfe des Kiewer Polizeimeisters Guminski. Endlich wurden zur Verstärkung der örtlichen Polizei Revieraufseher aus Kiew nach Smejela entsendet. Dieselben nahmen zahlreiche Haussuchungen vor. bei denen ganze Wagenladungen aus jüdischen Läden gestohlener Waaren zu Tage gefördert wurden. Der Untersuchungsrichter hat gegen etwa vierzig Personen Anklage wegen Bandenraub erhoben. Der den Juden zugefügte Schaden ist ganz enorm. Hundert jüdische Häuser sind demolirt und über hundertfünfzig Läden geplündert. Das Städtchen bietet das Bild eines von einem fremden Eroberer verwüsteten Ortes; die Straßen sind durch überall berumliegende, zertrümmerte Möbelstücke, zerschlagene Fenster- und Spiegelscheiben, sowie überall umherliegende Daunen, machen die Straßen unpaffirbar. Neben den Prioatwobnungen und Geschäften sind vier Synagogen und Betbäuser demolirt und die von Frau Dr. Stern begründete jüdische Volksbibliothek verwüstet. Die ...Nowosti" wissen sogar von zwei geschändeten und zerrissenen Thorarollen zu melden. Die Roth unter den Juden von Smelja spottet jeder Beschreibung. Nicht weniger als 260 jüdische Familien haben Alles verloren. Der Gouverneur von Kiew hat die Errichtung eines Hilfskomitees genehmigt, Lazar Brodski aus Kiew hat dem Komitee bereits 3000 Rubel gespendet. \ An dem gleichen Tage fand ein JudenkrÜwall auch in Rowno statt. Auch hier nahm die Katastrophe auf dem Marktplatze ihren Anfang, nur war es dies-