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Der Israelit · 1904-10-04 · Heft 78-79 (4.10.1904) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 78-79 (4.10.1904)
Date
1904-10-04
Page
– (sequence 26)
Language
German
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1656 nöthige Ruhe, zur Prüfung des sich vollziehenden \ Thatenlebens, das ihn auf die Probe stellt. Den Nachlebenden Geschlechtern sichten und schichten sich die vergangenen Jahrhunderte nach den sich offenbarenden Prinzipien der Erziehung des Menschengeschlecht?, nach den sich enthüllenden Mittelpunkten der Geschichte und nach den Vorzügen und Fehlern der Menschen, die diese Geschichte zu machen hatten. Da stellt jedes Jahrhundert seine Riesen und seine Zwerge, seine charakteristischen großen Tugenden und Sünden und gliedert sich mit seiner Theilgeschichte der universellen Weltgeschichte organisch an. Ritterlichkeit und Raublust. Bigotterie und Schwelgerei. Heroisinus und Barbarei. Madonnendienst und Mord, Kunstsinn und Sittenroheit. Welt eroberung und Aberglaube, starres Dogma und Atheismus, antike Biederkeit und götterhafte Grobheit, transcendentale Verzückung und Epikuräerthum — all diese Eigenschaften zeigen dem Betrachtenden die Vorder- und Kehrseite der wechselnden Jahrhunderte und predigen die Lehre: ..Sage nicht, was ist's, daß die früheren Tage besser gewesen, als die jetzigen? denn nicht aus Weisheit fragst du so." (Kohelet.) Wie die Zeitalter der Menschheit, so haben auch die Lebensperioden des einzelnen Menschen in ihrem natürlichen Gefolge die ihren physischen und geistigen Bedingungen entsprechenden moralischen Vorzüge und Fehler. Der kraftvollen Jugend wird man die überschäumende Lust und einen leichtfertigen Schritt abseits von der streng gezogenen Linie sittlichen Lebens ernstes verzeihen. Dein reifen Alter, von denr reifliches Erwägen des Gedankens und des Wortes, von dem die gellarte. gediegene Gesinnung und der weise Rath erwartet wird, verzeiht man es minder, wenn sein Gang sich verlangsamt und sein Wirken sich verzögert. Doch können tvir es dem Jüngling kaum verzeihen, wenn er! sich des Greises Würd^ anmatzt und lraftlos lässig oder gar griesgrämig lästig seine Jugendtage hinbringt: Ebenso unverzeihlich finden wir die Jugendsünde beim genutzsatten Greise. Am widerlichsten aber mutbet es uns an, wenn die Fehler und Sünden des Jünglings und des Greises sich in einer Person zusammensinden. wenn sie sich miteinander verbinden zu einem. Zwitter charakter, der Ausgeburt der Unnatur. Born Sohne der modernen Zeit, der das Gebot der Kultur falsch begreifend. sich über die Schranken des urewigen Religionsgesetzes und der alten Sitte hinwegsetzt. erwarb ich die glatte Höflichkeit der Mode und die Achtung vor der Wissenschaft, die ia dem Jahrhundert der Auf klärung besonders eigen sein soll. Wie nun aber, toenn auch diese fehlen? Wenn statt ihrer der blasierte Dünkel, der brüske Stolz, ja die vierschrötige Grobheit von den Zeiten Nimrods her zu Tctge treten? Wenn Greise, altersschwach im Guten und heißblütig im Schlechten, wenn Jünglinge, im Sinnenrausche gegen Gottesgebot und Bärersitte stürmend und nüchtern, kalt und matt das Gebot der Humanität verschmähend, uns entgegentreten? — Solche Verderbtheit spricht ollem Hohn, was aus der Reihe der Jahre und der Jahrhunderte zur Entlastung menschlichen Vergehens vorgebracht werden könnte. Solch' widerlichem, weil widernatürlichem Gebühren gegenüber, verstummt der Geist der Sühne und Nachsicht, da aus pwq v -rwro im ,ixr spricht, die Tribünen der Vertheidiaung stürzen nieder, und stehen bleibt die große Schuld. — Solcher Scharlach wird nicht weiß! Wie nun, wenn im aufgeklärten zwanzigsten Jahrhundert ein Stück — ein böses Stück Mittelaller mit seinem Aberglauben, seinen Ritualmord-Marchen und Gräueln emportaucht aus dem Grabe der Zeiten und das Firmament ganzer Länder blutig rotb färbt? Gebt das nicht gegen die Ordnung der Zeiten und ihre fortschreitende Entwicklung? Gewiß, solcher Purpur kann nicht weiß werden! ZeUungsuachrichien und Vorrespondtuzen. Deutschland. Berlin. „„Das Judengeld", mit dem Herr v. Mirbach, der Oberhofmeister der Kaiserin, angeblich den Bau protestantischer Kirchen unterstützt hat. spukt noch immer in der antisemitischen Presse. Der Generalsuperintendent der Provinz Ostpreußen. Dr. Braun, sieht sich'demgegenüber zu folgender Richtigstellung veranlaßt: Jöfit Judengeld ist die Gedächtnißlirche gebaut" — so einst und jetzt der Ruf. — „Der Schandbau soll e uicdergenssen werden", so läßt sich eine Stimme im Rahmen eines kirchlichen Blattes vernehmen. Mit fünf Millionen wird jene Kirche gebaut. Davon haben patriotische Katholiken 50,000, Israeliten 19,000 ge geben, also „Judengeld" . — Sollte man diese Gaben für eine evangelische Kirche, die ein nationales Denkmal für den geliebten Kaiser zu sein bestimmt ist. zurückweisen? Ich sage nein. Für den Kölner Ddm haben Evangelische viele Millionen gegeben — und alle finden es mit Recht in der Ordnung. Ich wundere mich eher darüber, daß von jenen Seiten so wenig dargeboten, iss. Mir hat in meiner ersten Gemeinde eine ehrenhafte jiidische Familie von ihrem Reichthum zu allen guten Zwecken gegeben und ich habe es gern und dankbar genommen. Wenn in christlicher- Umgebung eine arme jüdische Gemeinde sich ein Bethaus bauen wollte, wäre es unanständig, ivenn ein Christ ihr dazu eine Gabe spendete? Kann er sein wahres Christenthum ihnen nicht sonst genügend dokumeu-

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