Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 78-79 (4.10.1904)
- Date
- 1904-10-04
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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i cis Ken Lebensgenuß und die Lebensfreude als blc er^ strebenswerthesten Güter hinstellen würde, wie viele Erklärer behaupten, bei weitem nicht. Wenn wir Koheleth so betrachten, wie wir es überliefert bekommen haben, und nicht wie die Anderen, die den Text verstümmeln, um in das Buch ihre Ansichten hineinzuschmuggeln, so werden wir sehen, daß Koheleth nicht den Sinnenrausch als Zweck des menschlichen Lebens begreift. Wir dürfen nur nicht etwas in das Buch hineintragen wollen, sondern umgekehrt, wir müssen etwas herausholen wollen. Die Pietät, die wir den Werken des Alterthums schulden, sollte schon Jeden davor bewahren, Hand anzulegen an die durch das Alter heilig gewordenen Worte irgend eines alten Werkes. Und wenn dies schon bei Werken profanen Inhalts der Fall ist. wie viel weniger dürfen wir eine Verstümmelung wagen bei einem Buche, das an und für sich heilig ist. Wie wenig die Bibelkriiiker trotz ihrer Umgestaltung erreicht haben und wie wenig selbst der skrupelloseste unter den Commentatoren des Buches Koheleth, G r ä tz, errreicht hat. können wir daraus sehen, daß sie noch immer über die Grundtendenz des Buches im Unklaren sind. Die Einen behaupten, der Verfasser sei Pessimist gewesen. „Alles ist thöricht und eitel," so meinen sie, das sei die Grundanschauung des Verfassers, der Grundton des Buches und alles Uebrige wäre nur die Variation dieses Tones. Alle Mühe der Menschen ist vergeblich, denn es gibt kein Ideal, für das zu leben.der Mühe Werth wäre. Sysiphusarbeit ist alles, was der Mensch schafft, der Stein wird von uns fortbewegt, aber unsere Nachkommen finden ihn dort wieder, wo wir ihn gefunden haben, als wir an die schwere Arbeit gingen. Kein Fortschritt wird erzielt, weil die Welt keines Fortschreitens fähig ist. Nichts ist wahr, nichts dauerhaft, alles bloße Scheinbilder in der Wüste des Lebens, die den müden Wanderer mit ihrer farbenreichen Pracht heranlocken und ihn dann in Verzweiflung stürzen, lrenn er gefunden, daß die Quellen lebendigen Wassers, die er aus der Ferne geschaut, nichts sind als der Widerschein des weißen Wüstensandes. Daß diese Ansicht über die Grundidee des Buches unrichtig ist, wird einem sofort klar, wenn man sich diejenigen Stellen vergegenwärtigt, die den Menschen zur Freude und zum Genüsse ermahnen. An und für sich wäre ja dies kein Widerspruch, denn es könnte sein, daß die Empfehlung irdischer Genüsse nur ein Ausfluß der Verzweiflung ist; es wird der vorübergehende Genuß empfohlen, weil ein dauerhafter nicht zu erreichen ist; es soll für den Magen gesorgt werden, da man für drn doch nichts erreicht, es soll gleichsam der Mensch in ewigem tausch leben, damit er die Leere und SchallM seines Daseins nicht allzubitter empfinde;- .r Mensch soll nicht mit offenen Augen, mit klaren Sinnen durch die Welt gehen, damit er ihrer nicht überdrüssig werde; er soll die Welt durch die Brille, die der Rausch um seine Augen legt, ansehen, damit er nicht allzuklar sehe und nicht den Schleier , lüfte, hinter dem ein chaotischer Wirrwarr, das gähnende Nichts sich nothdürstig verbirgt. Daß auch diese Anschauung nicht die Tendenzen des Buches wiedergibt, braucht wohl nicht des Näheren erörtert zu werden Die Anderen meinen daher, daß Koheleth in der Lebensfreude und in dem frohen Genießen Ziel und Zweck demenschlichen Lebens erblickt. Di; Befriedigung bej sinnlichen Begierden sei das erstrebenswertheste Gut, und das Streben müsse sein, dieses Ziel zu erreichen. Die Einen lassen also den Verfasser im Sinne Budhas, die Andern im Geiste Epikurs sprechen. Da man nun nicht zu gleicher Zeit Budhist und Epikuräer sein kann, und also es Koheleth auch nicht war. so liegt die Vermuthung nahe, daß der Weiseste der Sterblichen keines von beiden war. Er war Jude und in seinem Buche spiegelt sich die jüdische Lebensanschauung wieder, dieselbe jüdische Lebens- und Weltanschauung, die wir in dem verständlichsten d. h. uns verständlichstem Buch: desselben Verfassers, in den „Sprüchen" finden. Wir. wollen nun versuchen, das Haltlose all dieser Ansichten nachzuweisen. Beginnen wir mit der Widerlegung der letzten Ansicht, wonach Koheleth im Genießen den Sinn des Daseins erblicke. Auch unsere Weisen, so wird uns berichtet, wollten das Buch Koheleth verbergen, weil darin der irdische Genuß und die Lebensfreude empfohlen werden, aber sie haben es nicht gethan, weil sie erkannt haben nun nn-t ibiw mbnne» daß Anfang und Ende Thoraworte sind, daß Koheleth als Zweck und Ziel der irdischen Freude die Thora aufstellt. Und wir werden sehen, daß sämmtliche Stellen eine derartige Deutung zulassen, ja sogar sie herausfordern. So heißt z. B. neu? n na nnos>^i f>^nno wett „Zum Lachen sprach ich: thöricht. und zur Freude, was schafft die!" Unsere Weisen fassen das Wort bbno als „lobenswerth" auf; der Sinn wäre demnach sehr schwierig, da der Nachsatz, in dem die Nichtigkeit der Freude betont wird, dem widersprechen würde. Wir glauben jedoch, daß, wenn wir diesen Satz im Zusammenhang« mit einem vorhergehenden Satze nehmen, die Schwierigkeit schwinden dürfte. In den Sätzen vorher schildert uns Koheleth nämlich all seine Versuche, die er als ernster Forscher im Leben gemacht, um das zu ergründen, was das Leben lebenswerth mache! Von dem Scherz dachte ich, er wäre lobenswerth na nre»^ nsrjf n und da dachte ich über die Freude nach, waS macht sie denn, was ruft sie hervor, was im Leben kann uns wahrhafte Freude gewähren? Und nun fahrt er fort: Ich habe mir Häuser gebaut und Garten angelegt. Alles, was dem Auge gefällt, habe ich mir erworben, ' alle Triebe meines Herzens habe ich befriedigt, nichts habe ich mir vorenthalten, in einem förmlichen Sinnen-