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Der Israelit · 1904-10-04 · Heft 78-79 (4.10.1904) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 78-79 (4.10.1904)
Date
1904-10-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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gewählter Themata stattfindet, ohne Plan und inneren Zusammenhang, ohne Vor- und Nachstudien der Hörer. Ihre eigentliche Frucht - müßte die ernste Arbeit des -rob sein, bei dem direkt auch die religiöse Praxis gewinnt. Während des langen Winterhalbjahres sollten Rabbiner wie Lehrer, kleinere und größere jüdische Organisationen dahin bestrebt sein, Fortbildungskurse im Hebräischen zu errichten. Dieselben müßten vor allem methodisch geleitet werden, unter Anwendung von Personen-, Sach- und Lokalkenntniß. Nicht jeder und alles eignet sich, nicht überall kann das Gleiche geschehen. Etwas sollte aber überall geschehen, um Eltern und Schule nicht um die erhoffte Frucht der Erziehung zu bringen. Es ist doch hinlänglich bekannt, wie die jüdischen Lehrlinge, Kommis, Handlungsgehilfen und Reisenden oft die freie Zeit der Winterabende verbringen, wie viele der guten Keime, welche das Elternhaus gelegt, durch lockere Gesellschaft, schlüpfrige Lektüre, Spielwuth und sonstige Paffionen erstickt werden. Nur wer höheren Genuß nicht kennt, verfällt auf gemeineren, niedrigeren. Es fehlt den jungen Leuten die Gelegenheit, nach des Tages anstrengender Arbeit einige Stunden edler, erhebender und erholender Geselligkeit zu verbringen. Der Mange! bedeutet eine direkte Gefahr für das Judenthum, das seine Zukunft in der Jugend besitzt.- Dem sollte man gerade im Wintersemester einen aufmerksamen Blick zuwenden. Nehmen wir uns doch ein Beispiel an den andersgläubigen Mitbürgern; dort blühen allenthalben Männer-, Jünglings- und Jungfrauenvereine, die positive Arbeit leisten. Warum soll das bei uns nicht möglich sein? Warum überläßt man bei uns die Jugend sich selber? Nickt Lese- und Litteraturvereine können ersetzen, was hier Noth thut: Fortbildungskurse im Hebräischen, deren Grundzug das Gemüthvolle und Gesellschaftliche bilden mutz. In diesem Sinne müßten sie geleitet werden,, positive Kenntnisse vermitteln in anziehender Form, ohne in das Fahrwasser der .Litteraturvereine zu gleiten. Denken wir an erzählende Darstellung der Patriarchengeschichte, welche während des ganzen Winters zur Verlesung gelangt, und wie interessant diese Periode im Lichte der Tradition erscheint. Denken wir an die sechs Bande der Mischna, deren Inhalt uns den Schlüssel zur Thora reicht. Stellen wir uns vor, welche Gedankenfülle die Erklärung auch nur einer NVv dem Laien bringen muß, wie interessant sich Frage und Antwort gestalten wird, da ja hier ein Gebiet stets in's andere greift. Wie ganz anders muß dem so Belehrten Wesen und Inhalt des Judenthums erscheinen. Wie müßte die bessere Kenntniß das leichtfertige Urthrilunh den wohlseilen Spott verschwinden machen! Freilich.muß die Vortrags- und Lrhandlungsweise interessant, anregend, bildend und unterhaltend zugleich sein! Unsere heilige Thora besitzt an sich in seltenem Zusammentreffen alle diese Eigenschaften; der Lehrstoff ist vorhanden, die Meister fehlen nur. Das Wintersemester mit den Hunderten freier Stunden, die uns um des Lichts gesellige Flamme vereinigen, rust in uns Erwägungen obiger Art wach. „Der Mond ist nur zum „Lernen" geschaffen." meint der Talmud. Das sollte man doch für die Winterabende wenigstens beherzigen! — Wir nannten als zweiten treuen Begleiter durch's Wintersemester den Sabbat. Er kommt für uns gerade nach den Feiertagen in Betracht, da er die einzelnen Brückenpfeiler bildet, über die wir zum rvv-Feste schreiten. Die tt*1 des Tischrimonats find mit denen des Frühlings durch den wöchentlichen rctr verbunden. Midrasch, Agada, Poesie haben ihn verklärt, einen Kranz frommer Sagen hat die Tradition um ihn gewoben. Des Künstlers Pinsel hat nach solchem Vorwurf gearbeitet, kein Familienroman jüdischen Genres ohne dir Erwähnung des Sabbat. Welchen Zauber athmet das Oppenheim'sche Bild des Freitag Abend! Es ist Winter. Im Frieden des Sabbatlichres erstrahlt die Stube, erstrahlen die Gesichter glücklicher Menschenkinder. Wir erblicken den in heiligem Ernste dreinschauenden Vater, bereit, mit den Kleinen „in Schul" zu gehen; wir sehen die Mutter, »ach altfrommer Art das Häubchen auf dem Kopfe zur Haarverhüllung, mit ansgebreiteten Händen spendet sie dort an der Messinglampe dem Sabbat den Lichtgruß: alles ist wohlgeordnet in der Stube, neben den Doppelbroden ruht der Wein und der Kidduschbecher, eine behagliche Wärme durchzieht das Wohnzimmer. Wir hören schon im Geiste, wie der Hausherr nach beendigtem Gottesdienste hier die Sabbatengel begrüßt, wie das Mahl gewürzt wird durch fromme Betrachtungen über den Wochenabschnitt, wie als Tafellieder die altjüdische jth'ei ertönen: *01 nnven nr» bnivH m nr* „Dieser Tag ist für Israel Licht und Freude, dieser Sabbat- Ruhetag!^ Ja. er ist Licht und Freude für uns. dieser Tag, unübertroffen von allen sonstigen Gedenkzeiten. va 0"n rvtyis, *ru» nca errapo, „die sich an ihm ergötzen, werden stets Ehre erben, die ihn genießen, zum langen Leben sind sie würdig." Licht und Freude ist der Sabbat uns auch in den rauhen, düsteren Wintertagen. Wenn draußen Stürme toben und Schneegestöber herrscht, drinnen ist Lebensglück und Lebensheiterkeit; seine beglückende Harmonie gießt der Sabbat in die Seeleü der strenggläuAgen Juden, häuft ein Kapital an, von dem Herz und Gemüth während der ganzen Woche zehren. O. warum wirft die unbesonnene Gegenwart die himmlische Perle so weit von üch! Soll man nur im Bilde noch die echte rechte Sabbatfeier kennen kernen? Gerade zur Winterzeit tritt die häusliche Feier des tc.'z? in ihrer vollen Schone in Erscheinung, bietet einen wohlthuenden Gegensatz' zu den erstorbenen Kräften der Natur rings um uns.

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