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Der Israelit · 1904-10-04 · Heft 78-79 (4.10.1904) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 78-79 (4.10.1904)
Date
1904-10-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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45* Jahrgang. rke Iell. zu J& 78 L 79 des Das M'mterseinostor. Bon A. Maatthcimcr—D c t t c l b a ch. (Lülutzr. Wenn wir nach Schluß der Herbstlestc das Wintersemester im Geiste überschauen, so sind es eigentlich zwei Dinge, die uns durch diese lange Zeit treu, und ununterbrochen begleiten: die Thora und der nie*. Auf sic richtet sich unser Sinn, wenn nach Ablauf des Festzyklus. ein elegisches Gefühl uns beschleichen wollte. Schön waren diese Tischriiage, erhebend und veredelnd für uns alle. Selbst Erwachsene vermochten sich noch kindlich zu freuen auf jene v'2'v Dir. ES liegt in der menschlichen Natur, den schroffen Ucbergang von einer in die andere, entgegengesetzte Stimmung unangenehm zu empfinden. Für das Entschwundene sucht man nach Ersatz. Könnte es da einen besseren geben als Thorastudium und r:!?'!' Der Zauber, welcher in diesen beiden Begriffen liegt für jeden, der noch ein jüdisch fühlendes Herz sein eigen nennt, läßt sich mit wenigen Worten nicht wiedergebrn. Beide, n-nn und rar sind geeignet, uns ein Programm für die Wintertage abzugeben, das keiner Verbesserung, fähig ist. In ihrer Wirkung auf unser Gemüth können beide von keiner Festtagsflimmung übert rossen werden. An m*ji und rep als das Bleibende. Unabänderliche weist uns das Wintersemester, Tag für Tag und Woche um Woche. Die Vertheilung der ganzen Thora in Wochenpensen für die einzelnen Sabbate des Jahres zeugt an und für sich schon wie beide zusammengehören. Nach Festesschluß schlagen wir die Thora von vorne auf, um allsabbatlich die betr. Perikope verlesen zu hören. Und der alte Lektionsplan bleibt ewig schön, trägt stets den Reiz der Neuheit. Es ist keine Uebertreibung, wenn wir behaupten: Im Wintersemester können Thorastudien und Sabbaifeier uns mehr beglücken als alle sonstigen Veranstaltungen geselliger Unterhaltung oder festlicher Natur. Wenn alle diese Veranstaltungen in ihrem Hauptzweck die Gemiithlickckert, den angenehmen Zeitvertreib, den froben Genuß von Stunden ungezwungenen Beisammenseins anstreben, so muß demgegenüber auf das Gemüthvolle, welches gerade rar und nrai uns bringen kann, hin gewiesen werden. Leider hat unsere so ganz dem Materiellen zugewandte Zeit nichts übrig für beide Quellen des Glücks. In der Hast nach dem Irdischen nützt man jede Spanne Zeit aus. keucht unter der Last dabin bis die Kräfte aufgerieben sind, verliert den freien Geistesblick, das warme Gefühl für den Nebenmenschen. und nun sollen Theater, Konzerte, Bälle. Vereinsabende etc. den inneren Menschen wieder in's Gleichgewicht' bringen. Das kann nur eine Uebcrtünchnng der Schäden, keine durchgreifende Sanirung bedeuten. Wie ganz anders wirkt bei uns Juden rar und rrrr auf das Gemüthsleben ein! Man bedarf keiner künstlichen Reizmittel, wenn der Lebensbalsam ununterbrochen wirkt. Welcher Genuß geht doch denen ab. die iveder dem Thorastudium sich widmen noch den göttlich geheiligten rarbeachten, recht beachten und recht begehen! Dem Am-Haarez bringt der Sommersabbat oft Langweile, er weiß die Stunden nicht todtzuschlagen, wie man zu sagen pflegt. Der winterliche rar erscheint ihm vollends öde, man kann sich nicht einmal im Freien ergehen. Wie ganz anders derjenige, der so glücklich ist, lernen zu können; mit welcher Freude sieht er dem rar entgegen, um ungestört durch den weltlichen Beruf die. wöchentliche mno, vielleicht mit verschiedenen Kommentaren zu lesen, etwa auch in rar» oder Talmud zu forschen. Tausende unserer Brüder wissen nicht, daß beim ..Lernen" nicht so sehr der Kopf, sondern gerade das Herz, das Gemüth arbeitet und arbeiten soll. Unzählige Mal wird uns gesagt, daß die Thoraworte ..auf dem Herzen" sein sollen. So kommt es, daß beim Juden Gebet und Lernen so innig miteinander verwachsen sind, daß man eigentlich eine Grenzlinie feststellen müßte: ninb -nvb svr, -,r6 ndo.i fot. Biele Stücke lehrhaften Inhalts, wie jopo nrn, wr u. a. in. „ort" man. eben weil beim „Lernen" im altgläubischfrommen Sinne uns das gleiche beglückende Gefühl beherrscht wie beim Beten. Die Männer der kalten Bibelkritik kennen das warmfühlige Wort nicht: rwn vt 'ran nx. kj „Laß doch süß sein der Thora Worte in unserem Munde." Wer raiei „lernt", dem wird die Macht des Gemiiths kund, das seinerseits wieder , auf den Geist erleuchtend wirkte Darin liegt das Unterhaltende. Vas Ergötzende, das Beglückende von iwd nnm. Wenn die langen Winterabende herbeikommen, so gibt es wabrlich kein idealeres, schöneres, nützlicheres^ gottgefälligeres Mittel der Unterhaltung' als Lernen. In seinem Wesen liegt zugleich das Gesellige, das freudige Zusammenstreben vieler, vran p'2i nennen's die Meisen. Zwar treten im Wintersemester allent«" halben die Litteraturvereine wieder in Wirksamkeit. Doch nie und nimmer können sie die Form des alten Limud ersetzen. Dem in unserer Zeit durch den' Antisemitismus neuerwachten jüdischen Selbstbewußtsein - zum größten Theil den Anstoß verdankend, gehen' die Litteraturvereine in ihrer Hauptwirksamkeit auf einH Belebung und Hebung des jüdischen Gefühls hinaus, treiben mehr Geschichte als Litteratur, können in letztere nicht eigentlich einsühren, da nur ein „Hören" von frei-

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