Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 78-79 (4.10.1904)
- Date
- 1904-10-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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„Nein, sie ist nicht irrig, sie ist sogar großartig und dürfte von Rabbi Elimelech herrühren;" bemerkte Reb Leiser. „Dagegen zeigt mir diese Euere Auffassung, daß Ihr nicht deßhalb die Thora von Rabbi Elimelech nachsagt, weil Ihr keine, andere wißt. Ihr wißt ganz gut.- Alle athmeten erleichtert aus. daß das hitzige Gefecht einen so schönen, versöhnlichen und friedlichen Ausgang genoinmen hatte. Man sprach das Tischgebet und blieb noch lange nach Hasdolo beisammen. Als sich die Gäste einzeln zu verabschieden begannen, sagte Herr Tobia Fried, er habe mit dem Rabbiner einige Worte allein zu sprechen. Rabbi Sisi nahm Herrn Fried, der ein gern gesehener Gast war, und jährlich drei bis vier Mal auf der Durchreise hier vorzuspr.ch n pflegte, in ein kleines Nebenzimmer und ließ ihn Platz nehmen. „Ich hätte eine große Bitte an Euch. Wenn der junge Bcchur noch frei ist, der heute bei Tisch so schön gesagt hat. so bietet Euere Hand dazu, daß er mein Schwiegersohn werden kann. Ich habe 'zwei Töchter ^und drei Söhne. Meine älteste Tochter ist in einigen Monaten achtzehn Jahre alt. Ich wollte ihr 50,000 Gulden mitgeben, wenn ich aber diesen Schwiegersohn haben könnte, so gäbe ich gern das Doppelte. Wie der Rabbi weiß, treibe ich einen großen Holzhandel, ich komme soeben vom Ankauf eines Waldes, der mir niehr einbringen wird, mit Gottes Beistand, als die genannte Redinie (Mitgift) beträgt. Ich hätte meine Tochter, die gesund und schön und stark ist, nickt fast achtzehn Jahre werden lassen bei der Redinie, die ich Boruch Haschem mitgcben kann. Meine Frau und ich waren allezeit einig, daß wir nur einen rechten Talmid Ebochom und Iore Schomejim (Gottesfürchtigen) zum Schwiegersohn einsetzen. Das entspricht auch dem Wunsche unserer Tochter. Aber sie hat - - ich weiß nicht, soll ich's einen Vorzug oder einen Mangel nennen — vor anderen jüdischen Mädchen etwas voran s. sie kann gut deutsch lesen und schreiben. Sie möchte daher einen Monn beiratben, der neben Tauro und Derech Erez (Weltsitte)' besitze. Das scheint mir der junge Mann in sehr hohem Grade zu haben. Ist dem so?" „Ich habe noch nicht desgleichen gesehen.- erwiderte der Rabbi, „sowohl was Tauro. Derech Erez und Jiras Schomajim (Gottesfurcht) betrifft. Ihr wißt doch, daß ihm mein Bruder die Morenu gegeben hat?" „Nein, das wußte ich nicht, aber das überbcbt mich aller Fragen. Woher stammt er denn? Was sind seine Eltern?- „Er hat keine Eltern und keine Geschwister mehr; über 'seine Herkunft wendet Ihr Euch am bellen an meinen Bruder.-. „Ihr genügt mir vollkommen.- bemerkte Hrrr Fried. „Rathet Ihr mir zu dem Schidduch und haltet Ihr ihn ausführbar, so gebe ich, wenn Ihr das Erforderliche in die Hand nehmen wollt, daß es zum guten Abschluß kommt. Euch für Euere Jeschiba. 2000 Gttiden.- „Gut," erwiderte der Rabbi, „ich will mir die Sache überlegen und' tverde morgen noch einmal mir Euch dariiber reden. Schenkt uns morgen, zum. Mittagessen die Kowed (Ehre), bis dahin hoffe ich mit mir und dem Bachur im Reinen zu sein.*' XV Ul. Am anderen Tage nach Tisch nahm Rabbi Sisi seinen Gast in sein Privatzimmer, reichte ihm die Hand und sagte: „Ich glaube, man darf Euch Maffol Tos sagen. Der Schidduch hat mir vom ersten Augenblick an sehr wohl gefallen; ich habe mit dem Bochur heute Morgen geredet. Er will, was ich will; nur möchte er Euere Tochter vorher sehen, bevor er bestimmt zusagl." „Nun gewiß.- entaegnete Herr Fried, „muß er sie vorher sehen; unsere Ehachomim haben doch verboten, sich durch Kidduschin mit einer Frau zu verbinden, bevor man sie gesehen hat. Also werden sich Choson und Kallo am Chasnotag vor der Chuppo sehen, wie's in der ganzen Welt Brauch ist." „Ia. dos ist schon recht," bemerkte Rabbi Sisi» ..aber Ihr sagt. Eure Tochter führt sich hruiwelttg und der Bochur ist auch ein großer Bal Derech Erez: vielleicht gefallen sie sich beide nicht und was dailn?- „Jch verstehe den Rabbi nicht," entgegnete Herr Tobia Fried, „ist dem Rabbi das schon ein einziges Mal im Leben vorgekommen, daß die Eltern von Choson und Kallo einig waren und daß der Schidduch deshalb zurückgegangen ist, weil sich die zwei jungen Leute nicht gefallen hätten? Ihr steht an Stelle des Vaters von Seite des Choson, ich stehe als Vater der Kallo da. wir sind einig, warum sollen Choson und Kallo nicht zufrieden sein mit dem. was ihre Leute für sie bestimmt haben?" - „Ihr habt Recht," antwortete der Rabbi, „daß mir? das noch nie vorgeköwmen ist. Mir ist aber auch noch kein jüdisches Mädchen vorgekommen, das Deutsch l(sen und schreiben kann. Das ist doch wirklich was Ungewöhnliches." > . , „Aber." wandte Fried ein. „wenn das was Ungewöhnliches ist. was ich nicht bestreite, so müßte sie ja verlangen, den Choson zuerst zu sehen und sie stellt das ungewöhnliche Verlangen nicht, sondern oer Rabbi stellt es; wer ist da beutweltig von uns?" ' Der Rabbi erwiderte lächelnd: „Ob Euere Tochter das Verlangen nicht stellt, können wir beide noch nicht wissen. Ihr stellt es fedenfalls nicht, denn Ihr habt den Bochur gesehen uniret* hat Euch gefallen. Aber von uns hat keiner Euere Tochter gesehen."