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Der Israelit · 1904-10-04 · Heft 78-79 (4.10.1904) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 78-79 (4.10.1904)
Date
1904-10-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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sende jüdischer Soldaten kämpfen dort für ihr Stief- I Vaterland, das ihnen kaum die Luft zum Athmen I gönnt, sie physisch und moralisch verkommen und verkümmern läßt. Zn dem nun schon ein halbes Jahr mährenden schrecklichen Kriege haben die russischen Juden reichlich ihre Blutsteuer entrichtet. Nach glaubwürdigen mündlichen wie. schriftlichen Berichten spielten sich beim Abschiede jüdischer Krieger von ihren Familien herzzerreißende Szenen ab. Und nun oenle dir, lieber Leser, den Jammer, die Verzweiflung der Wittwen und Waisen, wenn die Verlustliste die Nachricht bringt: der Vater ist in dieser oder jener Schlacht „für's Vaterland" gefallen, ist todt! Wenn die öffentliche Meinung sich darüber klar ist. daß der russische Soldat überhaupt nicht mit der Begeisterung und Vaterlandsliebe in den Kamps ziehen kann, die man bei den Heeren wohlgeordneter Rechtsstaaten voraussehen darf, so trifft diese Annahme bezüglich der jüdischen Dienstpflichtigen umsomehr zu. Unterdrückung, Zurücksetzung, Gewalt und bitteres Unrecht kann doch nicht Liebe und Zuneigung erzeugen.' Jst's ein Wunder, daß so viele, besonders Reservemannschaften den russischen Boden verlassen, um einer etwaigen Einberufung zu entgehen? Während des ganzen Sommers sahen wir die Schaarcn dieser Emigranten nach den deutschen Häfen ziehen, um die Reise nach überseeischen Ländern anzutreten, Noth und Elend zurücklassend. Sie kamen uns nicht aus dem Sinn, da wir die Bitte zum. Himmel emporsandten: “nna 'zao nwoi am aim nai r6a v'r», o, Allvater, lasse schwinden Pest, Schwert, Hungersnoth, Gefangenschaft und Verderben von den Kindern Deines Bundes! Der Winter ist vor der Thüre, und allem Anscheine nach werden von Osten her Hilferufe erschallen, größere Ansprüche wird man stellen an unser mildes Herz, an unfern Wohlthatigkeitsünn. Wohlan denn, ihr vom Glück Begünstigten, gehet mit gutem Beispiel voran; "pn ci fr ncwi ntz, bleibet nicht stille stehen bei dem Blute des Nächsten, bleibet nicht taub gegen den Nothschrei der Unglücklichen, ihr, die ihr im Frieden ruhig und sicher lebet! Das ri'2-a-Fest lehrte euch den Schutz der wirthschaftlich Schwachen, lehrte euch den sozialen Ausgleich; setzet dies in die T h a t um! Du Reicher, sei nicht stolz aus dein festes Haus, es hat sich schon gar manches Mal nur als „Hütte" gezeigt, die der Sturm geschichtlicher Entwicklungsgänge umwarf. Du Armer, verzage nicht in deiner Hütte, wenn Sturm daran rüttelt und Frost sie durchzieht. Einer Hütte glich von je Israels Voltsdasein, doch sie trotzte allen Stürmen äußerer Gewalt. Gott schaut hinein. Gerade zur Winterzeit werden Einsichtsvolle Herz und Hand öffnen, einen Strahl warmer Bruderliebe senden in die düsteren Störten menschlichen Elends und Unglücks. Gerade der Winter soll mehr denn sonst uns menschlich fühlen lehren, erst im Glücke anderer empfinden wir das wahre Glück und dauernde Befriedigung. (Schluß in der ersten Vellage). ZettungsnaHrichten und Eorrespondenren. Deutschland. Berlin, Der geschäftsführende Vorstand des Rabbinerverbandes in Deutschland hat dem Justizminister den Wunsch vorgetragen, die Amtsgerichte möchten angewiesen werden, daß sie in gleicher Weise, wie sie den zuständigen evangelischen oder katholischen Geistlichen von Suhneterminen in Ehesachen Mitteilung machen, über die in Ehesachen jüdischer Parteien anberaumten Sühnetermine den zuständigen Rabbiner benachrichtigen. Der Justizminister empfiehlt in einer Verfügung den Amtsgerichten, diesem Wunsche nach Möglichkeit entgegenzukommen und da, wo die Zuständigkeit eines bestimmten Rabbinats nicht offen liegt, die betreffende Mittheilung dem Vorstände der nächsten Synagogengemeinde zugehen zu lassen, der für die Weitergabe seinerseits Sorge tragen werde. Berlin. Wir erhalten von befreundeter Seite die nachstehende Zuschrift: Für die schon ohnehin geplagten jüdischen Auswanderer aus dem Osten sind in letzter Zeit noch neue schwere Unzuträglichleiten an den deutschen Grenzen entstanden. Ein erbitterter Konkurrenzkampf, der gegenwärtig zwischen den deutschen Schifffahrtsgesellschaften und der englischen Cunardlinie wüthet einerseits und die in Folge dieses wirthschaftlichen Kampfes verschärften polizeilichen Vorschriften andererseits sind die Ursachen dieser Schwierigkeiten. Es ist vorgelommen, daß Einwanderer, die Schiffskarten für deutsche Linien nicht hatten, an der Grenze in Deutschland zurückgewiesen worden sind. Die Vorfälle mit jüdischen Auswanderern in Königsberg. Eydtkuhnen und Leipzig sind durch die Tagespreffe hinlänglich bekannt geworden. Der Hilfsverein der deutschen Juden hat sich die erheblichste Mühe, gegeben, um unter Ausrechterhaltung der nöihigen hygienischen Vorsichtsmaßregeln im Interesse des Staates diesen Auswanderern den Durchzug durch Deutschland zu ermöglichen. Die Verhandlungen schweben noch, aber sie haben bisher zu einem Resultat nicht geführt. Unter diesen Umständen müssen Auswanderer aus Rußland, Galizien, Rumänien, die Fahrkarten für die deutschen Dampfergesellschaften nicht besitzen, auf die großen Schwierigkeiten, die ihnen beim Eintritt in das deutsche Staatsgebiet bevorstehen. aufmerksam gemacht werden. Diese Aus;va«rderer werden an der Grenze zurückgewiesen, selbst wenn sie Ueberfahrtskarten nach Amerika für die Cunarü- Linie besitzen. und selbst dann, unter Umstanden, wenn sie über erhebliche Barmittel verfügen. Somit ist allen denen, die die Hamburg-Amerikanische Packetfahrt/ Altien-Gksettsckiaft, den Bremer Lloyd und die ihnen aüiirteu Linien nicht benutzen wollen, dringend zu rathen, so lange, bis eine befriedigende Lösung der Schwierigkeiten erzielt worden ist, den Weg durch Deutschland unter keinen Umstanden zu nehmen.

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