Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 78-79 (4.10.1904)
- Date
- 1904-10-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450056--61495-2524367- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
der hochernste Tag ist dahin! Mit Freude und Befriedigung kehren wir in unser Heim zurück; denn mit heiteren Akkorden soll der Tischri ausklmgen. Es naht Nisi». Fromme Vätersitte empfiehlt, gleich nach Ausgang, sich mit der Herrichtung der Sukko zu beschäftigen; dem Ernste folge die Freude. Im Gewände der Schönheit tritt uns das Hüttenfest entgegen und Freude ist der Grundton seines Wesens. Die buntgeschmückie Laubhütte, in der wir wohnen, der Feststraujj, den wir vor Gott schwingen, die stolze Dattelpalme, die wohlriegende Cedernfrucht. die duftende Myrthe. die bescheidene Bachweide, die Hallelhymne. die Festgebete, welche uns von prunkvollen Zeremonien im Gottestempel melden, vom Wasseropfer, von Illuminationen, bei denen die Volksfreude oft die freiesten Formen annahm. das Alles muss unser Gemüth ungemein anregen, kindlich froh stimmen, wie die Vorfahren zur tt&s- Zeit, da die Speicher gefüllt waren und die Kelter floß. Kann diese Freude noch gesteigert werden? Kaum! Und doch, der Kranz der Tischrifeste schließt mit nun mcp, der Freude am Gottesgesetze, dessen jährlicher Vorleseziklus nach rvvw ablauft. Bei der Schlußfcier ereicht die Freude ihren Höhepunkt. Die Liebe zum Gottesgesehe sucht nach lauter Aeußerung. Sie kommt bildlich, ja dramatisch, zum Ausdrucke. Der Thora, der holden Himmelstochter, erkiest man einen Bräutigam, den rnm snn; er darf das Schlußkaviiel lesen. Ein Anderer „verliebt sich" in den Anfang des Gottesbuchs, es ist der nwo jnn. Denn gibt es wohl ein Ende und Aufhören im göttlichen Wort? Und wer trauert eigentlich um Mose's Tod? Sein Geist, sein Gesetz, lebt ja ewig mit uns fori. Wir tragen es im Gotteshause freudig umher, mit der Thora im Arme verlassen uns die Herbstfeiertage. Schon hat das B'ew mm den Winter eingeleiter, trübe Gedanken könnten uns nahen mit den düsteren Herbsttagen, doch die!Vttn nnvV die Freude am göttlichen Gesetze, läßt sie nicht aufkommen, hilft sie verscheuchen. Ja. die Freude mit der Thora und an der Thora bleibt, wenn auch die Festzeiten mit ihren so verschiedenen Eindrücken für uns verrauscht sind. Nachdem der Tischrimonat in so mancher Beziehung seinen Einfluß geltend gemacht, in Bezug auf unser persönliches, familiäres und gemeindliches Leben, nicht minder auf unsere berufliche Thätigkeit. treten wir in das Winterhalbjahr ein. Wie eine weite Ebene kommt uns diese Zeit vor. wenig oder keine Abwechslungen bietend, kaum unterbrochen von einzelnen Hügeln. Höhezügen, kleinen Wäldchen u. dgl., die den landschaftlichen Reiz erhöhen könnten. Das Bild bleibt sich gleich durch die ganze Gegend. E i n halbes Jahr wird da hingehen, bis wir s. G. w. wieder einen «'' feiern können, bis das Pesachfest uns grüßt. Unwillkürlich schickt sich Jeder an, welchem Berufe er auch zugehören möge, seine Hauptwirksamkeit in das Wintersemester zu verlegen. Lehrer und Schüler, Kaufleute und Gewerbetreibende wissen, daß ungestört auf lange Zeit die gewohnte Thätigkeit ihren Lauf nehmen kann, und man bereitet sich darauf vor. Auch wir Juden fühlen dies instinkiv. ja umsomehr, als wir soeben die Herbstfestiage beschlossen. Es kommt der Winter, der uns mehr an die stille Häuslichkeit, in das traute Heim weist. Das Judenthum ist aber von jeher eine Religion des Hauses gewesen. Israel hat sich stets durch seinen familiären Sinn ausgezeichnet. Wir denken ferner an die langen Winterabende, an denen der uns Menschen innewohnende Geselligkeitstrieb zu seinem Rechte kommen will. Das Vereinsleben erwacht in Stadt und Land, theils ernstest, idealen Zwecken dienend, theils dem Vergnügen und der Unterhaltung gewidmet. Hier wie dort stellen unsere Brüder u. Schwestern ein nicht zu unterschätzendes Kontingent. Unsere Zejt hat dafür gesorgt, daß auch der Winter kein so ungastlicher Geselle ist. als den man ihn früher verschrie. Thatsächlich freuen sich Viele auf des Winters Freuden. Alt und Jung Haben schon ihre Pläne ziemlich fest geschmiedet für das kommende Halbjahr. Ob immer in rechter Art. das dürfte fraglich sein. Insbesondere sollen wir als Inden uns die Frage stellen: Was kann und könnte uns das Wintersemester bringen, was sollen wir ihm bringen? Noch gesättigt von den Eindrücken der Herbstfeiertage, erfüllt von den herrlichen Gedanken der verlebten b'E' b'bto treten wir ein in des Winters Pforte, die wir nach unabänderlichen Gesehen alle zu durchschreiten haben. Welche Regungen erfüllen da unser Inneres? Welche Gefühle und Vorsätze werden in uns wach? Suchen wir diese Fragen im Rückblick auf die verbrachten Tischrifeste zu beantworten. Das Sukkothfest. als Zeit der Ernte, als spei« an, da dem Menschen die Frucht seines Fleißes in den Schoß fällt, wo man den Segen des Feldes birgt in Scheune und Haus, das Laubbüttenfest ist uns zugleich ein Denkstein edler Menschlichkeit, eine Mahnung zur Herzensgüte und Milde. Wenn wir (5. B. M.. 16. V.. 14) '„dir Lese halten für die Tenne und die Kelter, dann soll sich mit uns auch Knecht und Magd, der Levite. der Fremdling. die Waise und Wittwe freuen." O. nicht jeder kann den kalten stürmischen Tagen' des Winters mit froher Zuversicht entgegensehen. In gar manchen Hütter wohnt Sorge und Kummer, bei gar vielen fehlt es am Nothwendigsten für die gestrenge Jahreszeit, an Brod. den Hunger zu stillen, an K'-idung und Holz zum Erwärmen. Rach Osten schweift unser Blick, wo die Kriegsfackel lodert und Tausende unserer Brüder und Schwestern in schwere Mitleidenschaft zieht. Tau-