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Der Israelit · 1904-09-22 · Heft 76-77 (22.9.1904) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 76-77 (22.9.1904)
Date
1904-09-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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1 45. Achrgang. rße Asik. zu 7KL 77 des „Dsmekit". Vor der Aatastrophe. (5s fehlt nicht an Büchern über Rußland, weder an solchen über das Land und Volk, noch an solchen über die Regierung. Noch weniger Mangel herrscht in der Literatur an Werken über die russischen Juden, sowohl von nicktjüd-ischen. als auch jüdischen Verfassern. Dieser Litteraturzweig ist so angewachsen, daß von einer Neuerscheinung auf diesem Gebiete im Allgemeinen wenig oder garnicht Notiz genommen wird oder überhaupt nur genommen werden kann. Singen sie doch alle das nämliche Lied mit dem Grundton, den Jeder kennt, mit dem Tone des Leides, des Schmerzes, ja der Verzweiflung über Zustände, die man nicht für möglich halten sollte, und die doch ungehindert, trotz aller und jeder Anklage, weiter existiren und — erisiiren werden. Wenn in dieser Menge ein Werk besonders auffällt. so setzt dies besondere Bedingungen voraus, die in seiner Eigenart, sowie in der Person des Verfassers ihre Begründung und ihren Ursprung haben. Ein solches Werk ist Hugo Ganz's „Vor der Katastrophe"*). Der Untertitel lautet: ..Ein Blick in's Zarenreich". Und es ist ein inhaltsreicher Blicks der tatsächlich die Katastrophe zu sehen scheint" und dessen Wahrnehmungen sein Verfasser in fesselnder und interessirender Weise vorzubringen versteht. Schon die Form des ganzen Werkes ist eine originelle: es besteht fast nur aus einzelnen Interviews mit den hervorragendsten Persönlichkeiten des Landes, deren Namen jedoch mit Ausnahme weniger, unter die z. B. Tolstoi gehört, nicht genannt werden durfte, ein trauriges Charakteristikum der leider allzu bekannten russischen Zustande, der Reaierung, die die freie Meinungsäußerung als das höchste Verbrechen betrachtet wissen will und unnachstchtlich Jeden verfolgt, der mit seiner Kritik nicht zuriickhält, über Verhältnisse, die geradezu eine Kritik herausfordern. Viel Neues zwar bringt uns das Werk nicht. Was wir aus ibm erfahren, ist in allgemeinen Umrissen jedem Zeitungsleser bekannt. Sein Verdienst besteht! jedoch gerade darin, unklare Ansichten zu läutern, in aroßen Konturen bereits 'lange Gekanntes zu spezialisiren. Der Verfasser ist Jude. Es ist darum nur ' natürlich, daß er bei Allem, was er vorbrinat, auf-die ' Judenfrage zu sprechen kommt und daß'gerade sie den ' Haupttheil in dem Buche einnimmt, wie" Ls ja bei j •) flfronffuct o. SL Sliitt«n & Soenin-g. einem Werke über Rußland auch von anderer Seite gar nicht anders zu erwarten ist. Deßwegen auch sehirn wir uns veranlaßt, auf den Inhalt näher einzugehen und ausführlicher darüber zu berichten. Vor seinem Erscheinen waren schon die meisten Aufsätze, die hier vereinigt sind, in den größten Zeitungen veröffentlicht und verschiedene Abschnitte über Judenthum und Antisemitismus in Rußland, die hierin zu finden waren, haben die gesammte jüdische Presse passirt. Der Name des Autors schon, der durch eine lange, journalistische Thätigkeit in weiten Kreisen ruf das Vorteilhafteste bekannt geworden ist, bürgt für wirklich gute Schilderungen und Beobachtungen. Und wer sich in das Werk vertieft, wird auch diesmal an den vorzüglichen Beurtheilungen des feinen Beobachters seine Freude haben. Eins müssen wir leider hiervon ausnehmen, es ist die Schilderung des russischen Ghettos, des „Pferches." Als Assimilationsjude fühlte sich Ganz abgesioßen von den Gestalten der polnischen Judengassen und nicht mit dem liebenden Auge des Glaubensgenossen, sondern mit dem scharf sondirenden des gewissenhaften Beobachters,, hat er sie betrachtet. Als solcher zwar gerade sucht er sie zu entschuldigen, aber der vielleicht an sich berechtigte Abscheu vot der äußerlichen Rinde hält ihn ab, bis auf den Kern vorzudringen. Er hätte dann sicher mehr in dem. Juden, — losgelöst von seiner Urngebung — gefunden, als er so in ihn'en batte sehen wollen. 11 — —- In einem Gespräch mit einem russischen Fürsten,' dessen Namen er aus Sicherheitsgründen verschweigen zu müssen glaubte, kam er auch auf die. Kischinewer Afsaire zu sprechen. Der Fürst war ebenso, wie noch andere Gewährsmänner, die der Autor ferner zu sprechen Gelegenheit hatte, der Ansicht, daß die Kra^ walle lediglich aus die Initiative Plehwes zurückzuführen seien und gibt hierfür auch Beweisgründe an,, die hier aufzuführen zu weit führen würde.; Plebwe selbst hält Ganz nicht eigentlich für einen. Antisemiten, sondern'nur für einen Schmeichler, der Antisemit sei, weil die Kaiserinwittwe- Großfürst Sergius n. A dem Antisemitismus huldigten. Auch den bekannten Sturz des Nnterrkchtsministcrs Sänger-. fuhrt in einem Gesvräch eine dem Minister nahestehende Persönlichkeit auf dessen Philofemitismns zurück, der Plehwe nicht in feinen Plan gepatzt.habe,'-?s 2 j, r? r; H *, Wie in Rußland künstlich Judenhaß fabrizirt wird, zeigt eine Episode, die der Verfasser erzählt. Der Herausgeber eines Blattes hatte ein revolutionäres Gedicht ausgenommen und das Matt wurde .verboten. Als 'der Herausgeber vorstellig ward, würde.tHm/he^ deutet, er möge veröffentlichen, *dgs, Gedicht seivon Juden in sein Blatt geschmuggelt worden, dann werde t ihm sofort die Erlaubniß wieder ertheiltf.\

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