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Der Israelit · 1904-09-22 · Heft 76-77 (22.9.1904) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 76-77 (22.9.1904)
Date
1904-09-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Josef dankte für dieses Wohlwollen und hatte schon die Bitte aus der Zunge, daß der Rabbi ihm ebenso zur Seite stehe, um seine Eltern wieder aufzu- - finden. Aber der Rath Rabbi Elimelechs. diese Sache ganz Gott anheim zu stellen, ließ ihn noch rechtzeitig den Wunsch unterdrücken. Er hatte ja die Verheißung: „Du wirst zu Deinen Eltern in Frieden kommen?" Mehr brauchte er für's erste nicht. Ein Jahr war fast verflossen, seitdem Josef im Hause des Rabbi Sisi war. Man sprach davon, -daß ein reicher Gutsbesitzer. Namens Lob Weislowitfch aus Jassy, für seine Tochter den Rabbi um Empfehlung seines besten Schülers angesprochen hatte. Der Rabbi kam dem Wunsche entgegen und empfahl ihm den ältesten Bachur der Jeschiba, der sich durch besonderen Scharfsinn auszeichnete. Rüben Gordon. Ein anderer, nicht minder gut beanlagter Besucher der Jeschiba. verlobte sich kurze Zeit darauf mit Frl. Zerle Tuchmann. Tochter von Jankel Tuchmann, Eigenthümer einer großen Brennerei in Tarnow. Als dann tvenige Tage später ein dritter Schüler mit Sander Honigmann, einem bekannten GLterhändler in Lemberg, sich durch Vermittelung Rabbi Sisis verschwägerte, hielt letzterer es kür seine Pflicht. Josef zu versichern, daß er an ihn nicht vergessen habe. Josef war jedoch weit entfernt davon, sich zurück gesetzt zu fühlen. Seiner, inneren Neigung nach hätte er vorgezogen. von einer Heirath so lange ganz abzusehen. als er seine Eltern nicht kannte, als er nicht ivenigstcns einen Schritt gethan. sie zu suchen. Nur der Wunsch seines Lehrers war für ihn maßgebend, sobald sich eine geeignete Parthie finde, sich zu verheiratben. Er versicherte daher seinen Lehrer, daß er noch gerne warten und das; den älteren Hörern selbstverständlich der Vorrang gehöre. „Es handelt sich nicht um einen Vorrang." entgegnete Rabbi Sisi. „Der Vorrang gebührt Dir auf Grund der Empfehlungen meines Bruders und auf Grund meiner eigenen Erfahrungen, welche diejenigen meines Bruders bestätigen. Deßhalb habe ick Dich für keine der jüngsten Verbindungen in Vorschlag gebracht. sie passen nicht für Dich. Es muß noch einmal Jemand kommen, der nicht einen jungen Mann für seine Tochter, sondern der Dich sucht und Dich zum Schwiegersohn haben möchte. Dazu mußt. Du noch etwas längere Zeit hier sein. Du brauchst nur bekannt um auch begehrt zu werden; kommt Zeit, kommt Ratb; auch Hochzeit — Heirath." fe XVIt ” Die dritte Sabbat-Mahlzeit wurde im Hause . Rabbi Sisis allwöchentlich besonders , festlich begangen. Es fehlte nie an durchreisenden Gelehrten und ange- . scheuen Kaufleuten. welche zu diesem Mahle mit \ großer Gastlichkeit zugezogen wurden, so daß oft ^dreißig, vierzig und mehr Gäste zugegen waren. Gewöhnlich eröffnete der Rabbi die Unterhaltung durch Erklärung eines Satzes ans dem heute verlesenen Abschnitt aus der Thora. Diese Erklärung wurde niemals diskutirt, sondern mit der dem illustren Wirth entsprechenden Ehrerbietung und Anerkennung ent-- gegen genommen. Dann ersuchte der Rabbi gewöhnlich einen der Anwesenden um einige Worte aus dem halachischen Gebiete. Die Wahl traf gewöhnlich einen der zur Tafel zugezogenen Haus-Bachurim. die für diesen Fall wohl vorbereitet waren. Das war aber auch nöthig. Denn jetzt waltete freie Diskussion und zwar in so ausgedehntem Maaße, daß der Sprecher, wenn er allen Einwürfen auch nur einigermaßen Rechnung tragen wollte. Mühe hatte, sein Thema zu Ende zu bringen. War er aber damit zu Ende gelangt, .so ging die Diskussion erst recht los und oft mußte der Wirth durch ein Machtwort schließend eintreten. Heute hatte der Rabbi Josef ersucht, einige Worte zu sprechen. Josef hatte in Gegenwart seines Lehrers niemals eigenes voraetragen; er hielt das mit der dem Lehrer schuldigen Achtung nicht vereinbar. Er theilte immer Auslegungen und Erklärungen mit, die er von Rabbi Elimelech aus dessen eigenem Munde gehört hatte. Er suchte für solche Fälle unter der Fülle des Trefflichen das Trefflichste aus. Aber die Art und Weise, wie er die Lichtfunken, die Gedankenblitze und Geistesstrahlen des Meisters zu einem' harmonischen Ganzen verband, bekundeten dem Kenner auch in dieser bloßen Gruppirung die Genialität des Schülers. Da Rabbi Sisi wußte, daß die Thora Josefs in Wirklichkeit die Thora seines gefeierten Bruders war, so hing er mit großer Aufmerksamkeit an den Lippen des Jünglings. daß ihm keines seiner Worte entging. Es war in der Omerzeit, einige Wochen nach der. in vorigem Kapitel mitgetheilten Unterredung zwischen Rabbi Sisi und Josef. Unter den zahlreichen Gästen befand sich ein greiser Talmudgelehrter. Reb Leiser Runkel aus Tarnopol. Dieser hatte selber vieles auf Lager, das er heute an den Mann bringen wollte. Ob er fürchtete durch Josefs Vortrag in dem seinigen verkürzt zu werden und überhaupt nicht mehr zum Worte zu kommen, oder was es auch sonst war. Reb Leiser hatte sich vorgenommen, an den Worten des jugendlichen Redners kein gutes Haar zu lassen. Er unterbrach ihn so oft und so laut in derart heftiger Weise, daß der Wirth bat. den Redner wenigstens zu Ende, reden zu lassen, nachher könne der Pilpul (Diskussion) schon beginnen. „Wer kann all die Narrischkeilen bis an'L Ende der Droscho im Kopf behalten?" bemerkte giftig Rek Leiser. , „Es wird; ffidjt so.-lange dauern," erwiedertt.be-. gutigend Josefa . 4 „Langer wie zwei Stunden kann's nicht dauern.", fuhr Reb Leiser' unentwegt fort; „das weiß ich. Zn

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