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Der Israelit · 1904-09-22 · Heft 76-77 (22.9.1904) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 76-77 (22.9.1904)
Date
1904-09-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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1595 Zeiten haben fick binnen Jahresfrist doch sehr wesentlich geändert! Herr v. Raaben ist fort, Üstrugow nach dem Kaukasus versetzt und soeben hat der Telegraph gemeldet, daß auch Herr v. Plehwe, der ganz große, ins Jenseits befördert wurde! Da gilt es für einen russischen Tschinownik, der -s zu etwas noch bringen mochte, vorsichtig sein. Die Versammlung in „Moskau" wird daher sofort gesprengt und dem Gouverneur über das Vorgefallcne Meldung erstattet. Letzterer beeilte sich die gesammte Polizeimacht aufzubieten und die Hauptstraßen der Stadt zu besetzen. Letztere Maßregel war nach unserer Ansicht absolut überflüssig. Es genügt in Kischinew, deutlich zu verstehen zu geben, daß ein Judenkrawall der Polizei nickt genehm sein würde, um alle Krawallgelüste im Keime zu ersticken. Was ein richtiger Antisemit ist. unternimmt niemals etwas, das den Behörden nicht genehm wäre. Dazu ist er einfach viel zu feig. Schließlich dürfte Ihre Leser noch die Tbatsache inielcssiren. daß der Todestag Plehwes auf denselben Tag kiel, an dem ein Jahr zuvor die vom Kischinewer Pöbel geschändeten Thorarollen beerdigt wurden. Das Zusammentreffen ist in Kischinew allgemein ausgefallen und von den Juden als Fingerzeig Gottes gedeutet. Sosnowice. (I u de n k ra w a l l e.) In Ergänzung unserer bisherigen Mittheilungen über die unerhörten Vorgänge in Sosnowice am 11. September entnehmen wir noch einem Spezialbericht der „Königsberger Hartring'schen Zeitung" aus Sosnowice folgende anschauliche Schilderungen: Einem uralten Brauch gemäß pflegen die Juden von Sosnowice an ihrem Neujahrstage an den Ufern der Przemsa, die hier vorüberfließt, zu beten. In jedem Jahre werden nun die harmlos ihre Gebete murmelnden Israeliten von halbwüchsigen Burschen gestört: Wahre Steinsalven rasseln auf die am Ufer Weilenden nieder. Um sich den Gefahren, durch Steinwurfe verletzt zu werden, nicht auszusetzen, sind es in den letzten Jahren der Juden immer weniger gewor den. die an diesem Tage auf gewohnter Stelle mit ihrem Gotte Zwiesprache hielten. So war es auch am Sonntag. Nur einige Fromme hatten sich eingefunden. Und wiederum hob das Steinkardätschen der römisch - katholischen Jugend von Sosnowice an. Es war um 3 Uhr Nachmittags. Unaufhörlich flogen, die gefährlichen Geschosse, die je nach der Armkraft des Schleu - derers Dimensionen von beträchtlicher Starke hatten, an die Przemsa hinab. Dennoch beteten die Juden weiter. Da wurde emer von ihnen, ein Mann, schwer von einem faustdicken Stein getroffen. Ergrimmt, warf er denselben Stein in den feindlich gesinnten Haufen an der Straße zurück. Unglücklichertveise traf er dabei das kleine Mädchen eines Werkmeisters aus einer Spinnerei. Das Kind trug im Gesicht eine blutende Wunde davon. Nun war die Entrüstung auf der anderen Seite natürlich groß. Ein wahrer Hage! von Steingeschossen sauste auf die JsraMen herab, die ihr Heil in schleuniger Flucht suchten. Als die Angreife:' sahen, daß ihre Opfer ihnen entkommen waren, wurden sie von namenloser Wuth gepackt: Bei der Verfolgung stieß plötzlich einer den Nus aus: „Schlagt die Juden tobt, sie haben ein Christenmädchen ermordet?" Dieser Schreckensruf zündete. Thatsächlich war, wie der behandelnde Arzt selbst erklärt hat, die Verletzung des Kindes nur unbedeutend. Doch der Alarmruf war einmal ausgestoßen und pflanzte sich mit Blitzesschnelle in der ganzen Stadt fort. Ein wildes Gejohle entstand. Die Arbeiterbevölkerung glaubte blindlings, ballte sich zu größeren Trupps zusammen (meist waren es halbwüchsige Burschen und betrunkene Frauenzimmer) und gerietst, von den Anführern systematisch aufgewiegelt, in eine Verserkerwutb. Zunächst stürzte sich die Meute auf die Wohnhäuser israelitischer Krämer. Dann drang die Menge in die Läden, mißhandelte, was ibr begegnete, gleichviel, ob.Mann, Weib oder Kind, raubte, was nicht niet- und nagelfest war, begoß die vorräthigen Maaren (Zucker. Mehl u. s. w.) mit Petroleum, verunreinigte das sonstige Material und zertrümmerte die Utensilien. Mit blankem Messer stach man ans die armen Juden ein. die sich vor der Wuth des Janhagels in die oberen Räume und auf die Böden verkrochen. Auch Revolverschüffe wurden auf die Juden abgegeben. Das Blut ffotz an manchen Stellen in Strömen. Nachdem die Exzedenten die Läden ausgeraubt hatten, zogen sie wieder auf die Straßen, wo inzwischen jüdische Passanten auf's schwerste gen-ißbandelt worden waren. Dann zog man von Gasse zu Gasse. Soweit sich die Inwohner nicht auf die Böden retten und sich hier verbarrikadiren konnten, wurden sie mit Messern, Knüppeln und Eisenstücken bearbeitet, die Frauen in hier nicht wiederzugebender Weise mißhandelt. Besonders schlimm wurde eine Frau Golenzer mitgenommen, eine junge Frau von 2*1 Jahren, Mutter mehrerer'Kinder. .Das arme Weib erhielt sieben Messerstiche in den Leib und brach ohnmächtig zusammen. Erst nachdem sich der Krawall gelegt, wurde sie nach dem Hospital der benachbarten Kleisstadt Beudzin transportirt, wo sie nach wenigen Stunden ihren qualvollen Leiden erlag. Ein Messerstich hatte ihr den ganzen Oberschenkel des rechten Beins ausgerissen. Auch ihr Mann und die »nschuldizen Kinder waren stark mißhandelt worden. In Att- Sosnmvice spielte man am ärgsten dem Kaufmann Liepner mit. Hier tvar hauptsächlich der gefährliche Bergmannsstock mit dem spitzen Hammer in Aktion getreten. Nachdem man in. den Vorstädten genug gehaust, zog sich der Volkshaufen, der nach vielen Hunderten zählte, nach dem Zcntruin der ca. 25,000 Eirttvohner zahlenden Stadt. .Ein Trupp stürzte unter dem Rufe:

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