Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 76-77 (22.9.1904)
- Date
- 1904-09-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1594 München, 15. Sept. Nachdem der Magistrat die Petition der hiesigen Antisemiten (Christlich-Sozialen) um Bekämpfung und Erschwerung der Einwanderung ausländischer Juden, namentlich aus Galizien und Russisch-Polen, nach München, kurzer Hand abgewiesen hat, hat der klerikal-antisemitische Gemeindebevollmächtigte Herrmann das gleiche Verlangen in einenbeim Gemeindekollegium eingebrachten Antrag gekleidet. Zugleich regt er an, mit den übrigen bayerischen Städteverwaltungen, wegen der gleichen Angelegenheit. in Verbindung zu treten. Die sozialdemokratische „Münchner Post" bemerkt dazu u. a.: „Im schönen Regensburg ist bei der Tagung des schwarzen Heeres am lautesten, wie stets, darüber geklagt worden, daß die Söhne des hl. Ignatius von Loyola zwar einzeln innerhalb der deutschen Grenzpfähle sich anshalten dürfen, aber Jesuitenniederlassungen nach wie vor untersagt sind. Wir verstehen ja den Kummer der Zentrumsleute vollkommen, denn obwohl sie wahrlich genug „Jesuiten" (in des Wortes vulgärer Bedeutung) in ihren Reihen zählen, sträuben sie sich mit Recht gegen ein Ausnahmegesetz. Sie wissen, daß sie in diesem Punkte auf unsere Unterstützung rechnen können, so gleichgültig uns auch die Jesuiten sind. Das Zentrum ist also gegen Ausnahmegesetze — oder vielleicht doch nicht? Sehen wir einmal zu. Nicht allzuweit von Regensburg lebt ein „hervorragender Zentrumspoiitiker", den seine Gesinnungsgenossen „verdientermaßen" in den Gemeinderath gewählt haben. . Dieser Herr, wir wollen seinen Namen verrathrn. es ist der Münchener Gemeinde-Glaser Herrmann, will zwar auch die Jesuiten im Lande haben, aber kür Ausnahmegesetze schwärmt er trotzdem. Natürlich sollen sich diese nicht gegen Söhne der Alleinseligmachenden richten, sondern gegen die aalizischen Juden. Herr Herrmann erwartet, daß die Staatsregierung Maßregel gegen die Einwanderung ergreifen »vird und daß auch die bayerischen Stadtverwaltungen Schritte thun, um diese Einwanderung einzuschränken. Der brave Herr Herrmann ist ein ganz prachtvoller Zentrumstyp: Freiheit für Alle. d. h. alle Katholiken, im Uebrigen aber macht rigorose Ausnahmegesetze soviel ihr wollt, wir werden stramm dabei sein. Die galizischen Juden, die Aermsten der Armen, die sollen aus Deutschland verbannt werden. es soll verhindert werden, daß sie sich eine menschenwürdige Existenz gründen, die jedenfalls nicht so armen Jesuiten müssen uns aber hochwillkommen sein. Das ist Zentrumslogik und Zentrumsfreiheit. Trotz der „Autorität" des Herrn Gemeindebevollmächtigten verstehen wir etwas Anderes unter Freiheit. Gar keine Ausnahmegesetze, weder für Jesuiten noch für galizische Juden." . Schwerin (Meklenburg), 14. Sept. Heute wurde hier Frau Rika I a f f 6. die Inhaberin des bekannten Bankhauses L. I. Jaffö, im Alter von 84 Jahren zu Grabe getragen. Sie war eine geborene de Lemos, eine Nachkomme des berühmten portugiesischen Arztes Benjamin de Lemos, des Vaters von Henriette Herz. Ihr früher verstorbener Gatte, Louis Jaffö, war der Enkel des ne' '2112 '21 bekannt unter dem Namen «nrd. Am Grabe rühmte Herr Landesrabbiner Dr. Feilchenfeld die Wohlthätigkeit und Frömmigkeit der Verstorbenen, die es verstanden hatte, ihr Haus und ihre Familie in streng frommer Weise zu erhalten. Namens der Familie sprach ihr Schwiegersohn, Herr Landesrabb. Dr. Mannheimer aus Oldenburg. Frankreich. Paris. (D o k t o r H e n r i d e R o t h f ch i l d.) Auf Antrag des Ministers de- Innern wurde Herr Doktor Henri de Rothschild zum Chevalier der Ehrenlegion ernannt. Das „Journal Officiel" motivirt diese Ernennung wie folgt: „Besondere Rechtstitel: Gründer der Armenapotheke Piepus, der Milchtrink halle für Arme, der Poliklinik und des Hospitals auf der Rue Marcadet, des Dispensatoriums von Bercksur-Mer. Verfasser zahlreicher Arbeiten über die Hygiene der Ernährung und die Pathologie des Säuglings." Rußland. Kischinew. (Vereitelter Judenkra- Wall.) Der Todestag des verflossenen Herrn von Plehwe ist den Juden Kischinews beinahe verhängnisvoll geworden. Die durch die Ermordung ihres Nährvaters erbitterten Berufsantisemiten, welche nicht anders glaubten, als daß Kischinewer Juden.die verhängnißvolle Bombe gegen Herrn v. Plehwe geschleudert haben konnten, versannnelten sich mit Revolvern und Knütteln bewaffnet, in ihrem Hauptquartier, dem Gasthause „Moskau", um von da aus einen Raid gegen die jüdischen Mörder zu unternehmen. An der Spitze der Bande stand der verruchte.Sinadino. der zur Belohnung für seine Unthaten vor und während des Kischinewer Krawalls zum zweiten Bürgermeister von Kischinew gewählt wurde. Ferner bemerkte man unter den Kommandeuren der Räuberbande den steinreichen jungen Semigradcw. Sinadino versprach der Bande für 1000 Rubel Schnaps, wenn ivenigstens drei Juden erschlagen werden sollten. . . In der zwölften Stunde bekam es aber der Wirth der „Moskau", in dessen Haus der vorjährige Krawall besprochen und bis in dir kleinsten Details organistrt wurde, mit der Angst zu ihun und er ibeilte die Sache nichtamtlich dem Pristaw des zweiten Reviers, dem berüchtigten Solowkin mit. Letzterer, der den letzten Krawall in amtlicher Eigenschaft mit aller Kraft befördert hatte, hielt es für opportun, eine strenge amtliche Miene aufzusehen. Die