Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 98 (12.12.1904)
- Date
- 1904-12-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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2116 dürfen, daß es religionsgesetzlich verboten ist, zur Erhaltung dieser Institutionen Steuer zu zahlen — alle Anstrengungen waren vergebens. Noch zwei Jahre später — inzwischen war auch schon ein Anderer Kultusminister — erläßt das Landespräsidium der Neologen folgende übermüthige Publikation: „Höchst erfreulich wird der energische Ton wirken." — die Abfertigung der schlimmen Orthodoxen — „in unzweideutiger Weise wird dargethan, daß es keine Rückkehr mehr gibt zu den desolaten Zuständen, welche sich als Consequenz des nunmehr vollständig außer Kraft gesetzten Reichstagsbeschlusses vom 18. März 1870 einstellten." Dieser Beschluß hat nämlich die einheitliche Organisation der ungarischen Judenheit b e h i n d e r.t. Der Jubel war doch etwas verfrüht, denn der Nachfolger des verstorbenen Kultusminister Trefort. der derzeitige Präsident des Magnatenhauses. Graf Albin Csakv. hatte eine ganz andere Vorstellung von den so schwer errungenen Rechten der vaterländischen Orthodoxie. Dieser edle Mann war nicht einverstanden mit der qewaltthätigen Verfügung seines Vorgängers und ließ sich auch nicht durch patriotisch klingende Phrasen der Neologen zur Unterdrückung der orthodoxen Autonomie Hinreißen. Als diese Wendung im Kultusministerium zu Gunsten der Orthodoxen bemerkbar wurde, machte die Landeskanzlei zur Erreichung ihres wahnwitzigen Unternehmens noch einen schüchternen Versuch. Sie erklärte in einem Memorandum, daß die Kongreßpartei „in welcher Gestalt immer eine einheitliche Organisation annehme, gaben aber nebenbei auch der Hoffnung Ausdruck. >aß die Gesetzgebung von Staatswegen die einheitliche Organisation verfügen wird." Und man kann es ohne jede Uebertreibung sagen: Seit 35 Jahren war dieses leidenschaftliche Begehren, die landesgesetzliche Dekretirung einer einheitlichen jüdischen Konfession das leitende Motiv aller neologen Aktionen. Der Angriff war damals mißlungen. Im Jahre 1800 haben die Orthodoxen die in Verlust gerathene Autonomie zurückerobert. Das autonome, konfessionelle Schiedsgericht wurde wieder für die inneren Angelegenheiten der orthodoxen Gemeinden als das einzige kompetente Forum deklarirt, und auch seitdem hat die ungarische Kultusregierung bei mehreren Anlässen die feierliche Erklärung abgegeben, daß sie nicht die Absicht habe, eine einheitliche konfessionelle Verfassung mit starrer Gewalt den Orthodoxen aufzudrangen. Tflnnj ittnrtru» ,«nn ’f» exn. Kultusminister Berzewiczy konfiscirt mro neuerdings die Institution des konfessionellen Schiedsgerichtes, ohne die gegentheilige Verfügung seines illustren Vorgängers auch nur zu erwähnen. Sollte er von der Landeskanzlei nur dupirt worden sein? Und unsere ortho- , dore Landesvertretung wußte nichts von diesem Atten- . täte? Oder man wußte es in der Kanzlei und hatte nichts dagegen einzuwenden? Oder es hat die provi- - sorische Kanzleileitung, an deren Spitze Herr Oberrabbiner Reich steht, gegen, diesen Gewaltakt entsprechenden Protest eingelegt und keinen Erfolg erzielt? Wie immer der Sachverhalt ist, es steht nun einmal fest, das gesetzestreue Judenthum in Ungarn geht sehr ernsten Zeiten entgegen. Mit der Entstehung einer jeden neuen Ministerialverordnung in jüdischen Angelegenheiten. die alleweil vom Landespräsidium der- Neologen ausgearbeitet wird, geht ein Stück orthodoxer' Autonomie zu Grunde. Es hat auch in jedem einzelnen- Falle außerordentliche Mühewaltung erfordert, bis die Kultusregierung von den rechtswidrigen Absichten unserer „liberalen" Glaubensbriider überzeugt wurde. Und die Sanirung jeder kritischen Lage hat tiefe Spuren zunl Schaden der Orthodoxie zurückgelassen. Wir wollen in weiteren Aufsätzen auf diesen Ge^ genstand zur besseren Beurtheilung der Situation noch zurückkommen. Vorläufig wollen wir blos der sehnsüchtigen Hoffnung Ausdruck geben, daß die leitenden Männer unverzüglich in Aktion treten werden, um den schnöden Angriff auf die heiligsten Rechte der Orthodoxie zurückzuweisen. Es ist garnicht anzunehmen. daß der Kultusminister von der schweren Tragweite seiner Verordnung informirt wurde. Nur eine Mystification konnte einen so liberalen Staatsmann dazu verleiten, an die Integrität dtt orihodoren Autonomie Hand anzulegen. Insbesondere ist es Pflicht der orthodoxen Gemeinde in Budapest bdnn. du navipn des an ihrer Spitze stehenden Oberrabbiners und der hervorragenden Männer, die ihm zur Seite stehen, die Annullirung der geschehenen Ungesetzlichkeit schleunigst zu erwirken. Die göttliche Vorsehung weiß Schlechtes zu Gutem zu führen. Diese Rechtsverletzung wird die Herzen aller Gesetzestreuen anfeuern. eine Flamme entzünden. wie in jenen ersten Chanukatagen. die jede heilige Rechte zertretende Willkür' unmöglich machen wird. *.ay '"i trs’ xS a, denn Gott verläßt nicht fein Volk. Er wird auch weiter helfen« H. Berliner Ncpräsenlantenwahl. Aus Norddeutschland. In Berlin, h.'r größten jüdischen Gemeinde Deutschlands, hat eine große Wahlschlacht stattgefunden, in der die „conservatioe" Partei, die unter dem Namen „Centralverein" für kurze Zeit bekannt war und gegenwärtig noch hier und da erwähnt wird, empfindlich auf's Hanpt geschlagen worden. Das strenggläubige Judenthüm Berlins wird indessen durch die Niederlage des „Centralvereins" in seinen Grundvesten kaum erschüttert werden, so wenig wie ein Sieg es gefördert hatte. Eine zerfahrenere Partei mit einem zerfahreneren Pro»