Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 74-75 (14.9.1904)
- Date
- 1904-09-14
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
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1589 Aber meine Leutchen geben das nicht zu. Wenn ich einmal wegginge, so bliebe ich wahrscheinlich fort; ich dürfe es ihnen schon nicht mehr übel nehmen, wenn sie nicht mehr das Vertrauen wie früher zu mir hätten. Was soll ich Euch lange erzählen; ich habe mich in einer schwachen Stunde überreden lassen, wirklich über die heiligen Tage da oben in der Einöde zu bleiben. Heute begreife ich es selber nicht mehr, wie so etwas möglich war. Es ist der einzige dunkle Punkt in meinen Reisen im Ausland, wo ich das Gesetz übertreten habe; aber ich habe es schwer gebüßt. Ich schrieb also nach Hause, man solle mir meinen Kittel (Sargenes) und Schaufor schicken, ich könne dieses Jc-hr, durch besondere Umstände, erst nach den Feiertagen reisen, aber es werde nicht wieder Vorkommen. denn ich wolle das Reisen ganz aufgeben. Lulof Esrog und Hadasim bezog ich aus dem nahen Italien; Bachweiden wachsen da oben auch nicht mehr, die mutzte ich mir in Puschlew. zwei Stunden bergabwärts nach der italienischen Seite zu. selber holen. Meine Sukko zimmerten mir der Sepp und der Franzel, mir einer Fertigkeit und Leichtigkeit, als ob das ihr Hauptgeschäft wäre. Soweit ging auch alles gut; ich verbrachte die heiligen Tage für mich in stiller Einsamkeit; sie gingen auch vorüber. Am Hoschona- Nabbo sollte die Hochzeit sein, dazu war mir der Tag doch zu heilig. Ich bewirkte es, daß sie bis Jffru Chag von Sukkos verschoben wurde, den anderen Tag wollte ich mit meinen Gefährten zurückreiscn. Diese hatten aber die Hochzeit so gründlich mitgefeiext, daß sie am folgenden Tage noch nicht marschfähig waren. Drei Tage, später marschirten wir ab. Da kein Jomtof wie sonst in nächster Sicht war. sollte die ganze Reise bis nach Hause zu Fuß zurückgelegk werden.' wenn das Wetter einigermaßen gut war. Es war Mitte Otkober; auf der Bernina-Route war der Postverkehr durch den Ofenpaß schon seit dem 1. Oktober eingestellt. Aber unten in den Thälern war prächtiges Herbstwetter. So marschirten wir ab. Der Schnee lag fast einen halben Meter tief oder richtiger hoch. Denn von seiner Tiefe fühlten wir nichts, er war hart gefroren und es ging rasch und glatt den Okenfluß hinunter in der Richtung nach Zermatz zu Es war grimmig kalt da oben, was wir in unseren Sommerkleidern ganz besonders spürten. Die Poststrasie läuft in einer Menge von Windungen, die sie in der Schweiz Kehren nennen, den Berg hinab; wir mußten sehr darauf achten, daß wir die Stra^ nicht verloren, denn es sah alles wie ein einziges großes Schneefeld aus, auf dem wir leichten Sinnes dahintrollten. Als wir — es war gegen zehn Uhr Morgens — oben wieder um eine dieser Kehren herumgegangen waren, blieben wir alle drei plötzlich in sprachlosem Schreck wie festgewurzelt stehen: Nicht mehr als zehn Schritte vor uns lag in der ganzen Breite der Poststraße mitten im Schnee ein mächtiger brauner Bär! Ich hatte schon wiederholt gehört, daß im strengen Winter gerade in dieser Gegend vereinzelte Baren Vorkommen. Aber ich hatte das für Uebertreibung von Jägern gehalten, — jetzt hatte der Winter ab» noch kaum begonnen und mitten auf der Landstraße! — Dabei wagen sich diese Thiere nur soweit vor, wenn - sie vom Hunger getrieben werden; also Appetit durfte» wir schon bei unserem unheimlichen Gegenüber voraussetzen. Mehr als eine qualvolle Minute lang würdigte uns das Ungeheuer keines. Blickes, obwohl es uns gehört haben mußte, wenn nicht gar gesehen. Der Franzl stand da und zitterte an allen Gliedern. Da wandte der Bär den Kopf nach uns und nahm uns auf's Korn, ohne sich aber vom Boden zu erheben. Der Chammer von Sepp greift nach seinem Regenschirm unl> spannte ihn mit einem Ruck auf; es war die einzige Waffe, die er bei sich hatte. Der Bär mochte wohl noch wenig Regenschirme gesehen haben, - er erhob sich, blieb aber immer noch auf derselben Stelle, wandte sich jedoch nuy gegen "uns, und fing an, uns genau zu fixiren. In diesem Augenblick kam mir ein wunderbarer Gedanke. Während ich Widdui und Schemas zu sagen anfange, greife ich mit meinen steif gefrorenen Fingern nach meiner Fiedel, stelle mich in Position und fange an Kol-Nidre zu spielen!. Der Bär hört eine Zeit aufmerksam zu, ohne die Augen von uns zu wenden.' Als ich ungefähr an Dindarno halte, macht die Bestie einen mächtigen Satz, aber nicht auf uns, sondern nach der Seite und rast in raschen Sprüngen in eine Schlucht hinab, die etwa hundert Meter nach links sich ausdehnte. Wir waren gerettet. Aber wir wußten es damals roch nicht. Allein in der endlosen Schneewüste, etwa zwei starke Stunden von dem nächsten Orte Zernatz entfernt, glaubten wir das Ungeheuer hole sich Verstärkungen. Wir rasten nun so rasch die Hohe hinab, daß wir Zernatz nach einer Stunde schon erreichten. Dort kehrten wir im Hotel „Zur Post-, ein, waren aber alle drei an Körper und Geist so gebrochen, daß wir vier Wochen dort zu Bett liegen mußten! Es war schon in den ersten Tagen des Kislew, als ich wieder hierher zurikckkam. Zwei Dinge standen bei mir fest. Daß ich noch einmal an die Stelle mußte, wo mir dies Wunder geschehen, um dort Gomel zü benschen und zweitens, daß ich meine Reisen ins Ausland aufgebe, sobald ich noch ein einziges Mal an jener Stelle gewesen war. Ich erzählte zu Hause deshalb kein Wort von dem schrecklichen Begegniß. denn sonst hatten sie mich auch das eine Mal nicht mehr fortgelaffen. Dagegen erklärte ich meinen Leuten, ich würde mir vom Rabbiner eine Tschuwö auferlegen lassen, weil ich wegen bloßen