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Der Israelit · 1904-09-14 · Heft 74-75 (14.9.1904) · page 32

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 74-75 (14.9.1904)
Date
1904-09-14
Page
– (sequence 32)
Language
German
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1590 Geldes die heiligen Tage außerhalb jeder Gemeinschaft mit Glaubensgenossen verbracht habe und daß ich nur das nächste Jahr noch einmal in vie Schweiz gehe und dann für immer zu Hause bleibe. Ich habe mein Wort gehalten. — Seitdem tann ich den Kol-Nidre nicht mehr hören, ohne jenes Vorganges zu gedenken, wo ich dem Tode näher stand als dem Leben, und der Kol Nidre mein Lebensretter wurde. Dieses mal ging er mir aber besonders nahe, weil ich den Gedanken nicht los werden konnte, ick würde ihn nicht wieder hören! Jetzt wißt Jhr's." Mit athemloser Spannung hatten alle dem Greis gelauscht ohne ihn mit einem einzigen Worte zu unterbrechen. Jetzt da er geendet, fragte der Sohn: „Wie kamst Du aber damals auf den Einfall, gerade den Kol-Nidre zu spielen?" „Das kann man an Jom Kippur nicht gut erklären." entgegnete der Vater, „ohne sich selbst an diesem heiligen Tage der Sünde der Vösrede schuldig zu machen. Ich sage Dir deshalb nur andeutungsweise folgendes: Du weißt, was uns Lob Pick gegeben hat. Du weißt, wie uns Wolf Kalischer in einen Prozeß zu verwickeln versucht hat. der ohne Gottes Beistand uns ruinirt hätte. Du weißt, wie hart Hirsch Danzig mit uns verfahren ist. als wir vor mehreren Jahren unseren Verpflichtungen nicht Nachkommen konnten. So unmenschlich hart diese Menschen das ganze Jahr auch sind, der Kol-Nidre macht sie weich. Heute Abend hast Du sie in Tbränen aufgelöst sehen können. Deshalb dachte ich mir. wenn der Kol-Nidre dieses Wunder bei Menschen vollbringt, so werde es auch bei einem Bär gehen, der doch nur ein Thier ist und kein Mensch von dem Schlage, wie ich's am Jom Kippur eben nicht schildern will!" ..Und leben der Sepp und der Franzel noch?" fragte der jüngste Enkelsohn. „Das sind keine Geschichten für Jom Kippur, die erzähle ich Euch vielleicht einmal Simchas Tauro, heute wollte ich Euch nur zeigen, was der Kol-Nidre vermag." Zum IZom-Uippur. Vergebung! Welch' ein trostreich Wort! Der heut'ge Tag. er hallt es fort Durch aller frommen Juden Herzen, Er mahnt zur Reu', befreit von Schmerzen. Hrut' sollen wir vor Gott hintreten Und in andächtigen Gebeten Zu sühnen suchen unsere Schulden. Für die wir hier auf Erden dulden. Bußfertig sollen wir erscheinen Und mit der Andacht auch vereinen Der inneren Ueberzeugung Gluth: - Du hast gefehlt, mach's wieder gut. Und Gott, der ja sehr milde richtet. Der gern die trüben Seelen lichtet, - Vergibt gar schnell, wenn er es sieht. Daß man in Reue vor ihm kniet. So nehme denn nun dieser Tag Mit sich hinweg all' uns're Plag', Und naht der letzte Schofarton. Dann ziehet all' versöhnt davon! Cassel. Max Grünbaum. Aol-Nidrei-Stimmung. ' (3« »nftttt Aitnpftrilaa«.) Du armes und doch so reiches jüdisches Volk: Jahrtausende hindurch quält man Dich. Jahrtausende hindurch peinigt man Dich und Du? Du singst, jubelst und jauchzest trotz dlledem, Du bist dankbar für den kleinsten Lichtblick und stimmest Deinem Gotte Lobeslieder an. dafür, daß er Dich bis heute erhalten, ein schwaches Lämmchen unter siebzig Wölfen. Der kleine Knabe, der uns heute auf unserer Beilage, von Meisterhand ausgenommen, entgegentritt, bietet in seiner Art ein kleines Bild von Israels Geschick. Auch ihm geht es nicht gut. Man braucht nur das Wort Galizien zu nennen und der ganze jüdische Jammer steigt herauf. Des Knaben Eltern, arme Hausirer aus Galizien, höben ihn irgendwo in einem kleinen Orte der Rbeinpfalz abgeladen, er ist bei einem jüdischen Schuster in der Lehre, der sich nicht wenig auf seine „Toleranz" und seine Borurtheilslosigkeit zu Gute thut, daß er diesen „Pollak" ausgenommen. Der Schuster ist kein schlechter und auch kein böser Mensch, aber es gebt ihm „nebbich" gar nicht gut, denn im Orte Dingsdingsheim laufen die meisten Leute barfuß. Unser junger Galizianer muß deßbalb schwer schwer arbeiten und er hat nichts „ki im halechem ascher hu auchel". Keine freie Minute für sich, und er spielt doch so gerne auf seiner Violine, dem einzigen Schatz, den er besitzt. Aber jetzt hat man ihm eine Stunde frei gegeben. In einer Stunde beginnt in der Synagoge der Vorabend des heiligsten Tages im Jahre und da soll auch er ein wenig den Alltaosstaub abschütteln und seinen Schabbesrock anziehen. Er aber geht in sein Dachstübchen und greift vor allen Dingen nach seiner geliebten Geige. Die Klänge der Heimath werden mächtig rege in seinem Innern. Begeistert und wehmiithig. süß und herb, jauchzend und klagend strömt es von den Saiten: Kol Nidrei! Verantwortliche Neüaetton: Oscar Lehmann ln Mainz..— Expedition de» „JSraelit". Schottstrabe Nr. 2. Druck und Verlas der I o h. Wir tuchen Hosbuchdruckerrt Aktiengesellschaft in Mainz.

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