Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 74-75 (14.9.1904)
- Date
- 1904-09-14
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450054--61449-2524265- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1588 auf welcher die Postkurse täglich zwei Mal hin und her verkehren -und jedes Mal eine halbe Stunde hier rasten. Es kamen auf einmal oft 30—40 Postkutschen ohne die Privatfuhrwerke, die alle hier Halt machen. Während des Aufenthalts geht es sehr lebhaft hier zu. In dieser Zeit ist es unsere Aufgabe die Passanten durch unsere Musik zu erfreuen. Ob diese den Zweck hatte, die Reisenden mit den Vorgesetzten Speisen oder mit ihren hohen- Preisen leichter zu befreunden, oder ob es nur der rein menschliche Beweggrund war. den Reisenden einen musikalischen Genuß und uns ein schönes Trinkgeld zu sichern, das weiß ich nicht und gehört auch nicht hierher. Der größte Theil des Tages gehörte uns. Ich um meinen Kollegen in der Handhabung der Geige überlegen und suchte sie in unseren freien Stunden darin zu vervollkommnen. Aber es gelang mir schlecht. Sie waren gute, brave, aber leichtsinnige Menschen, die nickt den erforderlichen Ernst auf das Musiciren verlegten. Sie triebcns nur als Handwerk und brgchtens deßhalb nickt weit. Dagegen waren meine Genossen mir sehr überlegen im Verkehr mit den Menschen. als angenehme Gesellschafter, gute Erzähler, so daß ich viel Gelegenheit und Anlaß.hatte von ihnen zu profitiren. Durch den fortwährenden Verkehr mit den ankommenden und abreisenden Fremden war ich hierfür in einer guten Schule. Zum dauernden Aufenthalt blieben nur Wenige längere Zeit im Hospiz. Es war zu einsam und abgeschieden gelegen. lieber den Fenster des zweiten Stockes stand mit großen Buchstaben: Schneehöhe im März 1878. Davon spürte ment zwar im August n niq, aber die ganz in der Nähe gerade um die heiße Jahreszeit besonders häufigen Lawinenstürze konnten einem schon daran erinnern. Wenn der Elul kam. kam auch alljährlich mein Heimweh. Mitte Elul. einmal sogar erst mit Beginn der Srlichothtage reiste ich zurück: Dann allerdings ^^mcht zu Fuß. sondern ich mußte manchmal sogar den ' Schnellzug benützen um rechtzeitig zu Hause zu sein. Damals als ich erst in der Selichothwoche zurückfuhr, kam ich erst Eref Rosch Haschono hierher. So ging eS viele Jahre fort. Meine beiden Kollegen blieben gewöhnlich noch einige Wochen länger da, aber im Winter gingen auch sie nach Hause, oder richtiger im Herbst. Denn wenn wir in den Thälern Herbst haben, hat in den hohen Alpen schon der Winter seinen Einzug gehalten. Anfang Juni trafen wir uns gewöhnlich in Innsbruck, Landeck oder auch erst auf dem Hospiz selbst. Wir fanden unsere Rechnung sehr gut auf diese Weise. Das Drittel, war. wie der Franzl richtig prophezeit hatte, größer für jeden ausgefallen, als die frühere Hälfte; ich dankte Gott für diesen Weg, den mir seine Gnade gezeigt hatte, um meine Familie bekowed zu erhalten. Als ich vielleicht zum zehnten Male die Reise genracht hatte und wohlbehalten auf dem Bernina-Hospiz herzlich bewillkommt von der Familie des Wirths und den beiden schon anwesenden Freunden, eintraf, wurde gerade die Verlobung der Wirthstochter gefeiert. Wir Musikanten mußten da unser Theil zur Erheiterung des Festes durch unser Spiel beitragen. Als alles in bester Stimmung war nahm uns der Wirth das Versprechen ab. auch bei der Hochzeit mit unseren Fiedeln ihm die Ehre zu geben, was wir alle drei zusagten. Da wir aber Ende der Saison gewöhnlich abreisten, so setzten wir voraus, daß die Hochzeit noch während des Sommers gefeiert werde. Das lag auch in der Absicht des Wirthes. Aber der Fremdenverkehr war diesmal so ungewöhnlich stark, daß das Abhalten der Hochzeit schlechterdings unmöglich war. Vor Ende September war nicht daran zu denken und Mitte September war schon Rosch- Haschono! Unter diesen Umständen erklärte ich meinen Kollegen und der Familie unseres Wirths. daß ich nicht bleiben könne; ich müsse zurück. Da kam ich gber bös -an; sie hätten mich immer für einen redlichen Mann gehalten und jetzt breche ich mein Wort. In diesem Falle brauche ich überhaupt nicht mehr wiederzukommen. unsere Freundschaft, der ich nicht einmal das Opfer bringen könne, sei zu Ende. Meine zwei Freunde, der Franzl und der Sepp. — wir kannten uns nur mit unseren Vornamen — die ich um ihre Vermittlung ersuchte, waren noch wüthender auf mich als der Wirth selber. Vergeblich suchte ich ihnen begreiflich zu machen, daß ich Rosch-Haschono. Jom Kippur und am Ende noch Sukkos nicht allein ohne Minjan auf dem weltentlegenen Hospiz bleiben könne. Es fehle mir Schaufor. Sukkos. Lulof und noch viel mehr, das sei unmöglich. Sie versprachen mir alles zu beschaffen, aber ich wollte darauf nicht eingehen. Endlich als ich sah. daß die Leute ernstlich bös waren, machte ich den Vermittelungsvorschlag. ich wolle mich umsehenob es nickt in der Schweiz eine jüdische Gemeinde gebe, so wollte ich die Feiertage dort verbringen. In Engadin, das wußte ich. gab es nicht einmal vereinzelt wohnende jüdische Familien, geschweige denn eine Gemeinde und der andere. Theil der Schweiz war mir gänzlich fremd. Ich wollte einmal Erkundigungen einziehen.. In St. Moritz, das nur einige Stunden vom Hospiz entfernt liegt, hatte Baron Wilhelm von Rothschild — olof Hascholaum — eine Villa, die er alljährlich besuchte. Ich hatte die Ehre, ihn einige Mal zu sehen. Er hatte dort seinen eigenen Schochet mit dem ich gut bekannt war.. Durch seine Vermittlung konnte ich wenigstens Schabbos oster etwas Fleisch haben. Ihn wollte ich aufsuchen, um mich mit ihm zu berathen.