Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 74-75 (14.9.1904)
- Date
- 1904-09-14
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450054--61448-2524264- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„Ihr fragt viel auf einmal und ich bin heute Abend müde von dem langen Fußmarsch. Ich will Euch deshalb beute nur die erste Frage beantworten, daß ich eine Stelle suche, um als Musikant mein Brod zu verdienen, und daß meine Reise dahin geht, wo ich 'Aussicht habe eine Anstellung zu finden." .Vielleicht wüßte ich eine, aber setzt Euch nur noch ein wenig; es lohnt sich schon dcßhalb noch ein Stündchen darüber zu sprechen." .Setzen will ich mich schon, aber in mein Bett; die Stelle wird heute doch nicht mehr vergeben werden, m. d morgen ist auch noch ein Tag; also auf morgen früh. Gute Nacht." ' Ich brannte ror Verlangen als Dritter in den Bund ausgenommen zu werden, aber ich glaubte das leichter und sicherer zu erreick)en, wenn ich den Anschein erwecke, als sei mir nicht besonders daran gelegen und daß es mir jedenfalls nicht allzusehr damit pressire. Die beiden hatten sich nun während der Nacht auch wirklich geeinigt, mich aufzunehmen und als ich am anderen Morgen noch kaum Tallis und Teiillin zusammen gelegt, waren sic schon zur Stelle mir ihren Plan vorzulegen. Sie erzählten mir, daß es weit, weit von Prag entfernt, ein Land gäbe, welches die Schweiz heißt. In. dieses Land seien sie vor zwei Jahren aus einer Wanderung durch Tirol gekommen. Das Land Tirol grenze nämlich an die Schweiz, d. h. wo Tirol aufhöre, fange die Schweiz an. Es gäbe da hohe Berge, n, it ewigem Eis und Schnee, die im Sommer von Hunderltausenden von Fremden besucht werden. In einem solchen Orte habe sie der Wirth für die Dauer der Sommerzeit angestellt, sie erhalten Kost und Logis frei und bekämen von den Fremden so viel, daß sie jeden Sommer mit einigen hundert Franken zrnückreiscn und sie ihren Familien bringen könnten. Bis jetzt wären sie nur. ihrer zwei gewesen, aber mein Spiel habe ihnen so gut gefallen, daß sie mich aufnehmen und den Wirth veranlassen wollten, es ebenso zu machen. Die einige hundert Franken, dieman Ende jeden Sommers seiner Familie bringen kann, hattens mir angethan und es stand bei mir fest; die Stelle anzunehmen, zumal ich ja nichts besseres hatte. Ich sagte meinen beiden Genossen, daß ich ihr Anerbieten dankbar annehme, aber ich müsse sie noch auf etwas aufmerksam machen. Mir sei jeder Mensch als Bundesgenosse recht, und wenn er brav, offen und ehrlich ist. so frage ich nicht nach seinem Volk und nicht nach seiner Religion. Aber viele Leute denken nicht so, deßhalb theile ich Ihnen mit, daß ich^Jude bin. Meine Genossen wechselten einen Blick und sagten mir dann, daß ich ihnen damit nicht viel neues sage; sie hätten sich das schon so halb und halb gedacht, als ichgestern ihren Wein ausgeschlagen habe. Aber das störe sie nicht. Ich entgegnete ihnen, daß ich mich sehr über diese Gleichheit unserer Gesinnung freue, aber ich mache sie darauf aufmerksam, daß es sich hier um etwas mehr als bloße Duldung handelt. Erstens könne ich vieles nicht mit ihnen zusammen essen und trinken, zweitens spiele ick'nicht an Samstagen und jüdischen Feiertagen, auch nicht am Fasttag der Zerstörung Jerusalems, der' dieses Jahr sogar auf einen Sonntag falle und ließ dann noch einige andere Bedenken folgen. Aber je mehr Anstände und Bedenklichkeiten ich geltend machte, desto mehr brannten die beiden vor Verlangen, daß ich mich ihnen anschließe. Sie versprachen auf alles einzugehen, erinnerten, daß. falls wir uns gegenseitig geniren sollten, es uns ja jederzeit frei stehe uns wieder zu trennen und so marschirten wir noch selbigen Tages ab. Ich muß hier sofort bemerken, daß uns das Bündniß alle drei nicht einen Augenblick leid that, daß wir jeden Tag besser Freunde wurden und es alle Zeit geblieben sind, obwohl ich seit Jahr und Tag nichts mehr von den beiden gehört habe. Wir reisten über Linz, Salzburg, Innsbruck und näherten uns von da der Schweizer Grenze, die wir bei einem schönen, wohlhabenden Dorfe Namens N a u d e r s überschritten. Ich kenne die Orte und die ganze Gegend so gut und noch besser als die hiesige, denn ich habe die Reise seitdem gar oft wiederholt. Aber zum ersten Male nahmen wir uns Zeit. Wir brauchen erst anfangs Juni an Ort und Stelle zu sein, wir konnten also fast einen Monat auf die Reise verwenden, die wir zu Fuß zurücklegten und. dadurch unterwegs so viel verdienten, daß wir mit einigen Gulden in der Tasche an unserem Bestimmungsort ankamen. Dieser Ort war keine Stadt, kein Dorf, kein Weiler, sondern ein einsam gelegenes, hohes, dreistöckiges Haus; Mir marschirten von Nauders durch ein prächtiges Land, das Engadin genannt, nach Zernatz. Ponte, Sawaden, und von da ging's den Bernina-Paß hinan, auf dessen Höhe das Bernina- Hospiz liegt; das Ziel unserer Reise, das wir von Samaden aus in vier Stunden erreichten. Wir wurden sehr herzlich von dem Wirth empfangen, der sich auch bald mit dem dritten im Bunde einverstanden erklärte. Meine Genossen übernahmen es, den Wirth auf meine jüdische Absonderlichkeiten aufmerksam zu machen und dafür zu sorgen, daß sie respektiri würden, so daß alles glatt und gut ging. Mit dem Verdien st haperte es in den ersten Tagen, da die eigentliche Saison in diesem Hochgebirge frühstens Mitte Juni recht in Zug kommt, dazu fehlten uns noch einige Tage. Ich hatte dadurch Zeit in Ruhe ineine Lage zu überdecken und mich danach einzurichten. Das Bernina-Hospiz liegt an einer schönen Poststraße, ich weiß nicht mehr wie viel tausend Fuß hoch.