Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 74-75 (14.9.1904)
- Date
- 1904-09-14
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450054--61447-2524263- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1586 wcrksburseben und dergleichen und wollte dort übernachten. Unter den vielen Gasten traf ich zwei junge Menschen, etwa iw gleichen Alter mit mir, die auch ihre Fiedel bei ficf» hatten, und mich, als ich eintrat, sofort als Kollegen erkannten und begrüßten. Sie redeten mich böhmisch an, und obwohl ich. wie Ihr wißt, recht gut Böhmisch verstehe, sagte ich, die Sprache wäre mir fremd., ich könnte nur deutsch. Dadurch hatte ich den großen Bortheii, daß sie alle ihre Geheimnisse und was sie etwa gegen mich im Schilde führten, böhmisch verhandelten, was mir sofort von Nutzen war. Der Eine Hot mir sein Glas Wein an. Ich habe nie in meinem Leben verbotenen Wein getrunken, habe nie in meinem Leben Verbotenes gegessen, bis auf den heutigen Tag nicht; und am Jom Kippur darf ich's wohl sagen, wenn mir Jemand das Vermögen sämmtlicher Nothschild's für dieses Bewußtsein ofseriren wollte, ich möchte den Handel nicht machen. Ich schob das Glas dankend zurück mit dem Bemerken, daß ich keinen Wein trinke. Nun wollten sie mich hänseln, einer der nicht trinkt, könne auch.nicht spielen und dergleichen mehr. „Das käme noch darauf an." sagte ich. „Spielt Ihr einmal eins und dann will ich eins spielen oder gar dasselbe, und wollen dann schon sehen, ob man aus'Enerm Spiel den Wein und aus meinem das Bier hört." Sie spielten darauf herzlich schlecht einen bekannten Hopsawalzer und fragten mich dann, wie mir der gefallen habe. Ich sagte ihnen einige anerkennende, verbindliche Worte und aus ihre Aufforderung, nun auch eins zum besten zu geben, spielte ich den Hamelech von den Jomim hanauroim, wie ich ihn von meinem Vater — Sichrauno librocho — gelernt habe. Ich habe darin keine Versündigung gegen den König aller Könige, erblickt, wenn ich die Seiner Ehre gewidmeten Weisen vor diesem Kreise vortrug. Ich glaubte im Gcgeütbeil in der Wirkung dieser Melodien gerade bei Menschen, die auf keiner hohen Stufe der Bildung und Gesittung stehen, eine Verherrlichung Gottes finden zu dürfen. Zudem hatte ich, als ich spielte, Wirthshaus, Musikanten. Handwerksburschen und mein: ganze Umgebung vergessen, ich spielte vor dem Mclech jauschef al kissc rom tvenisso und legte allen Schmelz, alle Innigkeit, alle Kowono (Andacht) in die herrlichen, dem Text sich.so wunderbar anschmiegenden Weisen hinein, wie ich es von meinem unvergeßlichen Vater gesehen und gehört hatte. Kaum hatte ich begonnen als die bunt zusammengewürfelte Gesellschaft plötzlich verstummte und athemlos, andächtig meinem Spiele lauschte. Als ich bis zum Tishallol gelangt war und den Vogen sinken ließ, klang ein mächtiger Beifallssturm durch die große Wirthsstube. was mir in diesem Augenblick nicht besonders lieb war. denn ich hatte kein Interesse daran, meine beiden Kollegen in den Schatten zu stellen und so ihren Neid rege zu machen. Aber sie hänselten mich nicht mehr, und sprachen mir sogar ihre Anerkennung rückhaktkos aus. Sie ließen mich ruhig mein Bier trinken, während sie ihren Wein nicht mehr so ruhig tranken als zuvor. Denn ich war der Gegenstand ihrer Unterhaltung, die sie auf böhmisch führten. Soviel ich daraus entnahm — sie sprachen halblaut, wodurch mir manches Wort entfiel — hatten sie einen Vertrag in der Tasche, durch den sie für den Sommer irgendwo unter günstigen Bedingungen als Musiker engagirt waren. Der eine machte nun seinem Partner den Vorschlag, mich als Dritten in den Bund aufzunebmen; der aber war dagegen. Sie hätten, meinte er, kein Recht, einen Dritten aufzunehmen und ihrem Herrn zuzumuthen, daß er nun statt zwei, drei den Sommer über zahlen solle. Der Wirth und alle Gäste seien bis jetzt mit ihrem Spiel zusrndcn gewesen, es sei thörickt, sich selber einen so gefährlichen Nebenbuhler auf den Hals zu laden und statt des halben Gewinns, nur ein Drittel von nun-ab zu haben. Der andere suchte alle Bedenken mit Geschick und Wärme zu widerlegen. Wenn sie einen Künstler wie mich gewinnen könnten, so fiele das Dritte! größer aus als die bisherige Hälfte. Ihr Wirth wollte ja ohnedies noch einen Dritten anstellen und da wäre keiner geeigneter, als der Biertrinker, der verzehrt wenig und scheint auch sonst solide zu sein. Ich scheine ein harniloser, gutmüthiger Mensch zu sein, der sie nicht in den Schatten stellen werde, besonders, wenn sie ihm zu einem gut?n Engagement verhelfen, sie könnten dann noch viel bei ihm lernen, und wenn sie ihn dann nicht mehr nöthig hätten, so könnten sie ihm ja jederzeit den Laufpaß geben. Der andere wollte nicht daran; es käme ihm. meinte er, sogar vor. als ob ich ein Jud sei. und daß ich deßhalb nichts esse und trinke; und mit einem Jud wolle er sich nicht einlassen. Darauf folgte nun ein lautes Gelächter meines Anwalts. ivenn der Geiger ein Jud wäre, so wäre er nicht hier in der Gesellen- Herberge, in Prag gibt's jüdische Wirthschasten genug. Ich wußte nun für's erste genug, und wollte mich zu Bette legen, da ich einen weiten Marsch heute zurückgelegt hatte. Als ich mich erhob um mich zu verabschieden. raunte mein Gegner seinem Kollegen in's Ohr: „Du weißt ja nicht einmal ob er mit uns geht, wir sollten ihn doch erst einmal aushören, wohin e-r eigentlich will. Im übrigen mach' was Du willst, ich bin mit allem zufrieden was Dir recht ist." Darauf bändelte dann mein Mann mit mir an. lvo ich eigentlich hin wollet wo ich herkomme, wo ich so schön geigen gekernt habe.