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Der Israelit · 1904-09-14 · Heft 74-75 (14.9.1904) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 74-75 (14.9.1904)
Date
1904-09-14
Page
– (sequence 27)
Language
German
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besondere Ursache haben müsse, die er aber, allem Anscheine nach, für sich behalten wolle. „25« Nathan/ sagte nach einer kleinen Pause der Vater, „ist ein vorlauter Junge. Aber, da er es nun einmal gesagt hat, muh ich es auch bestätigen, das. auch ich, ohne auf Dich zu achten, gefunden habe, daß Deine Erregung beim Kol-Nidre ganz ungewöhnlich war. so daß ich mir dachte, er miisse Dich diesmal ganz besonders ergriffen haben." „Na. wenn Du's auch gefunden hast/ entgegnete mit bewegter Stimme der Greis, „so muh ich Euch gestehen, dah mir diesmal lebhafter als je ein Erlebnis vor die^Seele trat, das mit dem Kol-Nidre in engstem Zusammenhang steht. Ich bin ein schwacher, sündiger Mensch, der selbst am Jom Kippur nicht Herr über seine Mechaschowaus Chuz (roeltliche, von der Andacht ablenkende Gedanken) ist. Ein solcher Gedanke ist mir durch die Seele gefahren, als der Chasan Kol-Nidre angefangen hat und es hat wirklich viele Thronen gekostet. um ihn wegzulöschen/ Der Großvater seufzte tief auf und hielt einen Augenblick -inne. Diese Pause benützte der älteste der Enkelsöhne zu der Bemerkung: „Großvater, wenn Dein Mechaschowaus Chuz von solchen Thränen und solcher Andacht begleitet sind, was muh erst Deinen heiligen Gedanken für eine Kraft und eine Erhebung inne wohnen; erzähle uns doch etwas davon!" . „Du halt mir noch gefehlt!" entgegnete barsch der Anaeredcte. „Der könnte mir noch am Ende am heiligen Jom Kippur einreden, ich sei wirklich ein Zaddik oder gar ein Chohid; ich, Jankel Klcsmer, der den schönsten Theil-seines Lebens unter Fremden herumgefahren iß, um mit Dreingabe seiner Neschomo (dem bessern seelischen TheiN das Stück Brod für sich und seine Familie zu suchen! Kein Wort mehr davon!" Aber die Enkelsöhne drangen so innig in den Großvater, daß sich dieser erweichen ließ und ihnen das.l^rlebniß zu erzählen versprach, das ihn heute' Abend beim Kol-Nidre so mächtig ergriffen habe. Inzwischen war die Gesellschaft nach Hause gekommen. Der Großvater setzte sich an seinen Ehrenplatz am oberen Ende des Tisches und die ganze Familie aruvpirte sich um den langen, tannenen Tisch, an den Lippen des Erzählers hängend. „Es ist eigentlich keine Geschichte für Jom Kippur/ begann der Großvater, „das heißt, das eigentliche Erlebnrß wohl, um welches es sich hier handelt; aber ich mutz weit ausholen, wenn Ihr es richtig verstehen und beherzigen wollt: also hört zu/ „Mein Vater. Rabbi Josef Singer, Sichrauno librocho, war der größte Chasan weit und breit, dabei ein groß« Künstler auf der Violine, ein Lamdon (Thora-Gelehrter), wie man ihn unter Chasonim selten findet und ein gar frommer, gottesfürchtiger Mann. In Brod, wo er viele Jahre als Chasan weilte und auch begraben liegt, spricht noch heute Jung und Alt von ihm. obwohl er schon über dreißig Jahre todt ist. Er hat mir nichts hinterlassen, als seine Chasonus, seine Violine und die Fertigkeit, sie zu handhaben. Ich machte mir in der ersten Zeit nichts aus dieser Hinter-, lassenschaft, denn ich war in keiner Weise auf sie angewiesen. Ein reicher Mann, Rabbi Model Blumen» grund, setzte mich als seinen Schwiegersohn ein. Unter seiner Anleitung lernte ich das Manufakturwaarengeschäft kennen, das er in großer Ausdehnung betrieb und das ich einmal später übernehmen'und fortfllhren sollte. Aber mein Schwiegervater verlor durch Spekulationen. Bürgschaften und Konkurse seiner Schuldner sein ganzes Vermögen. Er überlebte den Verlust nicht lange und starb bald mit Hinterlassung einer großen Schuldenlast, die mich zu Boden drückte und mich ncthigte, das Geschäft aufzugeben/ Der Großvater seufzte tief auf und fuhr fort: „Jom .Kippur ist ein Jomtof und der höchste, ich will daher über diese trübe Zeit möglichst rasch hinweg gehen. Euere Großmutter war der einzige theure Schatz, der mir von meinem Schwiegervater verblieben war. Ihr S'ckms (Verdienst) möge uns am Jom Haddin (Tage des Gerichts) beistehen! Wir siedelten nach Pardubitz über, wo uns Niemand kannte und wir uns unserer Armuth nicht zu schämen brauchten, und da holte ich die Fiedel aus der Hinterlassenschaft meines seligen Vaters vor. und wollte als Chasan. Meschorer (Sängtr) oder Klesmer unseren Unterhalt verdienen; aber es ging nicht. Das Leben war so ernst, der Verdienst so karg und schwer, daß die Leute von ihren hart verdienten Kreuzern für einen Sänger und Musikanten nichts übrig hatten. Wir zogen hierher, wo wir jetzt beisammcnsihcn. weil hier aiif dem Dorfe das Leben billig war. Wir fingen einen kleinen Handel mit alten Kleidern, Knochen. Lumpen und altem Eisen an. aber es wollte nicht vorwärts gehen. Es reichte nickt für die zablreicke Familie, die inzmer größer wurde, während der Verdienst immer mehr abnahm. Es blieb nichts anderes übrig, als mein Glück in der Fremde zu versuchen. Nur schwer trennte ich mich vom Hause, aber es mußte sein. Ich versprach, auf Rosch-Haschono wieder zu kommen, wie es auch unterwegs geben möge. Co packte ich mein Felleisen mit Tallis, Tefillin, einen Siddur, etwas Wäsche und meinem Schabbvsrock. und warf es auf den Rücken; an der. Seite hing meine Geige und so gings fort, mit lachendem Gesicht und blutendem Herzen. Nicht einen Kreuzer Geld, nicht ein Stück Brod hatte ich von zu Hause mitgenommen, ich wußte, es war bei den Zurückgebliebenen bester angelegt. Ich spielte und sang mich von einem Ort bis zum anderen, bis ich nach Prag kam. In feinen Hotels konnte ich nicht einkehren, ich kam in eine Spelunke, so eine Art Herberge ftlr Hand-

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