Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 74-75 (14.9.1904)
- Date
- 1904-09-14
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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aussetzt. Dazu kam, daß Jankel im Verkehr mit der Welt draußen einige wenige französische Brocken aufgeschnappt hatte, mit welchen er gerne bei Gelegenheit uni sich warf, wodurch er in den Verdacht kam. Französisch zu kennen. Daschatte man noch von keinem Juden in der ganzen Gegend weit und breit gehört; also rin triftiger Grund mehr, ihn als Ketzer zu verdächtigen. Dabei war er ein fideles. lustiges Haus, der noch in seinen alten Tagen gerne auf die Hochzeiten zog, besonders bei armen Leuten, und die Brautleute durch sein Spiel und seine drolligen Einfälle erheiterte, ohne etwas dafür bezahlt zu ne^en. Er unterstützte vielmehr vle Armen noch bei solchen Gelegenheiten. Was aber hauptsächlich den Verdacht bestätigte, daß seine Frömmigkeit nicht waschecht war. das war der Umstand, daß er sich nie dagegen auflehnte, sondern diese Meinung, wie bereits bemerkt, ganz in der Ordnung fand. Er beseufzte es selber oft. daß er so viele Jahre „draußengelebt habe, daß man da beim besten Willen nicht sich so führen könne, wie es Pflicht ist, und lvie die Beschuldigungen alle lauteten. Daß aber diese Srlbstanklogen gerade das Gegentheil bewiesen, die hohen Anforderungen nämlich, die der Greis, an sich und seine Lebensführung stellte, daß sie in Wirklichkeit gar keine Berechtigung hatten, davon hatte Jankel Klesmer am wenigsten eine Ahnung, und es fehlte ihm auch jeder Ehrgeiz, eine solche Meinung bei seiner Umgebung aufkommen zn lassen. Nur bei ganz seltenen Gelegenheiten, wie sie im Leben nur vereinzelt Vorkommen, in besonderen gehobenen Momenten, löste sich Jankel Klesmers Zunge im intimsten Kreis der Familie. Dann verrieth er den Zuhörern, die an seinen Lippen hingen, das reine, fromme Gemüth und den treuen, jüdischen Sinn, den sich der Erzähler in seinem an Versuchungen und Gefahren reichen Leben bewahrt hatte, bis er sich selber darauf ertappte, daß er im Fluß der Rede seiner Umgebung einen zu tiefen Blick in seine edle Seele gestattet hatte und dann plötzlich abbrach. Eine solche Gelegenheit bot sich am Kol-Nidre- Abend, wo die ganze Familie die Synagoge der nächsten jüdischen Gemeinde besucht hatte und jetzt in der Mit 1ernacht«rs1unde in ihr Dorf heimlehrte, um es vor Tagesanbruch wieder zu verlassen und mit dem ersten Morgengrauen wieder im Gotteshause sich einzufinden. „Du hättest doch besser gethan. lieber Vater, über Nacht in der Gemeinde zu bleiben, als den beschwerlichen Weg in der Nacht und morgen früh zu machen/ sprach der Sohn. „Das ist kein beschwerlicher Weg/ entgegnete der Vater, „ich habe schon beschwerlichere gemacht. Der Weg ist eine Annehmlichkeit, eine wahre Erfrischung nach der großen Hitze in der Synagoge. Du weißt, wie ich an die frische Luft gewöhnt bin; morgen, wo ich sie von früh bis abends spät nicht zu kosten bekomme. ist der Morgenspaziergang in die Synagoge ein wahres Labsal.- Die ganze Familie ging wegen des Jom Kippur ohne Fußbekleidung, aber daran dachte Niemand. Sie gingen weiter, ohne ein Wort zu sprechen; ein Jeder war mit sich und dem herrlichen Abend beschäftigt, den sie mit der großen Gemeinde verlebt hatten und den sie noch einmal Jeder in seiner Weise vor seinem seelischen Auge yorüberziehen ließ. Jankel sagte leise Schir Haschirim (das Hohe.Lied), sein Sohn sagte Tillim (die Psalmen), die Enkel summten halblaut die heiligen Melodien nach, die heute Abend ihre Herzen gerührt hatten. Der zweitnachste Enkel, der zehnjährige Nathan, hatte die rechte Hand des Großvaters ergriffen und schritt weiter, von Zeit zu Zeit einen Blick auf den Großvater werfend. Als dieser eben in seiner Schir- Haschirim-Rezitation eine Pause machte, fragte ihn der Enkel: „Großvater, warum hast Du heute Abend mehr wie sonst und heißer wie sonst beim Kol-Nidre geweint und geschluchzt?" „Was das eine Frage ist/ antwortete der Gefragte. „Erstens, wie tvenig Andacht mußt Du bei diesem Gebete gehabt haben, wenn Du Zeit und Muße gefunden hast. Deinen Großvater zu kontrolliren! Zweitens, wie kann man einen Menschen fragen, warum er an Jom Kippur oder gar bei Kol Nidre weint? Wer nicht dabei tveint, den sollte man deshalb fragen, wie er kalt und gefühllos bleiben kann, aber wenn einem da die Augen nicht überlaufen, wovon der Mund voll ist. dann wüßte ich nicht, wem sonst/ „Aber, Großvater, Du hast heute beim Kol-Nidre ganz gewiß mehr geweint als voriges Jahr/ fuhr das kleine, lebendige Fragezeichen unbeirrt fort. „Und wenn?- entgegnete der Großvater, „was wäre da zu fragen? Wenn ich dieses Jahr laxer, lauer, gleichgültiger und andachtsloser gebetet hätte, so hättest Du schon ein Recht, Dich darüber aufzuhalten. Aber wenn mich der Jom Kippur und seine Gebete dieses Jahr mehr ergreifen als früher und nächstes Jahr — wenn uns Gott am Leben erhält — mehr als dieses Jahr, ist das so was auffallendes? Ich dächte, wir sollten doch mit den Jahren an Ernst und Tiefe, und Andacht und Frömmigkeit zunehmen und jeden Jom Kippur von seiner Bedeutung mehr gepackt werden, als voriges Jahr! Wenn Du mich einmal an einem Jom Kippur weniger ergriffen findest, als an einem früheren. dann magst Du mit Recht nach der Ursache .fragen.- Der Enkel schwieg, obwohl die großväterlichen Ausführungen, weit entfernt ihn zu befriedigen, ihn nur noch mehr in der Ueberzeugung bestärkten, daß der Großvater für seine ungewöhnliche Erregung auch seine