Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 74-75 (14.9.1904)
- Date
- 1904-09-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1 1560 wir so oft über unfern Nebenmenschen gefällt, und gelobten im Stillen, künftig nicht so schnell den Stab zu brechen, künftig müde und nachsichtsvoll des Nebenmenschen Schwache zu beurtheilen. Wir haben beim großen Sündenregister des nvn bv und der <nn uns reumüthig an die Brust geschlagen mit dem ehrlichen Vorsätze, im kommenden Jahre diese Sünden nie wieder zu begehen und unsere Seele mit dem reinen Ehrenkleide der Tugend zu schmücken, mit etwhji jto® D'ara, mit Gott gefälligen und menschenwürdigen Handlungen, um als höhere Wesen, womöglich sünd e n r e i n dazustehen. Ein Jahr ist seitdem verflossen. Wieder hat die erste Abendstunde des Jomkippur uns zur feierlichen Andacht hierher gerufen. Mit des Herzens reinen höheren Schlägen rief der heutige Abend uns zur Andacht hierher. Nun aber soll die Maske der Selbsttäuschung fallen. Nun hinweg mit eitler Beschönigung! Hand auf's Herz gelegt! Ich frage: Haben wir Wort gehalten? Haben wir unsere stillen Gelübde erfüllt? Wir haben Besserung gelobt — sind wir besser geworden?! Haben in dem verflossenen Jahre keine sichtbaren oder unsichtbaren Wunden geblutet. die wir im Jähzorn geschlagen? Haben keine unserer Worte, wie giftige Pfeile die Brust unserer Nebenmenschen tödtlich getroffen? Haben wir kein allzuhartes Urtheil gefällt? Keinen guten Namen., irregeleitet vom täuschenden Scheine, verunglimpft? Haben wir keine Rache geschworen? O, wie Spreu vor dem Winde flogen die frommen Vorsätze, die wir gelobt, im Sturme der Leidenschaft dahin. — Und da gehst du hin und fassest und schlagest wieder und immer wieder das ganze Sündenbekenntniß des xvn bv an die Brust ab!! — Aber so laut du auch pochest — du findest auf dies laute Pochen allein nicht Einlaß in das Himmelreich göttlicher Gnade und Vergebung. jn »ren rutw sagt der Prophet (Jesaja 58. 4.) „Für Zank und Hader, für den Unfrieden, den Ihr gestiftet, fastet Ihr!" Dem Körper versagt Ihr die Nahrung und den Leidenschaften gewährt Ihr sie! vvn spao. „Mit dem Fan stschlage'nach Eurer Brust wollt Ihr die Bosheit Niederschlagen!" O, das ist eitles Bemühen. Mit Faustschlägen schlaget^Jhr den bösen Geist des Hoch- und Uebermuthes nicht nieder. Mit Fasten allein werden die gebrochenen Gelübde der Besserung nickt erfüllt. Ein gebrochenes Versprechen ist ein gesprochenes Verbrechen! — Und so haben wir zu allen unseren Sünden noch die des unerfüllte n. G e 1 ü b d e s hinzugefügt! Ist es nun überflüssig, wenn wir beten: Gott und Vater! Latz '"ru dv — alle die Gelübde der Besserung. ,-dje Gelübde zum Guten und zur Selbstveredlung, die wir gethan und nicht gehalten — dir Gelübde und Vorlage: das Gute zu lieben und zu üben und das Bose zu hassen und zu lassen — die wir gewiß auch diesmal in einer Anwandlung von Reue aussprechen — aber in Folge unserer Schwäche wohl kaum ganz erfüllen werden — lasse sie gelöst sein vor Dir. Fromme Vorsätze sind wie Buchstaben in den Flugsand geschrieben, ein schwacher Windstoh verweht sie. Vom Wollen bis zum Thun ist ein gar weiter Weg und so Mancher ist schon aus halbem Weg st e h e n geblieben. Unsere Vorsätze sind gut. unser Wollen rein — nur nicht stark genug. — Den möchte ich eben sehen, der sich Jude nennen will und vorsätzlich etwas gelobt, oder beschwört und dem dies nicht heilig, unverbrüchlich heilig ist! — Nicht, datz das Kol nidre uns Gelübde und Schwüre leicht machen soll. nein, mein Bruder und meine Schwester! Eben weil wir den m.' nicht besser und würdiger einzuleiten und einzuweihen wissen, als indem wir Gott gin Vergebung unserer unvorsätzlich unerfüllt gebliebener Gelübde anrufen, sollen wir die Heiligkeit des. wenn auch im Stillen, vor dem innern Richter ausgesprochenen Wortes erkennen. Ehe wir die Sonne des sündenreinigenden Jom Kippur über unsere Häupter aufgehen lassen, wollen wir vor Allem von diesem Makel vor Gott — aber auch vor den Angen der Welt gereinigt dastehen. - Nein, nein! Diejenigen, die Israel und dessen Volksgeist nicht kennen, oder nicht kennen wollen, sollen nicht sagen: Israel nimmt es leicht mit dem Eide und betet dann alljährlich um Ablaß für diese Gott und Menschen beleidigende Sünde. Nein! Ein Volt, das selbst den in einem unbewachten Augenblicke ausgesprochenen Vorsatz als Gelübde betrachte und dessen Nichterfüllung als Sünde ansieht — kann nicht leichtfertig schwören. Es weiß, daß es für solche Vergehen keinen JomKippur gibt; es weiß, daß solche Sünder den menschlichen und jüdischen Ehrennamen mit Füßen treten. Für sie wurde kein Kol-nidre geschrieben! II. Nein, mein Gott und Vater! Nicht als ein verderbtes, nicht ein entartetes — nur ein menschlich verirrtes Kind tritt der Sohn und die Tochter Israels heute betend und reuevoll. Vergebung heischend vor Dich hin. Dn nimmst uns Alle auf in Deiner Gnade, die wie weiche Mutterarme die Menschheit umfaßt. Du läßt sie zu Dir kommen, die schwerbelasteten Kinder; läßt die Schmerzerfüllten ausweinen an Deiner Brust; laßt die Strauchelnden erfassen Deine starke Hand; läßt die Verirrten wandeln noch Deinem Lichte. iw2' tb>2 bo T-w n*>cn yev rufen wir: „Du Erhörer ött Gebete, zu. Dir wollen wir Alle .kommen!" (Ps. 65, 3.) Dir wollen wir uns nähern. Doch wie? W! . wollen zu D i r kommen; w i r. die wir um eines beleidigenden, an uns gerichteten Wortes willen oft die