Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 93 (24.11.1904)
- Date
- 1904-11-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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7 1976 Nationen geht dahin, daß sie immer enger aneinander geknüpft werden, zum Guten wie zum Schlimmen, und daher wird das Gedeihen der einen immer wichtiger für jede andere. Es bildet für sie nicht eine Bedrohung, sondern eine Hoffnung. Wir in Amerika, wo die Verschmelzung der Völkerschaften zu einem Volke höchst wichtig ist. bemühen uns unaufhörlich, uns das Gute jedes Stammes zu Nutze zu machen, mit der Rassenfeindfchaft und Glaubensfeindschaft der verschiedenen Stämmen aufzuräumen, und beides mit erstaunlichem Erfolge. Feuilleton. irjam. historische Erzählung aus dem ^.Jahrhundert. Schluß von xrvryuv sievn. m „Das muß die Tochter des alten Juden sein," rief einer derselben, der Kleidung nach, einer der Anführer. „Was willst Du meine Tochter, hier, an diesem Schreckensort?" „Laßt mich, laßt mich, ich muß hinein in's Gefängniß, mein Bräutigam ist da drinnen, er darf nicht umkommen, ich muß ihn retten, laßt mich hinein!" Und mit schier übermenschlicher Kraft riß ste sich von dem Anführer, der sie zurückhalten wollte, los und stürzte auf die Thür zu. Zum Glück war sie unverschlossen, und wie von Furien gehetzt, eilte ste nach der Zelle, in der sich Rüben befand, doch-die Thür war fest verschlossen, schon so nahe am Ziel, und wieder ein Hinderniß! Jetzt wieder zurück und Hilfe holen, daß sie die Thüre sprengen konnte! Doch der Bauernanführer wies nur stumm mit dem Finger auf den brennenden Thurm. Immer mehr und mehr hatten die Flammen um sich gegriffen, und schon stürzten vom Dache brennende Balken nieder, die Thüre fing bereits an zu glimmen, so daß ein nochmaliges Eindringen in das Gefangniß mit der größten Gefahr verbunden war. Noch einen flehenden Blick warf Mirjam auf den Anführer. doch dieser schiittelte verneinend das Haupt. „Es geht nicht, Kind, es ist unmöglich, hier noch hineinzugehen, wir würden nur mit umkommen, wenn wir eS versuchten." Da entriß ste einem der Umstehenden die schwere Streitart. und mit wahrer Todesverachtung stürzte sie sich durch die bereits brennende Thür in das Gefangniß. Die Zuschauer stießen einen Schrei des Entsetzens aus, als sie in dem Flammenmeer verschwand, und mit dem Rufe, „was sie wagt, muß auch ich können," stutzte ihr der Bauernanführer nach — Minuten voll banger Erwartung vergingen, tiefe Stille herrschte, und hier und da hörte man gedämpft im Innern des Thurmes schwere Beilschlage. Dann war es wieder still. Gespannt waren aller Auger auf den Eingang gerichtet, doch immer noch nicht wollten sich die Retter zeigen. Doch, da kamen sie! ein nicht endendes Jnbelrnfen durchbranste die Luft; voran der Anführer den bewußtlosen Rüben tragend, darnach das tapfere Mädchen, mit fliegenden Haaren, deren Enden überall Spuren der Flammen aufwiesen. Sonst war sie unversehrt. Sanft legte der tapfere Anführer den immer noch bewußtlosen Geretteten auf einen war es wieder still. Gespannt waren aller Augen auf und schaute erstaunt umher. Da erblickte er Mirjam, sein Antlitz heiterte sich auf. als er sie so dastehen sah, einem Engel gleich, einem Rettungsengel. Mit einem Freudenruf ließ sich Mirjam zu ihm nieder. „Gerettet!" jubelte sie, „gerettet!" XV. -1-Ein Jahr war seit diesen Ereignissen vergangen. Rüben hatte sich bald wieder von seiner Krankheit erholt, und aus Mirjam und ihm war bald ein junges Ehepaar geworden. Der alte Rabbi fteute sich an dem Glücke seiner Kinder, und nur manchmal ging ein trauriger Zug über sein Antlitz, wenn er an die Schrecken und Gefahren dachte, denen er und seine Kinder glücklich entkommen waren. Oft sann er nach, was wohl aus dem Grafen Gersdorf geworden sei. Mirjam hatte ihm erzählt, wo sie ihn verlassen hatte, und von da ab war keine Spur mehr von ihm da. War er mit dem Schlosse elendlich verbrannt? oder hatte er den allgemeinen Tumult zur Flucht benutzt und war glücklich entkommen? und wo war er jetzt? Auf alle diese Fragen konnte er sich keine Antwort geben; doch sollte er bald darüber aufgeklärt werden. Es war ein heißer Sommernachmittag. 'In dem Schatten des kleinen Hauses im Garten saßen drei Glückliche: der Rabbi, Mirjam und Rüben; Mirjam mit einer Handarbeit beschäftigt, während sich die Männer in eine wissenschaftliche Frage vertieft hatten. Da sah mit einem Male die junge Frau von ihrer Arbeit auf. Mit nicht geringem Stolz sah sie auf den Gatten, der seit einem Jahre weit männlicher geworden war, er schien um ein Jahrzehnt gealtert. Sie unterbrach sie in ihrer Unterhaltung. „Sage, Rüben, ich glaube es ist gerade jetzt ein Jahr her. seit jenen schrecklichen Ereignissen." „Du kannst recht» haben, Mrjam," entgegnrte der Angeredete, „es wird wohl jetzt ein Jahr sein. Aber eine Frage liegt mir schon lange aus der Zunge. Was hat Dich damals auf das Gut des Grasen geführt? Du hast es mir bis jetzt verschwiegen, nun glaube ich