Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1904-11-24 · Heft 93 (24.11.1904) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 93 (24.11.1904)
Date
1904-11-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449986-2450070--61861-2524216
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1997 doch so weit hergestellt zu sein, auch das Schlimmste anhören zu können." fugte er noch lächelnd hinzu. Sie warf einen fragenden Blick auf ihren Vater, den dieser mit einem Kopfnicken beantwortete. Leicht err'öthend erzählte nun Mirjam den ganzen Hergang, von dem Neberfall im Walde bis zum Augenblick, da die anfständigen Bauern in das Schloß cindrangen, die Edelleute niedermetzelten, wie sie dann den Grafen von seinen Fesseln befreite, und ihn auch zuletzt mit Hilfe des Anführers der Bauern aus dem brennenden Gefängniß rettete. Gerührt hörte Rüben ihre Erzählung mit an. und als sie geendet hatte, sprang er auf und schlang zärtlich seinen Arm um ibren Rücken. O, Du meine gute, süße und tapfere Mirjam!" murmelte er glückselig. Da wurden die drei plötzlich aufgeschreckt, noch sahen üe niemand, doch das Knirschen des Sandes der-- rieth das Nahen einer Person. Es war die alte Magd des Rabbi, jetzt auch die Dienerin des jungen Paares, die meldete, ein fremder Edelmann sei angekommen und wolle den Rabbi und seine Tochter sprechen. Verwundert schaute der Rabbi auf, eine Ahnung durchflog sein Gehirn, sollte es am Ende der verschollene und todtaeglaubte Graf Gersdorf sein? Neugierig sprang er auf und trat durch die Hinterthür in das Haus; langsam folgten Rüben und Mirjam. Wer beschreibt ihr Erstaunen, als sic in das Zimmer des Rabbi eintraten und dort auf einem Stuhle den Grafen sitzen sahen! Er hatte das Gesicht der Thüre abgewandt und sah so nicht wie sie eintraten; er war in eifriger Unterredung mit dem Rabbi begriffen, und so hatte Mirjam Gelegenheit, ihn etwas genauer in Augenschein zu nehmen. Seiner Kleidung nach schien er Soldat geworden zu sein, und zwar mußte er einen höheren Rang bekleiden, was Mirjam aus den vielen Schnüren und der rotben Schärpe, die er trug, schloß. An der linken Seite trug er einen langen Degen mit goldenem Griff, und als Kopfbedeckung trug er einen breiten Filzhut von grüner Farbe, von dem lange Federn niederwallten. Sein Gesicht war braun verbrannt von der Sonne und durch viele Narben stark entstellt; er mußte barte Kämpfe zu bestehen gehabt haben. Da fiel sein Blick nach hinten; mit einem unterdrückten Freudenruf sprang er auf. als er Mirjam mit Rüben an dem Eingang stehen sah. Ihr beide Hände entgegen streckend eilte er auf Mirjam zu. Mit unterdrückten Thränen in den Augen reichte ihm Mirjam ihre Rechte. „Seid mir gegrüßt, Herr Graf, in unserem Heime; rechneten wir Euch doch schon zu den Todten, und doppelt Freude macht es uns deshalb." Kaum eines Wortes mächtig, küßte er ihr wiederholt die Hand. Mirjam ließ ihn gewähren, eine innere Stimme sagte es ihr. in jener Schreckensnacht war der Graf ein anderer geworden. Sie trug ihm nichts mehr' nach; sie fühlte keinen Zorn mehr gegen ihn, nur-- Mitleid. Auch Rüben trat auf ihn zu und begrüßte ihn herzlich. Erstaunt schaute der Graf ihn an, und stürmisch erwiderte er dessen Händedruck. „Dank, junger Freund, Dank für diesen Empfang! Ha, jetzt sehe ich es ein, sie ist doch kein leerer Wahn. Eure Religion! Ihr, den ich fast zu Grunde gerichtet habe, Ihr reicht mir freundlich die Hand zum Willkommen. Ihr befolgt jenen Satz, den unsere Religion aufgestellt hat, aber-nicht hält, jenen Sah: „Liebet eure Feinde!" Nein, noch mehr thut Ihr, nicht nur ihr junger Freund, auch jener Rabbi und seine Tochter, die ja jetzt Eure Gattin ist. mit offenen Armen empfanget Ihr den. der Euch alle zu Grunde richten wollte, und es auch gethan hätte, wenn nicht ein schweres Verhängniß über mich hereingebrochen wäre." „Berubigt Euch, edler Herr." erwiderte ihm der Rabbi auf diese Gefühlsausbriiche, „quälet Euch nicht weiter mit diesen Selbstanklagen! Gott hat alles zum Besten gewendet, er bat uns aus den größten Gefahren gerettet, drum fei alles vergessen und vergeben!" „Vergessen und vergeben!" wiederholte der Graf langsam. „O, mein Gott." stieß er nach einer Pause hervor, sich vor denl Rabbi hinwerfend, „wie soll ich Euch für diese Worte danken! Vergeben und vergessen wollte Ihr. was ich Euch zugefügt habe! Nochmals Dank, tausend Dank für Eure Worte!" und sich wieder erhebend fuhr er fort: „Eine andere Richtung habt Ihr in dieser Stunde meinem Leben gegeben. Denn wisset, nur ein Ziel verfolgte ich, seit ich vor nunmehr einem Jahre wie durch ein Wunder aus dem brennenden Schlosse gerettet wurde, aus meinem brennenden Besitz« thum! Nur ein Gedanke beseelte mich: Vergeltung wollte ich üben. Vergeltung jenen, die ich durch meinen Leichtsinn und in meinem Wahne zu Grunde geeichtes hatte, und Rache, schreckliche Rache denen, die mich zu Grunde richteten, mich an den Bettelstab brachten. Und schreckliche Racke habe ich schon geübt. Ich schloß mich dem Heere der Fürsten an. die gegen die Aufständischen zu Felde zogen, und unzählbar sind sie. die von meiner Hand erschlagen die Schlachtfelder deckten. Und damit war mein Rachedurst noch nicht gekühlt. Durch mein muthiaes Kämpfen gelangte ich bald zur Stelle eines Anführers einer kleinen Truppe, und schrecklich waren die Greuel. die wir unter den Bauern anrichtetrn. auf meinen Befehl! . . .; ..Doch auch Vergeltung nachder anderen Seite hin wollte ick. So eilte ich denn aus dem Süden hierher, zu Euch, Eure Verzeihung zu erflehen, und wie.danke ich Euch, daß Ihr mich so freundlich aufnahmet. Und wie Ihr zu mir saget, „vergessen und vergeben," so spreche jetzt auch ich zu denen, die mir düs Haus LbEr

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.