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Der Israelit · 1904-09-08 · Heft 72-73 (8.9.1904) · page 35

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 72-73 (8.9.1904)
Date
1904-09-08
Page
– (sequence 35)
Language
German
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1663 quälen. Wir leben doch nicht in Wölkenkuckucksheim, sondern hübsch auf der Erde und hier gilt's. zunächst das praktisch Nothwendige in der Fortbildung zu berücksichtigen. Tu hast Schiurim zu lernen, junger Kollege, verliefe Dich in. Deine Mischna. man wird aus Deiner Gemeinde mit verschiedenen, religiösen Anfragen an Dich herantreten, lerne Dinim, lerne Raschi, lerne Gemoroh, erwirb Dir aus der, in den Vorbereitungsanstalten erhaltenen Grundlage weiterbauenv, einen entsprechenden Schatz positiv jüdischen Wissens aus den reinen Quellen jüdischer Wissenschaft, verliefe Dich in den Blumenbeeten des Midrasch, dessen liebevolle Kleinmalerei Dir zugleich die herrlichsten. pädagogischen Winke gibt u. s. w., suche also hier voll und ganz Deinen Platz auszufüllen und Du wirst Dich auf dem Standpunkt erhalten können, auf den Du gestellt worden bist. Hast Du Zeit und Muße und die geistige Reife, so wird Dir niemand verwehren, auch in jene Werke einen Blick zu werfen, aber sie als nothwendig oder auch nur wünschenswerth für die Fortbildung eines Lehrers zu bezeichnen, wäre gerade so richtig, als für einen Mediziner ein Fachstudium der Elektrotechnik oder für den Bankier ein Privatissimum im Bergbau zu verlangen. Wünschen wir nicht, daß andere Stände uns „in's Handwerk pfuschen*, so gilt eben für uns die gleiche Maxime. Bezüglich seiner allgemein wissenschaftlichen Fortbildung wird wohl niemand dem Lehrer dreinreden wollen, wenn aber gewisse Bücher zur „religiösen" Fortbildung empfohlen werden, dann ist es eben Pflicht, der „religiösen" Führer, die warnende Stimme zu erheben. Und dann, warum diese Erregung gegen die orthodoxen Mahnungen, die man als ungerechtfertigte Bevormundung auffaßt? Ist denn die Empfehlung jener Werke durch Herrn Dr. Guttmann nicht auch eine Bevormundung? Oder heißt es auch da, wie sonst so oft: „Ja, Bauer, das ist etwas anders?" Man kann wohl über die Art und Weise, über die äußere Form des Dr. Cahn'scken Protestes, über die Berechtigung und Nothwendigkeit gerade dieser Form gethrilter Ansicht sein, die Sache selbst ist klar. Wenden wir uns nun zu den weiteren Ausführungen in den Blättern für Erziehung und Unterricht. „Herr Dr. Cahn gibt ganz sicher auch zu. daß das religiöse Gefühl kein Machwerk äußerer Einwirkungen ist, ohne Zweifel schreibt er ihm eine tiefere Wurzelungskrast zu. Dies soll nun bei uns mit dem Momente entschwinden, in welchem wir das Reife- _ zeugniß in die Tasche stecken. Während der Seminarzeit konnten wir alle Theorien und sogar Hypothesen ohne jede Gefahr mit anhören; Geologie, Astronomie, Darwinsche Entwickelungslehre u. s. w., alle besaßen für uns keine Gefahr. Nun tritt sofort das Gegentheik ein; wir verlieren diese Gnade und befinden uns unbarmherzig in den Klauen des Verderbens. Das müßte eine schwache Religion sein, die von ihren Bekenner» so leicht verlassen wird. Unsere jüdische Religion ist es nicht, wir reihen uns auch nicht der Kategorie solch' seichter Bekenner ein." So der junge Kollege! Run, gestatten Sie, junger Freund, Ihnen wieder an einigen Beispielen zu zeigen, wie Sie Ihre ruhige Ueberlrgung mit der Aufwallung Ihrer Gefühle durchgehen ließen. Was nennen Sie überhaupt religiöses Gefühl? Woher stammt seine tiefe Wurzelungskroft? Genügt Ihnen ein „religiöses Gefühl" ohne praktisch religiöse Bethätigung? Glauben Sie, daß die Autoren jener beregten Werke, daß z. B. Maybäum,, der in den jüdischen Propheten einen Ausfluß heidnischer Mantik erblickt, nicht ebenfalls den Besitz religiösen Gefühles behaupten wollten? Und wieder, genügt Ihnen solch' „religiöses Gefühl"? Beantworten Sie sich diese Fragen einmal selbst nach gewissenhafter Prüfung und Ueberlegung, Sie werden vielleicht doch zu etwas anderen Resultaten und Anschauungen gelangen. Der Hinweis auf die im Seminar.vorgetrogenen Theorien und Hypothesen will ebenfalls nicht ziehen und zwar aus doppeltem Grunde: erstlich werden alle diese Ansichten eben nur als Theorien und Hyporhesen, niemals als feststehende Thatsachen und Dogmen vorgetragen, dann aber auch sind es wesentlich immerhin Profangcgenstände, die nur in gewisser Hinsicht religiöse Stoffe streifen; bei jenen zur Fortbildung vorgeschlagenen Werken handelt es sich aber direkt und allein um die Fortbildung in der Religion. Mag vielleicht bezüglich der Naturwissenschaften das religiöse Gefühl in seiner Allgemeinheit ein wirkendes Schutzmittel sein, in der Religionswissenschaft selbst, in der Religion muß Gefühl und Wort und That, muß Glaube und Einsicht gleich laufen, übereinstimmen. Können zu solch' religiöser Bildung jene Werke beitragen? Und Mahnrufe in dieser Hinsicht sollten ein taubes Ohr finden, sollten gar als Beleidigung aufgefaßt werden? Wohl Dir, junger Freund, wenn Du Dich gefeit weiß gegen Verführung und Verlockung, aber nicht jeder ist's, und wenn nur ein einziges Individuum die Mahnung und Warnung nöthig hätte, — es wäre Grund genug sie auszusprechen! Es ist ja richtig, wenn der junge Herr Kollege weiter sagt, daß es heutzutage fast modern geworden sei. über die jungen Lehrer zu sprechen, daß sich bald der Rabbiner, bald der Rabbinatskandidat, bald sogar der Handlungsgehilfe über ihn äußert, daß auch fast jedermann glaubt zum geborenen Aufsichtsbeamten des jungen Lehrers bestellt zu sein? Ich möchte hinzufügen, auch des alten, des Lehrers überhaupt, aber was folgt daraus? Der junge Herr Kollege meint, man verkenne uns, man will unser Streben nicht würdigen, gewisse Kreise sähen es heute noch gerne, würde der jüdische Lehrer sich in das Gespinst embaurn, welches

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