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Der Israelit · 1904-09-08 · Heft 72-73 (8.9.1904) · page 34

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 72-73 (8.9.1904)
Date
1904-09-08
Page
– (sequence 34)
Language
German
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wohlwollend oder übelwollend für die Sache, die Idee, das Prinzip wäre das ohne Belang. Die Frage: «Ist uns jüngeren Lehrern im allgemeinen die Denkfähigkeit .zuzuschreiben, Werke, die über die Qualität der Schulbücher hinausgehen, ohne Gängelband studiren zu können, ohne am Glauben Schiffbruch zu leiden?" ist keineswegs das Prinzip, auf dem der Streit fußt, ist vielmehr nur ein kleines Glied der großen Kette, allerdings das Glied, welches, wie ich bereits Eingangs betonte, den Kollegen als «jungen Lehrer" besonders berührte und interessirte. Nicht zu leugnen ist wohl, daß der Streit allmählich ein etwas persönliches Gepräge angenommen hat, nicht zum Voriheil der Sache selbst und theilweise sogar die klare Sachlage verdunkelnd. Das steht fest, die offizielle Veröffentlichung und damit Sanktionirung oder doch Gutheißung des famosen Exposee war für die orthodoxen Lehrer und damit für die Orthodoxie überhaupt ein Schlag in's Gesicht. Der Kampf gegen die geistigen Väter desselben ist als ein wahlberechtigter gewesen. Das aber wird sich fragen, ob man den Redakteur des Vereinsorgans, Herrn Kollegen Steinhardt, mit jenen in einen Topf werfen darf. Es ist doch nie zu verkennen, daß j die Blätter für Erziehung und Unterricht ein ..Verbandsorgan" sind, daß also der Redakteur diejenigen Arbeiten, die ihm vom Verbandsleiter offiziell aufgegeben werden, abdrucken lassen muß, daß er persönlich also gar nicht mit dem zu harmonisiren braucht, was von Verbandswegen veröffentlicht wird, daß man also jedenfalls daraufhin allein ihm nicht die schweren Vorwürfe der absoluten Neologie in's Gesicht schleudern durfte. Wenn nun Herr Dr. Cahn auch Herrn Steinhardt zu den «Vertretern des Reformjudenthums" zählt, die es als Kulturaufgabe betrachten. ..dem Köhlerglauben an die Offenbarung des heil. Gottesgesetzes enigegenzuwirken," Herr Steinhardt aber persönlich nach seiner Ueberzeugüng und seinen Worten und Thaten glaubt, diesen Vorwurf nicht zu verdienen, dann ist es nicht nur sein gutes Recht, dann ist es seine heilige Pflicht, sich gegen diese Vorwürfe zu wahren und ihre Haltlosigkeit zu erweisen, wohlgemerkt, immer nur für seine Person, ohne daß die Sachlage selbst dadurch irgendwie verändert würde. (Ob nicht allerdings sich für Herrn Steinhardt die Frage ergeben wurde, eventuell lieber ein Amt niederzulegen, als mit der eigenen Ueberzeugung in Konflikt zu gerathen, mag hier unerörtert bleiben.) Als Menschen sind wir alle nicht unfehlbar und Manneswort ist eben Manneswort und verdient Glauben und Beachtung, so lange nicht das Gegentheil erwiesen. Das wäre aber auch die einzige Personenfrage in dem entfachten Streit, alles andere ist sachlich, prinzipiell. Daß. wie gefast, die persönliche Seite von der sachlichen Beurtheilung abgelenkt hat, ist bedauerlich. «Der «junge Lehrer" schreibt weiter: «Man hat uns oft genug charakterisirt. Immer hat man uns als Ideale von Unerfahrenheit ausgestellt, als moderne Parsivale, die der Führung, der Lenkung, der Leitung u. s. w. u. s. w. im höchsten Grade bedürftig waren. Es ist richtig, derjenige junge Lehrer, der sich am Ende des Seminarstudiums als an Bildung vollendet betrachtet. ist es am allerwenigsten; jetzt erst beginnt die eigentliche Bildungsperiode, denn das Seminar hat nicht zuviel mitgegeben. Jetzt heißt es ein solches Maß von Wissen auf allen Gebieten anzuschaffen, un: sich auf dem Standpunkt behaupten zu können, auf welchen die Allgemeinheit uns stellt. Da glaubt man nun, der beste Weg sei der. gleich den unschuldigen Lämmlein. bewacht vom Hirten, tagtäglich den gleichen Weg zur Weide geführt und am Abend still wieder nach Hause gebracht zu werden. Der treue, schwarze Begleiter läßt in seiner Wachsamkeit keines aus der Bahn kommen. — Das ist weder allgemeine Bildung. n"ch eines Mannes würdig. Wir jüngeren Lehrer besitzen schon so viel Denkfähigkeit, auch solche Werke mit Nutzen zu lesen, die man uns verpönen will. Wir sind schon so selbstständig und urtheilsfähig, uns nicht zum Spielball der Bücherautoren oder philosophischen Lehrsysteme herzngeben." Ich will nun mit meinem jungen Kollegen nicht, rechten bez. seiner etwas sehr temperamentvollen Ausdrucksweise. feiner Tropen vom Parsival und schwarzen Begleiter etc., sondern gleich wieder zur Sacke selbst sprechen. Es sollte mich und mit mir sicher reckt viele unserer älteren Herren innig freuen, wenn unser junger Nachwuchs wirklich so selbstständig und urtheilsfähig wäre, mit der Durcharbeitung der im Exposee beregten Werke wie Mellhausen. Geiger. Maybaum etc. in rein kritischer Beziehung fertig zu werden. Ich nehme nicht einen Moment Ansiand, offen zu erklären, daß ich nach meinem Seminarabsolutorium — ick hatte schon fünf Tage vor meinem 18. Geburtstag das Reifezeugniß i» der Tasche — diese Reife nicht besaß, trotzdem ich im Seminar den Spitznamen «Philosoph" trug. Doch auch abgesehen hiervon — das Fortbildungsvrogramm war ja nicht ausschließlich für junge Lehrer, wir älteren sind ebenfalls noch unablässig an unserer Fortbildung bemüht — verwechselt der junge Kollege hier die Begriffe «allgemeine Bildung" und «Fachbildung". Das Exposee hatte doch wohl mit dem «Maß von Wissen auf allen Gebieten" nichts zu thun, es bezog sich nur auf die Fortbildung in den Religisnsfacher«. Werden hier nur oder hauptsächlich Werke neologer Richtung off^irll empfohlen, so liegt die Tendenz auf der Hand, ganz abgesehen davon, daß wir doch Lehrer, Pädagogen, nicht Theologen sein sollen und wolle». Ich dachte, der dem Seminar eAtwachsene. junge, jüdische Lehrer hatte bez. feiner Fortbildung im Religionsfacke ganz andere Dinge zu thuu. als sich durch langathmische, hypothetische Theologiesypeme durchzu-

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