Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 72-73 (8.9.1904)
- Date
- 1904-09-08
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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1547 r . t' müde und abgehärmt aussehende Frau, mit ihren zwei Tochterchen an der Hand. Vor kurzem ist ihr Mann gestorben, vom Fieber dahingerasst. nachdem er vorher lange vergebens nach Arbeit gesucht, und hat sie allein mit ihren vielen kleinen Kindern zuruckgelassen, ganz ohne Mittel. Ein frisches, großes, aber ärmlich gekleidetes Mädel, von ungefähr zehn Jahren, ist allein gekommen. Seine Eltern wollen es nicht zur Schule gehen lasten, da sie nicht das Schulgeld, obwohl es sehr, sehr ioenig ist. dafür ausgeben konnten. So hat die Kleine selbst vorher so lange gearbeitet, geputzt und gewaschen, bis ste es verdient hatte und sie hat sich vorgenommen. alle Ferien zu arbeiten, um sich ihr Schulgeld von neuem zu erwerben. Aber auch ganz kleine Mädchen sind darunter. Die Mutter hat tagsüber keine Zeit, sich um ihr Kleines zu bekümmern und bringt es in den Kindergarten. Manche sind noch so zarten Alters, daß wir sie gar nicht ausnehmen können. Man drängt und stößt sich, ein jeder will der Thüre am nächsten stehen, um möglichst bald an die Reihe zu kommen.. Der Kindergarten wird geöffnet, um den Leuten mehr Raum zu geben, und er ist im Ru so gefüllt. daß man keinen Schritt vornoch rückwärts machen kann. Tie kräftigsten sind der Thüre am nächsten gekommen, und die, die ein wenig schlau waren, haben ihre Kinder vorgeschickt. die, klein und schmal, wie sie sind, können sich eher durchdrücken. Endlich, endlich'öffnet sich die Thüre. Zwölf auf einmal drängen sich durch die Oefsnung. die so rasch wie möglich wieder aeschloffen wird. Run ist es kund geworden, daß nur hundert neue Schülerinnen ausgenommen werden können und mehr als fünfhundert warten. Es entsteht ein reiner Kampf mit den Lehrern und Lehrerinnen, die überall zur Aufrechierbaltung der Ordnung aufgestellt sind. Inzwischen arkvitet im Bureau die englische „Lead-mistreß" mit Hilfe noch einer curov. Lehrerin als Sekretärin. Denn es ist keine so leichte Aufgabe, alle nöthiaen Daten über die Reuaufzunehmenden niederzuschreiben. Es herrschen die verschiedenartigsten Sprachen vor. Französisch, Deutsch. Hebräisch, Arabisch. Spanisch, bie und da Englisch, die meisten aber sprech'n Jargon, und es ist bewunderungswurdia zu hören, mit Webber Geläuttaleit die „Lcadmistref" alle diese Sprocken redet. Nebenbei gesagt dürfen die Kinder, sobald sie in die Schule eingetreten sind, sich nur noch der hebräischen und englischen Sprache beim Sprechen bedienen und die Schule ist als einziges jüdisches Institut bier bekannt, in der eine vollkommen joraonfreie Svrache herrscht. — Biele Eltern wissen nicht das Alter ihrer Kinder und viele Kinder nicht einmal ihre Namen. So antioortete eine Frau auf die Frage, wie ali ihr Kind fei «Geboren ist es in dem Johr. wo's geschneit bot in Jerusalem". — Ein kleines Madel, welchcs allein hereiukommt. .weiß nur, daß es' Guitle heißt, es sagt manchmal nennen es die Leute Ouittte ' Abraham und manchmal Quitte Georgy und nach vielem hin- und herrathen kommt heraus, daß es eigent- - lich Ben Jacobs heißt und daß-der erste der Name des Vaters und der zweite derjenige eines gewissen, weitverzweigten Stammes ist. So geht es den ganzen Morgen fort. Sevhardiin und Aschkenasim wechseln ab. Erstere sind kenntlich an der dunklen Farbe, die anderen an dem blonden Haar und hellen Augen. — Eine Frau kommt mit ihren zwei kleinen Mädchen herein, die sie anmelden will. Sic ist die Type der Mittheilsamen. Anstatt nur zu antworten, beginnt sie zu erzählen, wie sie zu ihrem Mann gekommen, wieviel Kinder sie hat, was sie schon gelitten, was sie täglich essen, wie sie sich durchschlagen muß und so geht es fort. Inzwischen ertönt immer diktatorisch die Stimme der Schreiberin: „Alter?" „Ach mei' Scheine, es ist kaum sechs Jahre alt, denn ich weiß noch wie heut — „Wohnung?" „Machem Jehuda, ma' hat zu gehe von hier e schön Stück Weg-." „Schulgeld?" „Ach, Gott soll mer beistehe, ich bin doch so e geschlagene Jüdene." Mit vieler Mühe gibt sie die Piastre 5.30 (ca. 85 Pfg.) die man den armen Leuten nur für das ganze Halbjahr abnimmt, und wofür die Kinder auch noch Hefte. Bücher und Schreibutensilien umsonst verabreicht bekommen, Endlich machte sie ihrer Nachfolgerin Platz. — Inzwischen hört man beständig den Lärm von unten heraufschallen. Manchmal kommt eine Schülerin, die ihr kleines Schwesterchen bringt, manche sind noch so klein, daß man sich fragt, ob man sie nur in den Kindergarten aufnehmen kann. Aber die ältere versichert immer: „O, sie ist schon so verständigt" — Aber wieviele Schilderungen wirklich. großen Elends man da zu hören bekommt! Wie manche Mutter mit ibrer .Kleinen, die mit großen begeisterten. bei den Orientalen häufig auffallend schönen Augen, ans das ihr geschenkte Bildchen blickt, hat heute noch leinen Bissen gegessen. Und darin leistet" unsere Schule Wunderbares, da sie nicht nur die Kinder lehrt, sie gibt auch noch den Allerärmsten und hauptsächlich den Waisenkindern Mittagstisch. Augenblicklich speisen in unseter Schule 150 Kinder. Aber leider kann sie nicht ihre Mildthätigkeit im ganzen nothigen Umfange walten lassen, da die Mittel nicht reichen, und für denjenigen, der wirklich Gutes thun will, ist hier der Wohlthätigkeit ein weites Feld geboten! So wird emsig bis zur Mittagszeit gearbeitet. Die Zahl 600. die nicht überschritten werden soll, ist erreicht. Niemand soll mehr vorgelassen werden. Ber- \ zweifelt und außer sich stehen die Leute draußen. Eine arme Frau jammert: Nun babe ich den ganzen Winter gespart um meine P. 5.30 Pesach bereit zu haben und nun will man mein Kind doch nicht einlassen! Man nimmt es noch. Ein armer jüdischer Polizist bittet 5o inständig, ferne drei Mädchen doch zu nehmen, er habe