Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 72-73 (8.9.1904)
- Date
- 1904-09-08
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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1545 ihrem Hirten dort oben vörüberziehen, und er sie prüft, ob sie geweidet haben nur auf seiner Weide, ob sie gefolgt sind nur stets seinem Hirtenstabe, hatten auch mich aufgerüttelt. — - Ganz so leicht ging es nun. doch nicht mit dem Aufstehen. Ick hatte und habe noch heute Gott sei Dank einen sehr gesunden festen Schlaf und wurde von dem Klingeln meiner Weckeruhr in der Regel nicht wach. Ich mußte daher zu einem vgenthümlichen Mittel greifen, um trotzdem rechtzeitig aufzustehen. Ich band mir Abends beim Zubettegehen eine Schnur um den Oberarm und hängte das freie Ende aus dem Fenster. so daß es ungefähr bis Manneshöbe zum Erdboden niederhing. Ein guter Freund, der in meiner Nähe wohnte, und der zu jeder Zeit früh auf den Beinen war. erwies mir den Liebesdienst und zog, wenn er zu Selichoth ging, an der Schnur so lange, bis ich am Fenster erschien und er die Gewißheit hatte, daß ich mich nicht noch einmal auf die andere Seite lege. An jenem Abend nun war ich frühzeitig zu Bette gegangen und hatte die Schnur an meinem Arm befestigt. Ueberwältigt von den Gedanken, die meine Brust erfüllten und ermüdet von dem weiten Spaziergang. war ich bald eingeschlafen. Ich mußte schon eine lange Zeit geschlafen haben, als plötzlich heftig an der Schnur gezerrt wurde. Ich eile an's Fenster, um hinauszuschanen, aber da ist niemand zu sehen und doch zerrt es und zerrt immer weiter und immer stärker, so daß ich mich nicht mehr festhalten kann. Es zerrt mich zum Fenster hinaus, aber anstatt auf die Straße zu stürzen, fühle ich mich mit gewaltiger Kraft nach oben gezogen und immer schneller und schneller geht's in rasendem Tempo nach oben. Vorbei an den höchsten ' Bergen immer weiter und weiter in die dunkle Nacht von einer unsichtbaren Macht .gezogen, vorbei an kreisenden Welten, vorbei an Planeten und Monden. Nur hier und da ein kurzes blitzartiges Aufflackern eines Himmelskörpers, das mich flüchtig die Gegend erkennen läßt, die ich durchrase, dann wieder tiefdunkle. undurchdringliche Nacht. Vor mir glaube ich ein Heulen und Wiehern, wie von Wölfen und Rossen zu hören. Sind es die Winde und Stürme, oder sind es die unsichtbaren Wesen, die mich durch den Weltenraum schleifen. Immer rasender wird der Lauf, immer furchtbarer das Geheul und Gewiehcr. so daß es schon einem donnerahnlichen Getöse gleicht. Ich verliere die Besinnung.- Da plötzlich höre ich meinen Namen rufen. Ich erwache und bin geblendet von einem Lichtmecr ringsum. Ich liege hinaekauert auf einem azurfarbenen Teppich, der sich bis in's Unendliche dehnt. Vor mir erhebt sich ein mächtiger Thron aus einem einzige« großen Saphirsteine gehauen, und von ibm gebt ein Strahlenglanz aus. der sein Licht in unermeßliche Räume hinauswirst. Ueber dem Throne steht ein wunderbarer Regenbogen, als ob die Thronesstrahlen sich in tausenden von Regentropfen brächen. Ich liege versunken da, in den Anblick von so viel Glanz und Herrlichkeit. Da ertönt mit furchtbarer Stimme zum zweiten Mal mein Name. Ich richte mich auf und erblicke zu beiden Seiten des Thrones zwei Schaarcn von Wesen von furchtbarer Größe und Gestalt. Die Weseg zur Rechten des Thrones haben die Gestalt von Menschen in überwältigender Größe, aber von vollkommener Schönheit. Die Wesen zur Linken des Thrones dagegen, haben das Aussehen von Thieren mit schrecklich verzerrten Fratzen, mit feurigen Augen. Sie schwingen Flammenschwerter in menschlichen Händen, und'ihr Anblick macht das Blut in meinen Adern erstarren. Ich erkenne sie, diese gräßlichen Gestalten, es sind die bösen Geister, die die Menschen zur Sünde hinleiten und ihn dann seiner Qual überlassen und Satan, der Hinderer an ihrer Spitze. Jetzt nimmt er zur Linken des Thrones Platz und schlägt ein Buch auf. Und aus der Schaar rechts vom Throne, es sind die guten Engel des Menschen — die ihn beschützen und beschirmen und ihn hinleiten zum Guten — tritt ein Engel hervor und stößt in die Posaune, ein markerschütternder Ton, und ruft dann mit gewaltiger Stimme, die mich beben und zittern macht, aus: „Heute ist der Tag des Gerichts, an welchem gedacht wird des Heeres der Höhen im Gericht! Denn nickt schuldlos sind sie in Deinen Augen vor Gericht. Und alle Weltbewohner ziehen vor Dir vorüber wie die Schafe der Heerde. Wie der Hirt seine Heerde mustert, unter dem Stab sein Schaf: hindurch ziehen läßt, so lässest Du vorüberziehen und zählst und wagst und musterst die Seele alles Lebenden, und theilst jeglichem Geschöpf sein Verdienst zu. und zeichnest auf den über sie ausgesprochenen Gerichtsbeschluß." Und der Engel tritt zurück und nimmt zur Rechten des Thrones Platz und schlägt ebenfalls ein Buch auf. Und aus der Mitte des Thrones wird eine Stimme von unendlichem Wohlklange vernehmbar, von außerordentlicher Stärke und doch dem Ohre angenehm, und sie spricht: „Menschensohn, was waren Deine Thaten?" Und eine schreckliche, markerschütternde Stimme tönt aus dem Buche, das der Engel links vom Throne hält und spricht: „Sündig waren meine Thaten und schlecht, ich habe gesündigt mit allen meinen Gliedern, mit meinem ganzen Körper. Du hast mir Verstand gegeben. um Gutes zu sinnen und mich in die Lehren Deiner Thora zu vertiefen, und ich habe auf Schlechtes und Verworfenes. Verrath und Trug gesonnen. Du hast mir Augen geschaffen, nm alles Schöne und Gute zu sehen und hast mich gewarnt, „weiche nickt vom Guten ab, Deinen Augen nach." und ich habe nur Schlechtem und Unlauterm nachgeschaut. Du hall mir einen Mund geschaffen und mir die göttliche Fähigkeit des Sprechens gegeben, die den Menschen vom Thiere