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Der Israelit · 1904-09-08 · Heft 72-73 (8.9.1904) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 72-73 (8.9.1904)
Date
1904-09-08
Page
– (sequence 26)
Language
German
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1544 WnaLe. Lin Lrlebniß aus den ^elicholtagen. Ich wohnte damals in B. in der Sch-vsiz. — Die mächtigen Naturerscheinungen, die gewaltigen mit ewigem Schnee bedeckten Alpen, die furchtbaren Gletscher, die brausenden Sturzbäche, vor denen der Mensch in starrer Bewunderung steht, lasten eine Ahnung in die Brust eines Jeden fallen, von der unendlichen Größe und Allmacht Gottes. Wie eine Offenbarung überkommt es selbst den Ungläubigsten, und er neigt demiithig sein Knie vor dem Meister und Schöpfer dieses Alls und betete ihn an. Daher mag es kommen, daß das Schweizer Volk, trotz seiner Freiheits- und Gleichheilsprinzipien, die in anderen Ländern die Leugnung einer göttlichen Waltung bewirkt haben, ein religiöses und gottgläubiges Volk geblieben ist. Wenn nun die Anschauung dieser wunderbaren Schöpfung schon die Allmenschheit in Gott den AUschöpfer erkennen läßt, welch' hehre Gedanken müssen diese gigantischen Erscheinungen erst in der Brust eines Juden wachrufen! Er bedarf nicht erst der vermittelnden Sprache der Natur, er hat am Sinai gesehen und dort ist es ihm zur unwandelbaren lieber- Zeugung geworden, daß Gott nicht allein der Schöpfer und Lenker dieses Weltalls ist, der in seiner Liebe die Geschicke der Menschheit gestaltet, daß er auch in waltender Gerechtigkeit über unsere Handlungen wacht, und die Unterordnung unseres Geistes und unserer Thatkraft unter seinen Willen fordert. Dem Juden sind diese zum Himmel strebenden Bergesriesen nicht nur ein Hinaufweis zu Gott, sie sind ihm auch beispielgebende G o t t e s d i e n e r, die ' ihn lehren, wie er seine Aufgabe, seinen Menschenberuf zu erfüllen habe. Der Jude sieht in diesen „Höhen der Erde" nichts anderes als die zum Himmel emporstrebende Erde, und sie sind ihm ein Sporn auch seine „Adomoh", das Irdische in ihm, zum Göttlichen emporzuheben, aus daß er „Odom" werde. Diese Gedanken waren es. welche auch heute, und heute durchdringender als sonst, meine Brust erfüllen. Es war ein herrlicher Spätherbsttag. Die Sonn: hatte die Nebel, welche am Vormittag über dem Thale gelegen hatten, siegreich durchbrochen und strahlte nun in voller Pracht auf die herbstliche Erde und auf die Menschen mit ihren Herbstgedanken, als wollte sie dieselben trösten: Trauert nicht, wenn auch trübe Nebel mein Licht verschleiern, ich durchbreche sie. und werde auch in eure Brust mein segensvendendes Licht wieder ergießen. Ich hatte einen Spaziergang in die umliegenden Berge gemacht, und trat eben aus einem Dickicht heraus auf eine vorspringende Felsplatte, als ich geblendet stehen blieb. Vor. mir breitete sich in majestätischer Größe von der Sonne bestrahlt, wie aus reinem Silber getrieben eine wunderbare Alpenlandschast aus. Die Schneespitzen hoben sich noch klarer und reiner wie durchsichtiger Krystall von den tiefergelegenen Partien ab. Nur in jenen höchsten Regionen ist solche krystallne Klarheit und Reinheit zu finden, sagte ich mir, nur wenn der Mensch nach eifrigem und muthigem Streben auf jenen höchsten Stufen angelangt ist. und seinen Geist und seinen Leib von jeglicher irdischen Schlacke befreit hat, dann erst hat er vollkommene Lauterkeit erworben, dann erst leuchtet er wie diese ewigklaren Bergesspitzen. — „Hinauf! Hinauf!" rief es in mir, „bahne den Weg. räume hinweg das Strauchelwerk aus diesem aufwärtsführenden Pfade." „Aber was ist es. was deinen Fuß hemmt, was.dich wie mit eisernen Klammern am Boden halt? Deine Vergangenheit! Die Folgen deiner Vergangenheit! Du hast in irdischem Schlamme gewühlt, um irdische Schätze und Güter zu sammeln, und bist nun bis zum Halse darin versunken! Hinauf, hinauf! Nimm alle Kraft zusammen, wirf ab den Schmutz, den du auf deinen Leib geladen, reinige dich, läutere dich, werde jenen Bergen gleich, die dort vor dir in krystaüner Klarheit erstrahlen. Und willst du, dann hilft dir der Allmächtige, denn, so hoch und heilig er thront, so ist er nahe dem Zerknirschten; und belebt das Gemiith des Temüthigen, damit er Muth faste, wieder hinaufzustcigen zu jenen lichten Höhn." Unter der Wucht dieser Gedanken war ich wie belaubt hingesunken, und als ich wieder erwachte, war das herrliche Bild verschwunden. Die Sonne war bereits hinter den Bergen untergegangen und die Dämmerung lagerte sich über das Thal. Ich raffte mich auf, und stieg mit eilenden Schritten den Berg hinab, damit ich noch vor Einbruch völliger Nacht unten anlange. Es war ja in der Selichoth-Woche. da hieß es früh zu Bette geben, damit man Morgens zeitig zu Selichoth in Schul ist. Und mir fiel es doppelt schwer, ^ch war fein starker Aufsteher, man konnte von mir gerade nicht behaupten. daß ich „wie ein Löwe aufstehe, um den Willen meines Schöpfers zu erfüllen." Ich drehte mich viel lieber noch einmal auf die andere Seite und kam, wenn es gut ging, noch gerade zu Keduschrh in Schul. Aber der Ernst der Selichothtage hatte auch mich umgewandelt, die Schofartöne. die schon seit Wochen an den Tag des Gerichtes erinnerten, an dem alle Erdenbewohner, wie eine Herde Schafe an

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