Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 72-73 (8.9.1904)
- Date
- 1904-09-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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15?S vollständig gebrochen. Nur ihre Sprache war noch wie früher. Sie gewahrte den Eindruck, den ihr Anblick auf ihn gemacht und wollte ihn nützen. „Sie sehen eine Unglückliche vor sich. Herr Doktor, die ihr schweres, unverdientes Schicksal um so schwerer, um so schmerzlicher empfindet, als es ' die eigenen Kinder sind, die es ihr zugefügt. — O. die Undankbaren! — Wenn ich bedenke, was alles ich ihnen geopfert — davon haben Sie keinen Begriff, Herr Doktor —* „Vielleicht doch," versetzte Mar kühl, „wenigstens weiß ich, daß Sie die Absicht hatten. Ihren Söhnen das Leben Ihrer Tochter zu opfern." Frau Grünwald ächzte laut. ,.O. du mein Erlöser! — das werfen Sie mir noch heute vor! — Können Sie denn nicht vergessen? —" „Nun. dergleichen läßt sich nicht vergessen. Und wenn ich auch mit Bestimmtheit weiß, daß Frieda Ihnen längst vergeben hat. so weiß ich doch mit gleicher j Bestimmtheit, daß sie es nicht vergessen hat. nicht verj gessen haben kann. Darum habe ich ihr Ihren Brief! nicht übergeben und werde auch nicht zugeben, daß sie in irgend welchen persönlichen Kontakt mit Ihnen tritt. Sagen Sie mir, was Sie von Ihrer Tochter verlangen wollten, vielleicht können wir uns darüber einigen." Frau Grünwald warf einen lauernden Blick auf den kühlen Sprecher. „Ich könnte Ihnen das Recht bestreiten, sich zwischen Mutter und Kind zu drängen." „Bestreiten können Sie es, aber es wird Ihnen nichts nützen, das Recht kenne ich. es ist auf meiner Seite. Aber meine Zeit ist beschränkt. Sagen Sie mir, was Sie beanspruchen und ich will sehen, was sich thun läßt." Frau Grünwald athmete schwer auf. „Ich bin eine durch das Unglück gebrochene Frau, meine Ansprüche an das Leben sind dahin, all mein Sinnen geht dahin, an einem heiligen Ort in ruhiger Beschaulichkeit meine Tage zu beschließen. Geben Sie nur einige Tausend Gulden, die ich einem Kloster als Mit. gift zubringen könnte, so werde ich Sie segnen." „Darauf verzichte ich," entgegnete Max achselzuckend. „und für's Kloster habe ich kein Geld. Doch ich werde Frieda's Mutter nicht darben lassen und erbiete mich daher bei Ihnen, bei einer anständigen jüdischen Familie, die für alle Ihre Bedürfnisse zu sorgen hatte eine anständige Wohnung zu miethen. Sind Sie damit einverstanden, so sind Sie versorgt." Frau Grünwald war im ersten Moment sprachlos. vor Entsetzen, daß man ihr mit solch' abgefeimtem Vorschläge kommen könne. Lieber wolle sie auf der Straße schlafen als bei schmutzigen Juden und lieber verhungern als elende Iudenkost genießen. Sie schrie so laut, daß die Rekonvaleszenten voll Neugierde und Schrecken zusammenliefen, das Schreien und Schimpfen der im Moment in Wirklichkeit Unzurechnungsfähigen wollte kein Ende nehmen. Max verließ das Krankenhaus, nachdem er eine der Pflegerinnen ersucht hatte, so bald die Lärmende sich beruhigt haben würde, derselben zu sagen, daß er sein Anerbieten aufrecht halte und jederzeit bereit sein werde, in der angegebenen Weise für sie zu sorgen. Von Tag zu Tag erwartete er Nachricht von ihr und begann bereits zu fürchten, daß sie seiner Frau solche zukommen lassen könne. Doch nach einigen Tagen, als er zufällig das Verzeichniß, der in dem allgemeinen Krankenhaus Gestorbenen sah, las er auch den Namen Frau Aurelie Grünwald Wwe. Als Todesursache war Herzschlag angegeben. Die maßlose Aufregung, die sinnlose Wuth über seinen Vorschlag hatte die Katastrophe herbeigeführt. Das unbotmäßige Herz hatte aufgehört zu schlagen. Kein Leidtragender folgte ihrem Särge, keine Thräne wurde wegen ihres Hinscheidens geweint, kein Priester las auch nur eine einzige Messe für das Heil ihrer Seele. Von ihren Söhnen wurde in der Heimath nie wieder gehört. Der „Israelit" erscheint v/bedenlllol» «wetmal, Montana and Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis pro Bicrteljahr bei der Bost 3 Mark ohne Bestellgeld. ÄLsland entsprechend höher. Man abonnirt aanzjährlich, halbjährlich oder vierteljährlich. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an — Der Buchhandel verkehrt durch G. ASlrinackrr, Dcipng, Rotzplah J6. — Inserate 25 Pfennig die viergcspaÜene Nonpareillezcile oder deren Raum. Preis der Zeile im Reclamcthcil 75 Pfennig. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 16 Kronen österr., för's AsÄand 16 Mark an die Expedition franco einsenden. Postzeitungsliste 3932. Telephon 1015. ' Anhalt iHauptblatN: Schofartöne. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berti«. Bremen. — Lseuilleta» Wahrheit und Dichtung iSchlub). _ _ , v oJv t Ä oeuiueion Inhalt tn «cm 0*11*5*; Die Weihe der neuen Snnagoge in der Adast-ISroel-Gemeinde zu Berlin. — Zeitungsnachrichten u. Correspondenzen: Deutschland: Recklinghausen. Mnte,i»>erg. Schweiz: Basel. — Vermischtes. Inhalt der 0-N55-: DeS Jabres Scheldrgrüve tschlnh). - Zeitungsnachrichten und Correspondenzen-. Deutschland : Recklinghausen. Oesterreich: Wieir. Amerika: Nerv'Uork. Crüec«: n"oin rroS rv — Gnade. — Der Aufnahmetag. , Cätccef/.:',» L:;sc-i«: War wir uns dabei denken. — Zur Steuer der Wahrheit. Spenden-Lsrzeichniste. — Luach. ' Lrrantwortlichr Eebcetion: OScar Lehmann tn L^aknz. — Expedition deS „DSraeUt". SchstKraße Druck und Lrrlag der 3 ob. Qtrtft'TCsa Hosbuchdruckeret Actien^esellschaft in Balm, ' ' " . CJ^ti sechs Lrilsg««.