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Der Israelit · 1904-09-08 · Heft 72-73 (8.9.1904) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 72-73 (8.9.1904)
Date
1904-09-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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lasse keinen Zweifel an der Identität der Leiche aufkommen, die ein intimer Freund des Verstorbenen agnoszirt habe. Da Keßler als leidenschaftlicher Tourist bekannt war, so wurde sein vorzeitiges Ende allerdings allgemein beklagt, doch von Niemanden in Zweifel gezogen. Nur Frieda behauptete, sie könne nicht daran glauben, daß ein so besonnener, kaltblütiger Mann wie der Professor in dieser Weise hatte verunglücken können; denn nach dem Ort, an dem man seine Leiche gefunden, mußte er ohne Führer eine geradezu halsbrecherische Tour unternommen haben. Oft erinnerte sie den Gatten auch an die letzten Worte, die Keßler an ihrem Hochzeitstage zu ihnen gesprochen hatte. Und je mehr sie über diese Worte nachdachte, je mehr betrachtete sie dieselben als Ausfluß aufrichtiger Reue. Dem stimmte auch Max zu. doch während Frieda im Hinblick darauf sein Ableben bezweifelte, glaubte Max in denselben wenn nicht Bestätigung, so doch Erklärung desselben zu finden. Er sprach aber diese Ansicht nicht aus. Doch nach einigen Wochen kam er eines Tages zu ungewöhnlicher Zeit aus seiner Kanzlei nach Hause. Zuerst erstaunt, dann aber beruhigt sah seine Frau zu ihm auf. „Du bist schon zu Hause, Max — Du fühlst Dich doch nicht unwohl?" „Sei unbesorgt, Liebling, ich fühle mich ganz wohl. Aber ich glaube, erfreuliche Nachrichten für Dich zu haben, da wollte ich nicht zögern, sie Dir zu überbringen. Schau her. kennst Du die Handschrift?" „Das ist meines Vormunds Schrift!" rief sie freudig. „Gott sei Dank! Da ist er doch nicht verunglückt." Hastig entfaltete sie den Brief, den ihr Gatte ihr reichte und las: N e w y o r k. 18. November 18 . . Lieb; Frieda! Soeben lese ich in einem deutschen Blatte von der Beisetzung der Leiche des im Hochgebirge verunglückten Professor Keßler. Es drängt mich. Ihnen mitzutheilen, daß ich mich trotzdem des besten Wohlseins erfreue und mich so glücklich fühle, wir ich nie mehr zu hoffen gewagt. Seit Ihren Kinderjahren haben Sie. liebe Frieda, mein lebhaftes Interesse erregt und durch unseren Verkehr in den letzten drei Jahren schmeichle ich mir. Ihnen nicht ganz gleichgültig zu sein und daß Sie die Nachricht von meinem Wohlergehen mit Freuden begrüßen werden. Ohne Zweifel werden Sie sich der letzten Worte erinnern, die ich an Ihrem Hochzeitstage zu Ihnen gesprochen und Sie werden aus denselben erkannt staben, daß das Bewußtsein meines Frevels mich schmerzlich drückte. Gern wäre ich in Eurova öffentlich zum Iudenthum zurückgctreten, doch das war nicht rathsam, denn es wäre unmöglich gewesen, meine Frau zur Trennung unserer Ehe zu bewegen, und an ihrer Seite ein gesehestreues Leben zu führen, wäre mir unmöglich gewesen. Ein solches führe ich jetzt und tverde es immer führen, das habe ich an den Gräbern meiner Eltern gelobt. Dort an jener geheiligten Statte habe ich auch die Lebensgefährtin gefunden, die der Wunsch der Heimgegangenen dereinst mir bestimmt; ich glaube, Ihnen von meiner Cousine Erna einigemal gesprochen zu haben, daher wissen Sie, daß sie in der Hauptsache Ihnen gleicht. Für Europa bin ich todt. doch hier in der neuen Welt habe ich ein neues Leben begonnen, geheiligt durch die alten Lehren, die fortan die Richtschnur meines Seins bilden. Leben Sie tvohl, liebe Frieda, und lassen Sie unter beigeschlossener Adresse recht bald Gutes von sich hören. Meine theure Erna läßt Sie herzlichst grüßen. Grüßen auch Sie Ihren Herrn Gemahl und seien Sie selbst freundschaftlichst gegrüßt von Ihrem ergebenen Keßler." „Nun," sagte Erna, froh erregt zu dem Galten cmporblickend, „habe ich's nicht immer gesagt? — Altmeister Göthe hat doch recht: was der Verstand der Verständigen nicht sieht, das sieht in seiner Einfalt ein kindlich Gemllth. Ein bischen anders hat er's zwar gesagt, aber das macht nichts." Jahre schwanden dahin, ohne daß Max und Frieda es gewahrten, denn dem Glücklichen schlägt keine Stunde. Und sie waren glücklich mit und durch einander, schöne gutgeartete Kinder erhöhten ihr Glück. Da erhielt Max eines Tages ein an Frau Dr. Müller adressirtes Schreiben aus dem Allgemeinen Krankenhaus. Er hatte noch nie einen an seine Frau gerichteten Brief geöffnet, aber er konnte sich nicht entschließen, ihr diesen ohne Weiteres zu übergeben. Die Handschrift, eine ausgeschriebene Damenschrift, war ihm fremd, doch eine ZuschM ans dem Krankenhaus konnte schwerlich Erfreuliches bringen. So entschloß er sich denn, den Brief zu öffnen und er war froh, daß er es gethan. Der Brief war von seiner Schwiegermutter, die ihrer Tochter mittheilte, daß sie durch den Leichtsinn ihrer Söhne um ihr Vermögen gekommen, sg daß sie, von schwerer Krankheit befallen, sich habe entschließen müssen, sich in das Krankenhaus bringen zu lassen. Jetzt wäre sie nahezu genesen und sehe in den nächsten Tagen ihrer Entlassung aus dem Hospital entgegen. Sie wäre jedoch vollständig subsistenzlos; doch halte sie es für unmöglich, daß Frieda die Mutter darben lassen könne und sehe ihrem baldigen Besuche entgegen. Max warf den Brief in's Feuer, Friedsollt» nichts davon erfahren, er selbst begab sich noch am selben Tage in das Krankenhaus. So wenig Sympathie ihm die Mutter seiner Frau von jeher eingefl'ößt, so fühlte er sich doch erschüttert als er sie erblickte. Das Haar der noch nicht Fünfzigjährigen war filberweiß, ihr einst so volles frisches Gesicht war gelb und schmal und faltig, ihre einst so stolze Haltung schien

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