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Der Israelit · 1904-09-08 · Heft 72-73 (8.9.1904) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 72-73 (8.9.1904)
Date
1904-09-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1621 drei Jahrzehnte hindurch gottesdienstlichen Zwecken diente, in eine neue, prächtige Andachtstätte in der Artilleriestraße überführen konnte. Die Einweihung der Synagoge Rykestraße, welche im Nordosten Berlins zwischen Schönhauser- und Prenzlauerallee gelegen ist, fand heute Mittag 12 Uhr in feierlicher Weise statt. Weit über die Zahl der Besucher hinaus, die sie bestimmungsgemäß fassen soll, war die Synagoge von einer festlich gekleideten Menge gefüllt und sehr groß war die Schaar der draußen Harrenden, die vergeblich Einlaß begehrten. Seitens der Stadt waren die Herren Stadtverordneten-Vorsteher Dr. Langerhans, Vorsteher-Stellvertreter Dr. Michelet, Justizrath Cassel, Stadtschulrath Mi ch a e l i s, Professor Glatzel und Stadtverordneter G i e s e erschienen, das Polizeipräsidium war durch zwei Polizeihauptleute vertreten. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde hatte sich fast vollzählig eingefunden, ebenso waren die Mitglieder des Repräsentantenkollegiums und verschiedener Derwaltungskommissionen in stattlicher Zahl zur Stelle. Mit dem vom Tonkünstlerorchester intonirten D-dur Präludium von Händel setzte die Feier ein. Alsdann wurden unter den Klängen des Matauwu die sechs Thorarollen in die Synagoge gebracht und mit den üblichen zeremoniellen Gebräuchen, die Cantor S t a b i n s k i mit kräftiger, wohltönender Stimme leitete, das Oeffnen und Schließen der heiligen Lade vollzogen. Rabbiner Dr. Eschelbacher entzündete daraus das ewige Licht und sprach das Weihcgebet. in welchem er dem heißen Danke Ausdruck gab, daß es der Gemeinde beschieden sei, dem alten Glauben eine neue Stätte zu schaffen, und den Wunsch aussprach, daß dieser Glaube in dem neuen Hause wirken möge zu voller Kraft, und Heil und Segen von ihm ausströme. Nachdem alsdann der Chor den Psalm 100 gesungen, hielt Rabbiner Dr. Rosenzweig die Festpredigt. der er die Worte Davids (i. Buch der Chronik, Kap. 16) unterlegte: „Rühmt seines heiligen Namens: es freue sich das Herz derer, die da suchen den Ewigen. Suchet den Ewigen und seine Macht, suchet sein Antlitz immerdar. Gedenket seiner Wunder, die er gethan, seiner Wunder und der Rechte seines Mundes." In wohldnrchdachter Rede erörterte er an der Hand dieses Textes zunächst die Bedeutung und Berechtigung des Gotteshauses, welche sich als eine Folge der menschlichen Natur ergib», da das an Leid gekettete Menschenleben allerzeit einer Kraft bedürftig bleiben wird, die es hebt über das schattenhafte Menschendasein, und schloß daran die Bedeutung und Berechtigung des jüdischen Gotteshauses, das zwar geweiht ist der Erhaltung der jüdischen Eigenart, aber als letztes Ziel und als Hochgedanken doch verkünden soll das Gemeinschaftsleben der Menschheit, die durch Liebe und Frieden geeinte Menschheit, dessen Kern ist, nicht nur treue Israeliten. sondern auch gute und edle Menschen zu erziehen. Der Chor sang darauf den von seinem bewährten Dirigenten, Herrn Alexander Weinbaum, instrumentirten Psalm 24, dann folgte das Gebet für Kaiser und Reich und zum Schluß der Sulzer'sche Psalm 150, der ebenfalls von Herrn W e i n b a u m für Männerchor umgesetzi worden ist. Die Chorgesänge wurden von dem 40 Mitglieder zählenden Chor sämmtlich mit liebevoller Hingabe und musikalischer Präzision ausgeführt. In trefflicher Weise wurde der Chor dabei von dem Tonkünstler-Orchester unterstützt, und die Wirkung der musikalischen Darbietungen war eine um so glanzvollere, als in der neuen Andachtsstätte die Akustik zu prachtvoller Entfaltung gelangt. 'Die Synagoge Rykestraße ist innerhalb eines Jahres durch die jüdische Gemeinde in eigener Regie erbaut worden. Das Grundstück, auf dem der Vau errichtet ist, hat nur eine schmale Straßenfront, während das Hinterland bedeutende Abmessungen hat. An der Straßenfront ist ein stattliches Schulgebäude für die VII. Religionsschule der jüdischen Gemeinde errichtet, das in fünf Etagen acht Klassen für etwa vierhundert Kinder und die erforderliche Dienstwohnungen und Nebenräume bietet. Zwei breite, mit kostbaren mit durchtriebener Bronze beschlagenen Eingangsportalen versehene Durchfahrten, die durch zwei Stockwerke reichen, führen auf den geräumigen Vorhof, an den die Synagoge sich anschließt. Diese Anordnung bietet den großen Vortheil, daß der Hauptverkehr von und zur Synagoge dem Straßenverkehr entzogen ist und auch der Gottesdienst nicht unter störenden Straßenzeräuschen zu leiden hat. Die Fassaden, der Synagoge sowohl wie des Vorderhauses, sind in märkischen Backsteinformen durchgeführt, nur wenige Formsteine sind hierbei verwendet; eine Belebung der Flächen ist durch Anwendung geputzter Flächen erzielt, die gerade im Verein mit der kräftigen Backsteingliederung dem Auge eine angenehme Abwechslung darbieten. Einige an der Synagogenfassade besonders hervortretende Zierglieder sind in dunklen Basaltsteinett ausgeführt. Der Synagoge ist eine geräumige Halle vorgelagert, von der aus zwei Thüren zur Männersynagoge resp. zu den Frauenemporen führen. Der Synagogen-Jnnenraum, der in romanischem Stil gehalten ist und die Form einer Basilika zeigt, birgt im Erdgeschoß tausend Männerplätze. auf der Empore dir gleiche Anzahl Frauenplätze. Viereckige Sandsteinpfeiler tragen die Mittelwände. die über die Seitenschiffe hochgeführt sind. Eine flache Holzdecke mit reicher polychromer Bemalung überspannt das Mittelschiff und die seitlichen Emporen. An der Ostwand befindet sich der Chorbau, an der Westwand große Bogenfenster mit Glasmalerei. Durch rings herum angeordnete Oberlichtse'nster fällt das Tageslicht hinein, die Beleuchtung der Synagoge erfolgt in reichlicher Weise durch elektrisches Licht, das von sechs

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