Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 71 (5.9.1904)
- Date
- 1904-09-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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45. Jahrgang. rilage zu M 71 des $n$ Mtchm in fcino ßMMen. Von Dr. Hermann Klein. (Fortsetzung?) Mainz, im Elul. Die Tradition, die ununterbrochene Kette der Ucberlieferung ist also für uns Juden das entscheidende Moment und der abschließende Beweis für das Dasein Gottes. Diese Tradition hat das jüdische Voll erhalten als den Träger des Gottesgedanlens, und dieser Gedanke hat es getragen durch alle Zeiten hindurch. Die Macht des jüdischen Volkes ist nicht der gewaltige Arm, nicht die siegreiche Rechte, nicht das scharfe Schwert und nicht der treffende Pfeil; seine Macht ist sein Gott, seine Kraft ist der Geist Gottes und seine Stärke der Glaube an die Lehre. Dieser Glaube ist kein blinder, er steht nicht im Gegensatz zum Wiffen, er ist vielmehr das Ergebniß des wahren Wiffens und als solches auch grundlegend für alles Forschen und Erkennen. Ohne diese Grundlage stünden wir auf einem Gebirgspaß mitten in wirbelndem Schnee und blendendem.Nebel, durch den wir dann und wann einen flüchtigen Blick erhaschen würden auf Pfade, die trügerisch sind. Bleiben wir stehen, so erfrieren wir, schlagen wir einen falschen Weg em, so werden wir zerschmettert. — Nichts hat so zersetzend auf die ganze Gedankenarbeit des jüdischen Volkes gewirkt als der unglückselige Wahn, den man uns langsam beibrachte, daß wir nur einen Glauben aber kein Wiffen haben. Diese Trennung von sog. Glaubenswahrheiten und wissenschaftlichen Wahrheiten wirkte wie schleichendes Gift und vergiftete unsere ganze Denkthätigkeit. Tie von Schwachköpfen erfundene und von Heuchlern aufgegriisene Formel der „zwiefachen Wahrheit" eroberte sich auch einen ganz ausgedehnten Kreis des denkenden jüdischen Volkes, der dann anstatt einer doppelten Wahrheit tausendfache Lügen zu Tage förderte. Hält eine Wahrheit vor dem Forum des Denkens nicht Stand, so ist sie keine. — nurist nicht immer unser Denken das richtige Forum. Es ist beschämend für uns, daß wir es so oft betonen müssen, daß die angeblichen wissenschaftlichen Wahrheiten, wenn sie solche sind, niemals im Gegensatz zu den uns überlieferten Wahrheiten stehen können. Nur darf man nicht Alles als Wahrheiten hinnehmen, was man einem unter diesem Titel reicht. Es fehlt noch immer die richtige Schutzmarke. Man sehe sich doch nur ein ganz klein wenig in der Geschichte des menschlichen Denkens um. Die *) Siehe Nr. 62 dsS. Jahrgang«. Zeitgenossen eines Thales schwuren auf die Wahrheiten. die ihnen dieser weise Mann in seiner orakelhaften Art offenbarte. Vierzig Jahre später zuckte man lächelnd die Achseln über das kindische und unreife Denken desselben Mannes, den das verstorbene Geschlecht als den Weisesten aller Sterblichen verehrte. Die Pythagoräer beherrschten eine längere Zeit hindurch das menschliche Denken, bis dann ein neues Geschlecht aufstand und dem ganzen menschlichen Denken eine andere Richtung gab. Und genau so erging es der Philosophie eines Plato, genau so dem systematischen und gründlichen Welterklärungsversuche eines Aristoteles, genau so den geistreichen Deduktionen der Stoiker u. s. w. Diese Wahrheiten waren Tageswahrheiten; sie erstanden in der Zeit und verschwanden mit ihr. Und wenn wir uns heute in der wissenschaftlichen Welt umsehcn, so erleben wir dasselbe Schauspiel. Der Eine baut auf, der Andere zerstört — und diese Ergebnisse menschlichen Denkens sollten wir als gleichberechtige Rivalen der ewigen, feststehenden und unumstößlichen Wahrheiten anerkennen? Diese geistreichen Spielereien mit Worten, hinter denen selten Vtgriffe zu finden sind, sollten Faktoren sein, gegen die wir unsere Wahrheiten erst vertheidigen müßten? Es ist ein Jammer, daß man es zugegeben hat, daß eine derartige Vertauschung der Rollen stattfinde und noch ein größerer Jammer, daß man dies Alles in Ordnung findet. Anstatt, daß?ie ewigen Wahrheiten, der Maßstab sein sollten, an dem ein jeder neue Gedanke gemessen werden sollte, anstatt, daß die geoffenbarten Lehren der Prüfstein sein sollten, an dem eine jede neue Lehre auf ihre Echtheit und ihren Wahrheitsgehalt hin geprüft werden sollte, hat man die Erfindungen und momentanen Eingebungen der Menschen zu Richtern gemacht. Diese Scheinwahrheilen haben den Richterstuhl usurpirt und sie gebärden sich auch wie die richtigen Parvenüs. Kommt nun irgend ein Mensch und legt im Namen der Wahrheit und des Rechts Protest gegen diese Usurpation ein. so wird er als Feind der Wahrheit und des Fortschritts verschrieen. Wir lassen uns aber durch dieses Geschrei nicht beirren und werden es niemals zugestehen, daß die uralten, ewigen Wahrheiten, wie sie uns offenbart sind, keine sind, wenn sie von einem Richterkollegium, das keinen Rechtstitel auf diese Stellung hat, verdammt werden. Wir werden vielmehr alle neue Gedanken an der Hand der alten prüfen und nur denen Berechtigung zusprechen, die Auszweigungen und Ergebnisse der alten ewigen Wahrheiten sind. -Doch kehren wir zu unserem Thema zurück. Die Gottgeofsenbarte Lehre ist der Anfang und daS Ende alles jüdischen Wissens und aller jüdischen Weisheit. Sie ist das ewig frische Mark in seinen Adern, der