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Der Israelit · 1904-09-05 · Heft 71 (5.9.1904) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 71 (5.9.1904)
Date
1904-09-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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zeichen des Vermißten. Der Graf war selber nach Tiszafürd gereist, hatte dort festgestellt, daß Ignatius nach Sziget geritten sei, dort aber war er nicht angekommen; er mußte auf dem Wege, der vielfach an der wildschäumenden Theiß dahin führt, verunglückt sein. Alle Aemter und Gerichte des Landes wurden von dem Fall in Kenntniß gesetzt, eine Belohnung von fünfzigtausend Gulden wurde demjenigen zugesagt, der über den Vermißten zuverlässige Nachrichten geben könne. Trotz dieser hohen Summe meldete stch NiemaNd. — Der Graf dachte zuerst wieder an die Juden, aber die Gräfin erklärte diesen Gedanken ihres Mannes als eine alte Marotte, als eine unheilbare fixe Idee, die schon deßhalb sehr bedenklich sei, weil sie die Aufmerksamkeit nur auf einen Punkt lenke und sie von allen anderen Möglichkeiten abziehe. «Die Inden hätten uns nur heimgezahlt, was wir an ihnen verschuldet haben/ bemerkte der Graf. „Wenn es einen Gott gibt, der mit dem Maße wiedermißt, mit dem wir vorher gemessen, so finde ich darin gar nichts absonderliches. Ist es nicht auffallend, daß Ignatius' Eltern niemals etwas von sich hören ließen? Wenn sie ihn in eine Falle gelockt und ihn uns tveggefangen Hütten?" «Unser Unglück macht Dich kindisch," erwiderte die Gräfin „Daß der frühere Arendar nie etwas von sich hören ließ, das kann Dich doch wahrlich nicht Wunder nehmen Du hättest ihm ja zu dem Sohne noch das Leben genommen, angeblich, weil er die Schuldhaft gebrochen hat, in Wirklichkeit aber, damit der Einzige, der Anspruch auf Ignatius hat. aus dem Wege geräumt sei. Dabei müßte ich es noch für ein Glück halten, wenn ihn sein Vater geholt hätte, denn dann wußte ich sicher, erstens, daß er noch lebte, und zweitens, daß er kein Mittel unversucht lassen wird, wieder zu uns und in den Schooß der Kirche zurück zu kommen." «Wenn ich jetzt nur wenigstens wüßte wo unser Arendar wäre, ich würde ihm gewiß kein Haar krümmen, wenn nur Ignatius lebt." bemerkte finster brütend der Graf. «Wenn Du ihn damals nicht gefunden hast, so wirst Du ihn nach siebenzehn Jahren gewiß nicht finden, selbst wenn er noch am Leben sein sollte. Schlage Dir doch diese Grillen aus dem Kopfe!" erwiderte die Gräfin. Während sich in dieser und ähnlicher Weise der Graf und die Gräfin täglich gegenseitig ihre alten Tage verbitterten, war Ignatius, nachdem er in der verabredeten Weise von Tisza Füred die Richtung nach Krakau eingeschlagen hatte, am fünften Tage daselbst bei Herrn Jaffe angekommen. Zwei Tage später hatte ihn dieser in geschlossenem Wagen zu Rabbi Elimelech gebracht, so daß Ignatius in dem Hause schon drei Tage geborgen war, bevor sein Pflegevater ihn nur vermißt hatte. Der Rabbi entbot dem Jüngling in herzlicher Weise den Friedensgrnß und führte ihn, nachdem sich Herr Jaffe verabschiedet hatte, in die große «Lernstube" — so nannte man damals das Studierzimmer schloß dieselbe ab und sagte dem Jüngling: „Sei mir nochmals willkommen, ' Josef den Mosche! Ich danke Gott aus ganzer Seele, daß er mich gewürdigt hat. Dich wieder unserer Emuno (Religion) zuzuführen. Deinem Vater und Deiner Mutter bist Du in zartem Alter entrissen worden,' von Deinen zweiten Eltern hast Du Dich selber losgerissen und hast allen Ehren und Reichthümern entsagt, um als Jude leben zu können. Das ist eine große That und zwar ist sie um so größer, je kleiner sie Dir erscheint. Ich lebe der Zuversicht, daß Du Deine ersten, eigentlichen Eltern mit Gottes Gnade wiederfinden wirst; bis Du sie gefunden, will ich sie Dir zu ersetzen suchen. Ich will Dir'Vater und Lehrer sein und mein Haus soll Dir als Elternhaus gelten. Ich habe gar kein wichtigeres Geschäft als Deine Erziehung und Ausbildung. Gehe jetzt auf Dein Zimmer und erhole Dich von den Mühen der Reise, dann, nachdem Du Dich durch Speise und Trank gestärkt hast, wollen wir weiter zusammen sprechen,". Der Jüngling hatte noch nie in einem Menschenantlitz so viel Weisheit und Herzensgute, solche Lauterkeit der Gesinnung und so viel leutselige Bescheidenheit vereinigt gefunden, als in demjenigen des greisen Patriarchen. Der Eindruck der wenigen schlichten Worte war ein so überwältigender, daß er, versunken in den Anblick des Greises, ganz vergaß seiner Aufforderung Folge zu leisten. «Hast Du noch einen Wunsch, bevor Du gehst?" fragte der Rabbr. «Ich danke Euch, für die Herzlichkeit der Aufnahme in Eurem Hause. Aber ich erlaube mir zu bemerken, daß ich keine Ermüdung von der Reise und ebenso wenig Hunger verspüre. Während meines fünftägigen Rittes war ich Abends wohl müde und zerschlagen; aber auf der bequemen zweitägigen Fahrt mit Herrn Jaffe hierher, habe ich mich vollständig ausgeruht, auch habe ich unserer Wegzehrung so reichlich zugesprochen. daß ich jetzt nichts genießen kann. Dagegen habe ich aus dem Munde des Herrn Tusmenitz gehört, daß ick keine Zeit mit meinem Hier^rkommen verlieren solle, deßhalb wäre ich sofort bereit, die Unterweisung entgegen zu nehmen, die ich von Euch erhalten soll." Der Greis war sichtlich angenehm überrascht von der Festigkeit und Entschiedenheit und gleichzeitig von der Fügsamkeit und Verbindlichkeit des Tones, in dem diese Worte an ihn gerichtet wurden.

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